Alemannia: „Lizenz für die 3. Liga wurde erschlichen“

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
6071377.jpg
Auf 160 Seiten hat Prof. Dr. Rolf-Dieter Mönning für das Aachener Amtsgericht seinen „Tätigkeitsbericht, Gutachten, Kostendeckungsrechnung und Beschlussempfehlung“ zusammengetragen.
6072312.jpg
Das Deckblatt des Gutachtens
6071932.jpg
Klare Einschätzung des Insolvenzverwalters

Aachen. Auf 160 Seiten hat Prof. Dr. Rolf-Dieter Mönning für das Aachener Amtsgericht seinen „Tätigkeitsbericht, Gutachten, Kostendeckungsrechnung und Beschlussempfehlung“ zusammengetragen. Es ist seine Sicht der Dinge nach halbjähriger Recherche. Es ist die grausame Geschichte der Alemannia GmbH, die in die Insolvenz gerutscht ist.

Viele Vorgänge sind auch nach der Lektüre des Berichts, der der Redaktion vorliegt, noch unklar, viele Vorgänge müssen noch weiter be- und durchleuchtet werden.

Wie wird die Ausgangslage beschrieben?

Die Kanzlei Mönig und Partner, mit der Mönning schon in anderen Verfahren zusammengearbeitet hat, sollte Ende Oktober 2012 auf Bitten von Alemannias Aufsichtsrat die Finanz- und Ertragslage prüfen. Die Geldnot war so groß, dass das Gremium befürchtete, den Spielbetrieb in der 3. Liga nicht aufrechterhalten zu können. Anhand der Zahlen des damaligen Geschäftsführers Frithjof Kraemer ließ sich eine Liquiditätsunterdeckung von 1,5 Millionen Euro veranschlagen. Mönig und ein Consulting-Büro kamen zu ganz anderen Erkenntnissen. Zum Stichtag 7. November lag danach die Unterdeckung für Stadion und Alemannia Aachen GmbH bei 4,12 Millionen Euro, hochgerechnet bis zum 30. Juni 2013 sogar bei 12,43 Millionen Euro. Der insolvente Klub konnte die beiden letzten Heimspiele im Dezember 2012 nur aufgrund von Spendenzusagen über 625.000 Euro austragen. Die Spenden wurden später in nachrangige Darlehen umgewandelt, wesentlicher Darlehensgeber war Ex-Präsident Meino Heyen.

Gab es keine Warnhinweise in den Jahren davor?

Zwischen 2007 und 2012 wurden in der Alemannia Aachen GmbH Verluste von 5,2 Millionen Euro angehäuft. „Auffallend ist die Entwicklung der Personalkosten und der sonstigen Aufwendungen im Verhältnis zu den dargestellten Umsatzerlösen“, schreibt Mönning. An jedem Stichtag hätte es liquditätsmäßig ein desolates Bild gegeben. Ein eigenes erstes Sanierungskonzept wurde von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rölfs und Partner 2010 überprüft. Festgestellt wurde eine Liquiditätskrise, bedingt durch die Bedienung der Stadionkosten. Aber atypisch für einen herkömmlichen Krisenverlauf wurde auch festgehalten, dass keine Ertragskrise vorliege. Die Finanzexperten regten eine gerenelle Neu- und Umfinanzierung an. Als das Sanierungskonzept im März 2012 fortgeschrieben wurde, litt die Gesellschaft bereits auch unter einer Ertragskrise – hervorgerufen durch den sportlichen Misserfolg. „Daneben wird auch die verspätete Umsetzung der bereits 2010 geforderten Umfinanzierungsmaßnahmen als Grund angeführt.“ Warum letztlich die Finanzen mit Hilfe der Stadt erst im Juni 2012 neu strukturiert wurden, kann nicht beurteilt werden, schreibt Mönning. „Neben der im Prinzip dauerhaft bestehenden angespannten Finanzlage wurde die Krise noch dadurch verschärft, dass notwendige Kostenanpassungen verspätet oder unzureichend umgesetzt worden seien.“

Gibt es die Möglichkeit von insolvenzspezifischen Anfechtungen?

Generell: Insolvenzverwalter können mit einer Anfechtung eine Vermögensverschiebung ausgleichen, die entstanden ist, weil das Unternehmen zu spät Insolvenz beantragt hat. Im Klartext: Leute, die noch Geld bekommen haben, obwohl Alemannia schon zahlungsunfähig war, sind nicht geschützt und müssen eventuell zurückzahlen. Aus den Akten geht hervor, dass es bereits 2011 zu Zahlungsstockungen kam, die Anfang 2012 noch stärker wurden. Gegenüber dem Finanzamt gab es Ende 2011 erhebliche Rückstände, die mit mehrmonatiger Verspätung erst ausgeglichen wurden. „Inwieweit sich hieraus potenzielle Anfechtungsansprüche ergeben, hängt neben dem Zeitpunkt des Eintritts der Zahlungsunfähigkeit auch davon ab, wann dem Finanzamt eine Kenntnis der Zahlungsunfähigkeit unterstellt bzw. nachgewiesen werden kann“, schreibt Mönning. Über die drohende Insolvenz hatten mehrere Medien bereits seit geraumer Zeit berichtet.

Wie ist die juristische Schlussfolgerung?

