Fluch der Karibik Freisteller Jack Sparrow Kino

Alemannia: Die Dokumentation eines Scheiterns

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
6952194.jpg
Am Dienstag vermutlich der letzte Arbeitstag am Tivoli: Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning.

Aachen. Die Alemannia Aachen GmbH wurde am 27. Juni 2006 unter der Registernummer HRB 13710 in das Handelsregister beim Amtsgericht Aachen eingetragen. Damals war Alemannia gerade in die Bundesliga aufgestiegen. Sinn der Ausgliederung war „die Fokussierung auf den Profi-Fußball mit dem Ziel, professionelle Strukturen zu schaffen, die auf Dauer eine Etablierung der Alemannia in den höchsten (beiden) Spielklassen sicherstellen sollte“.

Am Dienstag soll die Zahlungsunfähigkeit beim Fußball-Viertligisten beendet sein, wenn Alemannias Gläubiger im Eurogress den Insolvenzplan akzeptieren. Auf 148 Seiten hat Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning die Geschichte von Alemannias wirtschaftlichem Niedergang und seine Gegenmaßnahmen aufgeschrieben. Es ist die Dokumentation eines Scheiterns, wie es noch nicht viele Profi-Vereine in Deutschland erlebt haben. „Ziel des Insolvenzplanes ist die Reorganisation des insolventen Unternehmensträgers Alemannia Aachen GmbH“, schreibt Mönning staubtrocken in der Einleitung. „Deswegen werden umfassende leistungswirtschaftliche und finanzwirtschaftliche Maßnahmen durchgeführt, die zur Beseitigung der Insolvenzgründe und zur nachhaltigen Wiederherstellung der Ertragskraft führen sollen.“ Soweit der Plan. Ein Sportverein, der über seine Verhältnisse gelebt hat, wird von Juristen saniert.

Die Ausgangslage im Herbst 2012

Ende Oktober 2012 wurde die Kanzlei Mönig und Partner aus Münster mit der EmsVechte Consulting Group aus Steinfurt beauftragt, die Finanz- und Ertragslage zu prüfen. Ergebnis: Für die Alemannia Aachen GmbH wurde eine Unterdeckung von 2,8 Millionen, für die Stadion GmbH eine Unterdeckung von 1,3 Millionen Euro (Stichtag: 7.11.2012) festgestellt. Aus den 4,1 Millionen würde bis zum Saisonende eine Unterdeckung von 12,4 Millionen Euro entstehen – wenn der Betrieb wie bisher fortgeführt würde. Ergebnis dieses Ergebnisses: Am 23. November 2012 beantragte der damalige Geschäftsführer Uwe Scherr die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Schon die letzten beiden Heimspiele waren nicht finanziert, konnten nur ausgetragen werden aufgrund von Spendenzusagen, die später in nachrangige Darlehen umgewandelt wurden. Größter Geldgeber war der damalige Präsident Meino Heyen.

Gläubiger am Ende des Verfahrens

Aus der Ende Oktober festgestellten Unterdeckung von 4,1 Millionen Euro sind am Ende des Verfahrens Forderungen von 72,217 Millionen geworden, die zur Insolvenztabelle angemeldet wurden. Etwa drei Millionen davon werden bestritten. „Hinzu kommen eventuell die Forderungen von Gläubigern nach Durchsetzung von Anfechtungsansprüchen, da in entsprechender Höhe die Forderungen der Gläubiger im entsprechenden Rang wieder aufleben“, steht im Plan.

Sanierungskonzepte

Die Historie: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rölfs WP Partner stellte im April 2010 bereits eine Liquiditätskrise fest. Ursache: die Bedienung der Verbindlichkeiten durch den Tivoli-Neubau. Eine Neu- und Umfinanzierung wurde empfohlen. Beim Plan-Ist-Vergleich für Sport und Stadion GmbH für die Jahre 2010 bis 2012 ergaben sich Abweichungen von fast elf Millionen Euro. Das Sanierungskonzept wurde im März 2012 fortgeschrieben, zur Liquiditäts- war inzwischen auch eine Ertragskrise – hervorgerufen durch sportlichen Misserfolg – hinzugekommen. Vor diesem Hintergrund erfolgte im ersten Halbjahr 2012 die Umfinanzierung der Tivoli-Kredite in Höhe von 45,7 Millionen Euro. „Neben der im Prinzip dauerhaft bestehenden Finanzlage wurde die Krisensituation noch dadurch verschärft, dass notwendige Kostenanpassungen verspätet oder nicht ausreichend umgesetzt wurden. Zudem gab es keinen Plan B: Für die 3. Liga fehlten integrierte Planrechnungen“, fasst Mönning zusammen.

Wann trat Zahlungsunfähigkeit ein?

Ein Unternehmensberater hat inzwischen gutachterlich festgestellt, dass der Zeitpunkt bereits am 1. Februar 2012 vorlag. So liegt zwischen diesem Datum und der Einreichung des Antrags im Herbst der Anfechtungszeitraum für Zahlungen, die dazwischen geleistet wurden. Die Anspruchsgegner sind zur Rückerstattung aufgefordert, eine Berliner Kanzlei hat das Mandat.

Anfechtungen

Bislang durchgesetzt sind Ansprüche gegen die Ufa (250000 Euro), gegenüber dem DFB (per Vergleich 138000 Euro) und dem Finanzamt Aachen, an das der damalige Geschäftsführer Frithjof Kraemer kurz vor dem Insolvenzverfahren die Umsatzsteuer abgeführt hatte (175000 Euro). Insgesamt wurden seit Eröffnung des Verfahrens 656585 Euro realisiert. Weitere Ansprüche bestehen laut Mönning unter anderem gegenüber dem Finanzamt Aachen-Stadt (3,2 Mio. Euro). Die Ansprüche sollen von der neuen Alemannia Aachen Zweckgesellschaft verfolgt werden. Noch vorhandene Ansprüche der GmbH gegen Dritte werden dorthin übertragen. Das Geld würde den Gläubigern in einer zweiten Ausschüttung zugeteilt.

Haftungsansprüche

Ein Jurist aus Köln ermittelt mögliche Haftungsansprüche gegen die Organe Alemannias. In Betracht kommen Konzernhaftungstatbestände, Verstöße gegen die Kapitalerhaltungsvorschriften, Haftungsansprüche wegen Insolvenzverschleppung gegen den Geschäftsführer sowie die Aufsichtsräte und „möglicherweise auch Schadenersatzansprüche gegen alle Beteiligten, die an dem gescheiterten Sanierungsversuch in der Zeit von März bis Juni 2012 mitgewirkt haben“. Die Prüfung läuft. Eine mögliche Aufsichtspflichtverletzung liegt ohnehin nur vor, wenn die Geschäftsführer in die Haftung genommen werden. Seit fast einem Jahr ermittelt die Staatsanwaltschaft in Köln die strafrechtliche Relevanz, bislang gibt es nicht einmal einen Zwischenbescheid.

Geprüft wird auch das Wirken eines Wirtschaftsprüfers, der keine insolvenzrechtliche Überschuldung sah. Schließlich kommen Haftungsansprüche gegen Geschäftsführer Uwe Scherr wegen der „möglicherweise unwirksamen Kündigungen von drei Trainern in Betracht“ (Ralf Aussem, Michael Burlet, Hans Spillmann). Ein absehbarer juristischer Streit – gegebenenfalls über mehrere Instanzen – wird unvermeidlich sein, kündigt Mönning an.

