Alemannia erreicht das Endspiel

Von: Christoph Pauli
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Trainerbank, jubelnd: Physio J
Trainerbank, jubelnd: Physio Julian Holz (v.l.), Arzt Dr. Jordanis Gissis, Torwarttrainer Hans Spillmann, Erik Meijer, Ralf Aussem und sein Co-Trainer Michael Burlet freuen sich aufs Finale.

Aachen. Kurz vor Spielbegann spendeten die Lautsprecher Trost: Alemannias Hymne knarzte, und tausende Fans stimmten mit ein. Eine gute Portion Melancholie durchflutete das Stadion. Es hätte das letzte Mal für lange Zeit sein können, dass Jupp Ebert sein Lied in der 2. Liga vorträgt. Hätte.

Denn Alemannias drohender Abstieg ist mindestens um eine Woche verschoben. Dieser hoch verdiente 1:0-Erfolg gegen den direkten Konkurrenten Karlsruher SC schürt die Hoffnung wieder. „Das war heute das Halbfinale”, fasste der Torschütze Aimen Demai den elektrisierenden Nachmittag zusammen. „Jetzt stehen wir im Finale.”

Endspiele finden in diesen Tagen bevorzugt in München statt. Und dort, bei 1860, kann Aachen noch durch die Hintertür die Relegation erreichen - ein Sieg ist Pflicht, und Karlsruhe darf gegen Eintracht Frankfurt nicht gewinnen. „Das war das wichtigste Spiel der Saison”, atmete Demai dann durch. „Das nächste wichtigste Spiel der Saison folgt direkt.” Die Mannschaft eilt von Woche zu Woche zum nächsten Endspiel. Sie kann die Relegation auch am letzten Spieltag nicht mehr aus eigener Kraft schaffen, aber die Stimmung hellte sich auf. „Jetzt üben wir Druck auf Karlsruhe aus, unsere Ausgangslage hat sich gebessert, auch wenn wir nichts erreicht haben”, rechnete der starke Innenverteidiger Tobias Feisthammel vor. „Es geht mit Vollgas weiter.”

Das nahezu abgeschriebene Team hat sich eingenistet in der Rolle des krassen Außenseiters. „Für viele sind wir abgestiegen, aber wir glauben felsenfest, dass wir die Saison noch reparieren können”, referierte Kapitän Benny Auer. Auf einmal klingen die Sätze so optimistisch wie im Homeshopping-Kanal. Wenn man alle Koordinaten zusammenzieht, bleibt die Gefahr des Abstiegs zwar sehr real, und doch wächst die Hoffnung.

Ralf Aussem musste die Mannschaft stärker als gewollt umbauen. Für Kapitän Kim Falkenberg ist die Saison mit einem Muskelbündelriss beendet. Für ihn verteidigte der treue Mirko Casper. Im Sturm vertraute der Trainer noch einmal Auer. Marco Stiepermann rückte dafür eine Position nach hinten. Für Bas Sibum war erneut kein Platz im Kader.

Karlsruhe kam gut ausgepolstert mit Selbstvertrauen ins Stadion. Die ersten Minuten gehörten dem Gast, doch ein Fernschuss von Alexander Iaschwili (2.) war die einzige Ausbeute. Aachens Start war nervös, es ging um alles, doch im Laufe der Zeit bekamen das Team das Kinn von der Brust. Die ersatzgeschwächte Mannschaft straffte sich, zeigte in extremer Lage eine bemerkenswerte Leistung.

Man kann das Spiel gut an den Standards von Kevin Kratz erzählen. Karlsruhe ist bei ruhenden Bällen eines der größten Liga-Opfer, schon 31 Mal klingelte es bei solchen Anlässen. Kratz ersten Freistoß von der linken Seite kratzte Keeper Orlishausen noch am Pfosten vorbei (11.). Die Erlösung folgte nach einem Eckball, Demai köpfte die Kratz-Flanke aus drei Metern ein - 1:0 (20.). Die Fieberkurve schlug aus, zumal die Führung von Union Berlin gegen Hansa Rostock aufblinkte.

Es ist eine weitere Pointe, dass der Mann, den der erste Trainer Peter Hyballa aussortierte, der laut Manager Erik Meijer „nie wieder für Aachen spielen” werde, die Frist des Klubs in Liga 2 verlängerte. „Es ist schön, dass der beste Spieler der letzten Wochen das Duell entscheidet”, grinste Ralf Aussem. Vielleicht war das der letzte Auftritt Demais in Aachen, sein Vertrag läuft aus, Gespräche hat es noch nicht gegeben.

Auch der nächste Eckball von Kratz führte zu einer Großchance, Auer verpasste um Millimeter das 2:0. Gespielt war da erst eine halbe Stunde, und Aachen nahm den Gegner in den Schwitzkasten. Keine Frage, wer im Duell der Abstiegsgeweihten besser unterwegs war. Der ziemlich überdrehte Uludag scheiterte mit einem kernigen Schuss noch einmal an Orlishausen (41.). Alemannia blieb das bessere Team, die Spannung baute sich unnötig auf, weil Feisthammel die nächsten Hereingaben von Kevin Kratz nicht verwandelte (53./71.). „Die Stadionuhr tickte zu langsam”, sagte Aussem nach der Nervenschlacht. Der überlebensnotwendige Sieg kam trotzdem nicht mehr in Gefahr. „Wir sind wieder da, jeder glaubt noch an das Wunder”, sagt Aussem. Für ihn war es die größte Herausforderung der noch jungen Karriere im Profilager. Er bestand sie bravourös.

Am Ende des Spieltags umarmten sich die beiden Trainer und wünschten sich gegenseitig Glück für den letzten Spieltag. Einer wird am kommenden Sonntag die Liga verlassen müssen. In Aachen glauben sie an die Wiederauferstehung. Nach Spielende brauchten die Fans keine Vorlage mehr, sie stimmten ihre Hymne von alleine an. „Youll never walk alone.” Ihr bleibt nicht alleine. Die Zuversicht ist zurückgekehrt.

Das Spiel war aus, und Erik Meijer machte sich noch einmal auf den Weg. Der Manager, der am Saisonende ausscheidet, drehte eine letzte, tränenreiche Ehrenrunde am Tivoli. Der Publikumsliebling wurde minutenlang gefeiert. Exakt konträre Reaktionen gab es für seinen Geschäftsführer-Kollegen. Mehrfach wurden „Kraemer-Raus”-Rufe angestimmt. Der Aufsichtsrat wurde auf Transparenten und in Mitteilungen aufgefordert, die Amtszeit Kraemers zu beenden. „Schluss mit der Geheimnis-Krämerei” war in der Stehkurve zu lesen. Alemannias Geldhüter wird vorgeworfen, für die finanzielle Misere verantwortlich zu sein. Aufsichtsrats-Chef Meino Heyen hat angekündigt, den Ende 2012 auslaufenden Vertrag verlängern zu wollen. Im Abstiegsfall würde das Arbeitsverhältnis allerdings im Sommer enden. Vorerst.
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