In Frage kommen laut Gutachten Haftungsansprüche wegen Insolvenzverschleppung sowohl gegen Geschäftsführer Kraemer, die Mitglieder des Aufsichsrats und möglicherweise auch Schadensersatzansprüche gegen alle Beteiligten, die an dem gescheiterten Sanierungsversuch von März bis Juni 2012 mitgewirkt haben. Das zielt vermutlich auf die Stadt Aachen und die Ministerien ab. Fest steht, dass die Umfinanzierung des Stadions ohne ausreichende Ertrags- und Liquiditätsplanung erfolgte, so schreibt es Mönning. Planrechnungen für die 3. Liga wurden nicht erstellt, die im Gutachten ausgesprochenen Warnungen wurden nicht beachtet. Rölfs und Partner hatten in ihrer Expertise vom 9. März 2012 ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Voraussetzungen für eine Unternehmensfortführung bei Abstieg in die 3. Liga entfallen könnte. („Ohne weitergehende Sanierungsmaßnahmen, die bis zum 30. Juni 2013 liquiditätswirksam werden, muss davon ausgegangen werden, dass weder für die 2. noch für die 3. Liga eine Lizenz für die Saison 2012/13 erteilt wird“). Nicht alle Aspekte des Sanierungskonzepts seien eingehalten worden. Rölfs und Partner sahen sich aufgrund fehlender Erfahrungswerte nicht imstande, eine belastbare Planrechnung für die 3. Liga zu entwickeln. Der Gutachter hält fest: „Die Kreditgeber, die an der Umfinanzierung der Stadionkosten beteiligt waren, haben in voller Kenntnis einer fehlenden Ertrags- und Liquiditätsplanung die Umfinanzierung durchgeführt.“

Wer muss Schadenersatzansprüche befürchten?

Ansprüche gegen Meino Heyen könnten durch eine Darlehensgewährung entstanden sein, sollte dadurch die Insolvenz verschleppt worden sein, hält der Jurist fest. „Es muss aber noch eingehend geprüft werden, ob Herr Heyen hierdurch kausal einen Schaden für die Gesellschaft und/oder die Insolvenzgläubiger verursacht hat.“ Der frühere Geschäftsführer Kraemer hatte in seinem Arbeitsgerichtsprozess seinen ehemaligen Förderer massiv belastet. Heyen sei immer informiert gewesen. Jetzt fragt Mönning, ob Heyen auch wusste, dass die Lizenz für die 3. Liga mit falschen Angaben erschlichen wurde, nicht zuletzt mit der Absicht, ein Insolvenzverfahren zu diesem Zeitpunkt zu vermeiden.

Was droht Frithjof Kraemer?

Die zentrale Rolle bei Schadensersatz- und Anfechtungsansprüchen spiele der ehemalige Geschäftsführer. „Ihm wird kaufmännisches Versagen, Täuschung der Gremien, externer Vertragspartner, aber auch des DFB vorgeworfen.“ Ansprüche könnten sich ergeben, weil Kraemer gleichzeitig Geschäftsführer von beiden (insolventen) Gesellschaften war. Es gelte herauszufinden, welche Entscheidungen Kraemer auf Anweisung des Aufsichtsrats und welche er autonom ausgeführt habe.

Ungeklärt ist eine mögliche Haftung des Aufsichtsrats. Die Mitglieder hatten sich immer wieder verteidigt, dass Kraemer ihnen Zahlen und Fakten vorenthielt, dass sie getäuscht wurden. „Andererseits wurde seitens der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rölfs und Partner erklärt, dass Mitgliedern des Aufsichtsrats bzw. dem kompletten Gremiun wiederholt eine Unterrichtung unter Darlegung wirtschaftlicher und finanzieller Risiken angeboten wurde, ohne dass das Aufsichtsrat auf dieses Angebot eingegangen ist.“ Ansprüche gegenüber dem ehemaligen Schatzmeister Karl-Theo Strepp könnten sich im Zusammenhang mit der Gewährung von Darlehen der Mutter an die Tochter ergeben. Auch das müsse noch geprüft werden.

Wieso wurde der Klub dennoch für die 3. Liga zugelassen?

Fest stehe, dass die Lizenz für die 3. Liga mit falschen Angaben erschlichen wurde, so Mönning. Gegenüber dem DFB wurden falsche Angaben zur Kostensenkung und zur Erhöhung der Einnahmen gemacht. Dem Verband wurde eine zusätzliche Liquidität von zwei Millionen Euro vorgegaukelt, die Summe floss aber nach der Erteilung der Lizenz verabredungsgemäß an den Darlehensgeber Ufa sofort wieder zurück. Alle Beteiligten hätten gewusst, dass der GmbH in der Saison keine Mittel aus dem Darlehen zur Verfügung stehen würden, hält Mönning fest.

Wie geht es weiter?

Ein Berliner Sachverständiger prüft, wann die Insolvenz faktisch feststand. Mönning geht davon aus, dass das bereits Anfang 2012 der Fall gewesen ist. Das Gutachten, das zeitnah eintreffen soll, dürfte die juristische Basis für etwaige Ansprüche sein. Die Zeit drängt, wenn Alemannia das Insolvenzverfahren im Herbst beenden will. Das kleine Zeitfenster setzt eine schnelle, außergerichtliche Einigung voraus.

Leserkommentare

Leserkommentare (23)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert