Alemannia: Kritik vom ehemaligen Insolvenzverwalter

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An alter Wirkungsstätte: Rolf-Dieter Mönning begleitete Alemannia bei der ersten Insolvenz. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Mit Insolvenzen kennt sich Rolf-Dieter Mönning aus. Es ist sein Metier. Bei Alemannia Aachens finanziellem Zusammenbruch vor vier Jahren wurde der Aachener als Insolvenzverwalter bestellt.

Am Ende des Verfahrens gab es auch Kritik, weil Mönning für den so genannten „Sanierungsgewinn“, der durch den millionenschweren Schuldenerlass entstanden ist, nicht die Stundung bzw. die Freistellung von Steuernachzahlungen beim Finanzamt eingeholt habe. Das Thema schwebt immer noch wie eine dunkle Wolke über dem Tivoli. Weiterhin drohen Nachzahlungen von etwa 2,6 Millionen Euro. Unser Redakteur Christoph Pauli unterhielt sich mit Mönning über Vergangenheit und Gegenwart.

In der Zweckgesellschaft, die nach der ersten Insolvenz gegründet wurde, steht gerade eine Ausschüttung von einer halben Million an. Es gab vor ein paar Wochen mal die Idee, die Gläubiger um den Verzicht zu bitten, um Alemannia mit dem Geld zu unterstützen. Was ist aus dem Projekt geworden?

Mönning: Die Gremien der Zweckgesellschaft kommen noch vor Ostern zusammen. Der Geschäftsführer hat beantragt, eine erste Ausschüttung an den Treuhänder zu beschließen, der das Geld anschließend nach den Bestimmungen des Insolvenzplans an die Gläubiger auszahlt. Wir haben den Gremien der Alemannia frühzeitig signalisiert, dass wir uns aber auch vorstellen könnten, eine von der Alemannia geäußerte Bitte zu unterstützen, das Geld nicht an die Gläubiger, sondern an die Alemannia auszuzahlen.

Eigentlich ist dieses Vorhaben mit der neuerlichen Insolvenz erledigt, vermutlich ist die Bereitschaft der Gläubiger jetzt noch geringer. Anders könnte es sein, wenn der Insolvenzverwalter ein überzeugendes Konzept vorlegen kann. Insoweit warten wir jetzt einmal ab, ob Christoph Niering (der aktuelle Insolvenzverwalter; Anm. d. Red.) diese Idee aufgreifen will.

Die Stimmung in der Runde ist allerdings nicht optimal für die Alemannia, nachdem Horst Reimig (ehemaliger Aufsichtsrat; Anm. d. Red.) behauptet hat, dass im ersten Insolvenzverfahren eine Erklärung des Finanzamtes zur Befreiung der Alemannia von der Besteuerung des durch den Insolvenzplan entstandenen Sanierungsgewinns hätte eingeholt werden müssen. Wir wollen erst einmal sehen, dass das richtig gestellt wird.

Ist das denn kein Versäumnis in dem Verfahren damals gewesen?

Mönning: Nein, das ist Unfug, das wird nur erzählt, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Das Einzige, das tatsächlich fehlt, ist eine sogenannte verbindliche Auskunft der Finanzverwaltung. Die kann jeder Steuerpflichtige beantragen, um Planungssicherheit zu erhalten, weil das Finanzamt sich dann in Bezug auf die Verfahrensweise, also die Anwendung bestimmter Vorschriften, festlegt.

Eine unmittelbare Steuerbefreiung ist damit aber nicht verbunden. Die Auskunft war für den April 2014 avisiert. Die Alemannia wollte das Insolvenzverfahren aber spätestens bis Ende März 2014 beendet haben, weil sonst der Vermarkter Infront ein außerordentliches Kündigungsrecht gehabt hätte.

Was ist damals passiert?

Mönning: Auf meine Anfrage hat die Alemannia schriftlich mitgeteilt, dass die schnelle Aufhebung Vorrang haben sollte. Deshalb habe ich – ohne die Auskunft des Finanzamtes abzuwarten – die Aufhebung zum 31. März 2014 beim Amtsgericht beantragt. In begleitenden Gesprächen hatte das Finanzamt aber signalisiert, dass der sogenannte Sanierungserlass, der unter bestimmten Voraussetzungen von der Besteuerung des Sanierungsgewinnes absieht, angewendet würde. Das war ja auch logisch: Das Finanzamt kann ja schlecht dem Sanierungsplan zustimmen, um uns anschließend Steine in den Weg zu legen.

Warum ist die Abstimmung mit den Finanzämtern denn inzwischen nicht längst erfolgt?

Mönning: Weil sich Alemannia über zwei Jahre Zeit gelassen hat. Deswegen ist Alemannia jetzt noch von einem Urteil des Bundesfinanzhofs in diesem Kontext betroffen. Wenn sich Geschäftsführer und Gremien darum gekümmert hätten, wäre das Thema längst erledigt gewesen. Ich habe mehrfach in den letzten Jahren um Tempo gebeten, auch aus der Sorge heraus, dass die EU den Sanierungserlass als verkappte Beihilfe kassiert. Jetzt im neuerlichen Insolvenzverfahren hat das Finanzamt Probleme, den Sanierungserlass rückwirkend anzuwenden. Steuern können nur erlassen werden, wenn die Firmen sanierungswürdig und -fähig sind.