Vier Gruppen

Die Vorgabe für das Planverfahren: Kein Gläubiger soll schlechter abschneiden als er das ohne Plan würde. Die Gläubiger werden in vier Gruppen zusammengefasst: 1. Bürgschaftsnehmer, 2. Kleingläubiger, 3. Anleihegläubiger, 4. nicht nachrangige Gläubiger (siehe Grafik). Die Gläubiger der ersten Gruppe haben Forderungen von 45,79 Millionen Euro. Für diese Gruppe steht ein Volumen von 223000 Euro zur Verfügung (Quote: 0,5 Prozent). Die geringe Quote, mit der sich die Gläubiger bereits einverstanden erklärt haben, rechtfertigt sich damit, „dass die Gläubiger aus dem Hauptschuldverhältnis mit der Stadion GmbH ebenfalls eine Quotenzahlung erhalten werden“. „Eine deutliche Reduzierung der angemeldeten Forderungen erscheint in den Gruppen 2, 3 und 4 wahrscheinlich“, schreibt Mönning. Sein Fazit: „Hieraus ergibt sich, dass alle Gläubiger eine höhere Quote als im Fall der Regelabwicklung erwarten können, die mit 0,09 Prozent ermittelt wurde.“

Ausschüttungen

Sobald der Plan rechtskräftig bestätigt wird, wird ein Teil der vorhandenen liquiden Mittel von insgesamt 1,286 Mio. Euro für Verfahrenskosten und Masseverbindlichkeiten verwendet. Es verbleiben danach 575500 Euro – Geld für die erste Ausschüttung, die innerhalb von sechs Wochen nach Rechtskraft des Plans verteilt wird. Eine zweite Ausschüttung ist vorgesehen, sobald alle Ansprüche, die in die Zweckgesellschaft ausgelagert werden, durchgesetzt sind – das kann Jahre dauern.

Die Infrastruktur

„Der Tivoli zählt architektonisch zu den schönsten Sportanlagen in Deutschland. Die hochwertige Ausstattung verursacht aber Kosten, die in der Regionalliga nicht und in der 3. Liga nicht vollständig aus eigener Kraft dargestellt werden können“, steht im Plan. Bislang gelte die Nutzungsvereinbarung mit der Stadt nur für diese Saison. Aufgabe des neuen Geschäftsführers werde es sein, eine dauerhafte Lösung zu finden. Das Angebot im Logen- und Business- Bereich liege gegenwärtig weit über dem Niveau der Ligakonkurrenten und müsse angepasst werden, weil es als „unangemessen eingestuft wird und zudem den falschen Eindruck eines bereits erreichten wirtschaftlichen Wohlstands vermittelt, während bis auf weiteres Bescheidenheit angesagt ist“. Im Insolvenzverfahren selbst gab es laut Mönning Überlegungen, den Tivoli stillzulegen (jährliche Kosten: mindestens 500.000 Euro) oder gar abzureißen. „Solche Ideen wurden erst vom OB der Stadt Aachen und der Ministerpräsidentin des Landes zerschlagen.“

Die Perspektive

„Bedingt durch die Abstiege und das finanzielle Desaster haben alle bisherigen Sponsoren ihr Engagement erheblich reduziert. Wichtige Unterstützer sind in der Regionalliga ganz weggeblieben und machen ein erneutes Engagement vom erfolgreichen Abschluss des Insolvenzverfahrens und einer sportlichen Perspektive (sprich Wiederaufstieg) abhängig. Das sportliche Leitbild verlangt, dass der Klub spätestens in der Saison 2014/15 den Wiederaufstieg anstreben kann. Angesichts der vorhandenen Infrastruktur ist ein Verbleib in der 4. Liga finanziell auf Dauer nicht zu bewältigen.“ Voraussetzung für eine plankonforme Umsetzung der Ertragsvorschau sei eine Anschlussvereinbarung mit der Stadt Aachen, dass der Tivoli über die Saison hinaus zu den aktuellen Konditionen genutzt werden darf, schreibt Mönning. Andernfalls fehle die Geschäftsgrundlage für die Erhaltung des Spielbetriebs. Die Signale gibt es längst. In einem anderen Punkt muss sich der Insolvenzverwalter korrigieren. In den Businesspla-nungen ist zugrunde gelegt, dass die Mitgliedsbeiträge an die GmbH weitergeleitet werden. Eins der vielen Gutachten liegt vor, danach besteht dafür überhaupt kein Rechtsanspruch. Der Verein muss nur für Dienstleistungen der Verwaltung aufkommen.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert