Alemannia fordert Millionen von Kraemer

Von: Christoph Pauli
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Ungerechtfertigt gekündigt? Kläger Frithjof Kraemer (Mitte) am Freitag im Aachener Justizzentrum. Foto: Andreas Steindl
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Ex-Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer kämpft vor dem Aachener Landgericht um seine Ehre. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Am Ende erkundigte sich Dr. Wolfgang Bender beim Landgericht bei den streitenden Parteien noch einmal nach einer möglichen gütlichen Einigung. Es war nur eine formale Frage des Vorsitzenden Richters der Kammer für Handelssachen, längst war im Verfahren deutlich geworden, dass das Tischtuch zwischen Alemannia Aachen und dem ehemaligen Geschäftsführer Frithjof Kraemer für alle Zeiten zerschnitten ist.

Kraemer wäre zu einer Einigung bereit gewesen, falls sein Ex-Verein die fristlose Kündigung zurückgenommen hätte. Alemannias Rechtsbeistand Dr. Johannes Delheid dagegen schlug ihm vor, die Klage zurückzunehmen. Kraemer habe doch die Öffentlichkeit mit seiner Klage selbst hergestellt, und der Verein nutze diese Gelegenheit gerne, um ein paar Sachen deutlich anzusprechen.

Das Verfahren wird am 17. Mai fortgesetzt. Es geht um eine „Frage der Ehre“. Ökonomische Vorteile würde Kraemer selbst bei einem letztinstanzlichen Erfolg nicht haben, er könnte seine Ansprüche dann nur in die Insolvenztabelle eintragen...

Der Diplom-Kaufmann will mit der Klage vom Gericht feststellen lassen, dass seine fristlose Kündigung vom 31. Oktober 2012 nicht wirksam ist. Mehr Zuschauer als aktuell bei Alemannias Training verfolgten das Verfahren. Der 40-Jährige legte dar, dass die finanzielle Misere schon mit dem Neubau des Tivolis begonnen habe. Damals habe man sich schlicht übernommen.

Die Malaise habe Geschwindigkeit aufgenommen durch den sportlichen Misserfolg. „Dafür kann man mich aber nicht verantwortlich machen.“ Auf das Wirken von Sportmanager Erik Meijer verwies Kraemer mehrfach. Der habe neben dem Abstieg auch zur finanziellen Misere erheblich beigetragen. Der ohnehin eher üppige Sportetat sei am Ende der Zweitliga-Saison noch einmal um 580.000 Euro überzogen worden.

Im Gerichtssaal wurde Tacheles geredet an diesem Tag – vor allem von Delheid. „Sie haben den Verein vor die Wand gefahren. Entweder waren Sie unfähig oder unredlich“, hielt er Kraemer vor. „Sie müssen sich schämen.“ Dessen Buchführung sei schlicht „katas–trophal“ und enorm mangelhaft gewesen. „Das alleine wäre schon ein Kündigungsgrund.“ Weitere „unglaubliche Vorgänge“ listete der Jurist auf.

Dem Praktikanten Markus Daun (Ex-Profi) habe Kraemer am 26. Oktober ein Darlehen über 40.000 Euro gewährt und es ihm noch am selben Tag erlassen, ohne den Aufsichtsrat zu informieren. Kraemer sah die Dinge anders, in der Angelegenheit Daun habe er wieder einmal für den nicht mehr anwesenden Geschäftsführer Sport die Versprechungen erfüllen müssen. Die Summe sei schlicht die vereinbarte Vergütung für monatelange Arbeit gewesen. Für Delheid dagegen war dieser Fall von „Steuer- und Beitragshinterziehung“ ein weiterer Kündigungsgrund.

Die rechtzeitige Unterrichtung des Aufsichtsrats ist eines der Streitthemen vor Gericht. Ale- mannia reklamiert, dass das Gremium weder über ein Darlehen von 350.000 Euro von einem Übach-Palenberger Geschäftsmann, noch über ein Darlehen von 360.000 Euro vom Ex-Präsidenten Meino Heyen informiert worden sei. Kraemer hat eine andere Sicht der Dinge.

Er habe sich permanent mit Heyen als Vorsitzendem des Aufsichtsrats abgestimmt. „Ich muss davon ausgehen, dass er die Informationen weiterreicht.“ Für Delheid war auch das keine Entlastung. „Es gibt eine Unterrichtungspflicht gegenüber dem Gremium, nicht gegenüber einzelnen Personen.“ Die Kontrolleure müssten sich darauf verlassen können, dass die vorgelegten Zahlen in Ordnung seien. „Das ist die Verantwortung des Geschäftsführers.“

Der Aufsichtsrat sei erst im Oktober, demnach viel zu spät, von der drohenden Unterdeckung informiert worden. Nun drohe Kraemer auch ein Strafverfahren wegen Insolvenzverschleppung, vermutete Delheid.

Die Kammer versuchte sich am Freitag einen ersten Überblick zu verschaffen, wer wann welche Zahlen kannte, wer wann hätte Entwicklungen erkennen müssen. Es ist ein mühsames Geschäft. Gesichert ist nur, dass bis Ende November das Defizit anwuchs auf 4,1 Millionen Euro, ehe die Notbremse gezogen wurde. Ein entscheidender Punkt für das Gericht ist Kraemers Auskunftverhalten gegenüber dem DFB.

Bei einem Sondierungsgespräch im September hatte Kraemer noch mitgeteilt, dass das Betriebsergebnis im ersten Halbjahr 531.000 Euro über Plan liege. Inzwischen steht fest, dass schon damals 777.000 Euro fehlten. Der Dachverband hatte Alemannia wegen Verstößen im Lizenzierungsverfahren bereits mit zwei Punkten Abzug bestraft. Der DFB ahndete „grob fahrlässige, nicht wahrheitsgemäße Angaben“. Strittige Punkte gab es viele.

Kraemer soll zwei Millionen Euro, die bei der Stadt als Sicherung für die Fananleihe auf einem Treuhandkonto festgelegt waren, als „liquide Mittel“ des Klubs gemeldet haben. Weitere Abweichungen gab es beim Personalaufwand. Aus kalkulierten 755.000 Euro wurden 1,3 Millionen Euro. Die Zahl der Mitarbeiter sank nicht wie angegeben auf zwölf, sondern lag bei 38 – bis die Sanierer eintrafen. „Wenn Sie falsche Angaben gegenüber dem DFB gemacht haben, kann Sie keiner mehr retten“, so Richter Bender. Die Kammer will sich selbst ein Bild machen.

Auf Kraemer wartet ohnehin ein juristischer Marathon. Bei der Staatsanwaltschaft Köln laufen die Ermittlungen nach zwei Strafanzeigen, und auch Alemannia will sich schadlos halten. Eine Schadenersatzklage in Millionenhöhe sei in Vorbereitung, kündigte Delheid an – orientiert am dramatischen Wertverfall des Vereins. Nicht ausschließen wollte der Anwalt, dass auch Meijer und Heyen noch „der Streit“ erklärt wird, wenn sich dafür Anhaltspunkte ergeben.

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