Sind die Gläubiger denn bereits angeschrieben und um eine Kollekte gebeten worden?

Mönning: Nein, das hat Alemannia meines Wissens nicht gemacht. Es gab einen Briefentwurf, den ich mit einigen Anmerkungen und der Empfehlung versehen habe, ein überzeugendes Gesamtkonzept vorzulegen. Es ist aber nicht mehr zu einer Versendung gekommen.

Adressiert werden soll der Bittbrief an die beiden großen Gläubiger AachenMünchener und Stadt Aachen?

Mönning: Das sind die größten aus einem Kreis von mehreren hundert Gläubigern, die noch Ausschüttungen erhalten werden. Die sogenannten Kleingläubiger sind bereits in der ersten Ausschüttung nach Maßgabe des Insolvenzplans befriedigt worden. Unter den Gläubigern befinden sich auch das Finanzamt und die Bundesagentur für Arbeit. Da muss man schon ein überzeugendes Sanierungskonzept vorlegen, um deren Zustimmung für eine Auszahlung an die Alemannia zu erreichen. Die Gläubiger werden auch wissen wollen, ob damit die externe Investorenlösung vom Tisch wäre. Das ist harte Überzeugungsarbeit.

Welchen Eindruck haben Sie von dem Klub in den letzten Jahren?

Mönning: Die Traditionsvereine fühlen sich in die Regionalliga zwangsversetzt, sie haben ein anderes Selbstwertgefühl. Wichtig ist daher eine realistische Einschätzung der Lage. Das habe ich damals auch als Insolvenzverwalter gepredigt, wohl ohne durchschlagenden Erfolg.

Warum ist ein Klub mit einer soliden Fortführungsprognose nach drei Jahren schon wieder am Ende?

Mönning: Wenn ich mehr ausgebe, als ich einnehme, kommen die Probleme zwangsläufig. Trainerwechsel, die Einstellung und Entlassung von Geschäftsführern, Streit in Führungsgremien tun ihr Übriges. Wenn ein Klub in der Regionalliga mit einem Zuschauerschnitt von 6500 nicht klarkommt, stimmt etwas nicht. Dann verhalte ich mich so, als wäre ich in einer ganz anderen Liga.

Was halten Sie Alemannia vor?

Mönning: Der Verein ignoriert, wo er sich befindet. Und dann gab es diese unsägliche Entscheidung für den Sportdirektor Klitzpera, in einer Phase, als die Alemannia entgegen aller Prognosen hätte aufsteigen können. Unsere Planung im Insolvenzverfahren war, dass wir bis spätestens 2020 die Rückkehr in die 3. Liga schaffen.

Dann ergab sich aber unter den Trainern Schubert und Plaßhenrich die einmalige Chance, vorzeitig aufzusteigen, bis zu dieser völligen Fehlentscheidung, die zu der schrecklichen Debatte zwischen Trainer und Geschäftsführer in aller Öffentlichkeit und dem Verspielen der Aufstiegschance geführt hat. Es ist eine Summe von Versäumnissen, die der aktuelle Insolvenzverwalter jetzt minutiös auflisten wird.

Sind Sie emotional und gedanklich weit weg von dem Klub?

Mönning: So ganz cool lässt einen die Geschichte nicht. Wie jeder Öcher, bin ich mit dem Klub verwurzelt und jeder fragt sich: Wie ist das nur möglich, wie kann man als entschuldeter Verein mit einem funktionierenden Team, einem international agierenden Vermarkter, einem guten Verhältnis zu Fans und DFB eine so optimale Ausgangsbasis so leichtfertig verspielen? Da gibt es schon eine Portion Wut und Ärger. Und wenn ich dann am Ende noch Verantwortlichkeit bei anderen sogar bis in die Reihen der Fans suche, vergraule ich die letzten Unterstützer.

Haben Sie wirklich die Illusion, dass solche Vereine ohne frisches Investorengeld überleben können?

Mönning: Mit der zweiten Insolvenz wird die Lage sehr schwierig, weil der Frust größer wird, und sich viele Leute innerlich von der Alemannia verabschiedet haben. Im Umfeld und in der Region steckt unverändert das Potenzial, diesen Verein auch ohne externe Investoren wirtschaftlich und sportlich erfolgreich zu führen.

Aber Investoren sind nicht von vornherein etwas Schlimmes, es kommt einzig und allein auf deren Konzept und deren wirtschaftliche und finanzielle Potenz an. Jetzt gibt es viel verbrannte Erde. Kollege Niering hat da einen richtigen Kraftakt vor sich. Aber : Lassen Sie Alemannia noch sechs Spiele gewinnen und die Viktoria dreimal verlieren – und schon scheint die Sonne, und man kann den Insolvenzantrag wieder zurücknehmen.

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