Aachen - Aachener Unternehmer wollen Alemannia retten

Aachener Unternehmer wollen Alemannia retten

Von: Christoph Pauli und Bernd Büttgens
Letzte Aktualisierung:
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Thomas Deutz, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Creutz & Partners, der Spediteur Tim Hammer, der Bäckermeister Michael Nobis, der Bauunternehmer Helmut Kutsch (von links in Bild) und Mercedes Benz-Niederlassungsleiter Jochen Dimter wollen die Alemannia retten. Foto: Andreas Steindl
Helmut Kutsch
Der Bauunternehmer Helmut Kutsch. Foto: Andreas Steindl
Michael Nobis
Der Bäckermeister Michael Nobis. Foto: Andreas Steindl
Thomas Deutz
Thomas Deutz, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Creutz & Partners. Foto: Andreas Steindl
Tim Hammer
Der Spediteur Wolfgang „Tim“ Hammer. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Sie sind an Bord geblieben oder sogar erst gekommen, als andere fluchtartig das sinkende Schiff verließen. Sie sind Fans, überzeugte Aachener, „und irgendeiner muss ja am Ruder bleiben“, sagen sie. Der Spediteur Wolfgang „Tim“ Hammer, Thomas Deutz, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Creutz & Partners, der Bäckermeister Michael Nobis, der Bauunternehmer Helmut Kutsch und Mercedes Benz-Niederlassungsleiter Jochen Dimter: Sie wollen nicht zusehen, wie Alemannia untergeht.

„So eine Marke kann man doch nicht einfach abmelden“, sagt Nobis. „Alemannia ist eines der großen Aushängeschilder dieser Stadt“, sagt der zugereiste Dimter, „man muss die Kräfte bündeln, um es zu erhalten.“

Bislang arbeiten die Männer ein bisschen im Schatten der Sanierer, ihr Gremium nennt sich Wirtschaftsbeirat, was die Satzung gar nicht kennt. Sie selbst nennen sich „Freunde der Alemannia“. Der Klub ist im Ausnahmezustand, und ihr legitimes Mandat ist die Liebe zum Verein. Sie stimmen ihre Rettungsmaßnahmen am Unfallort wöchentlich ab mit den Sanierern. Es gibt keine Alleingänge, keinen Raum für Eitelkeiten.

„Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir lassen nicht zu, dass hier jemand das Licht ausmacht“, sagt Hammer. Er war bereits Anfang des letzten Jahrzehnts dabei, als dem Klub wieder einmal das Wasser bis zum Halse stieg. Die aktuelle Aufgabe ist gigantischer, komplexer, der Zeitdruck ist größer. Hammer hat vor Jahren die Gremien verlassen, weil er den Standort Neuer Tivoli ökonomisch nicht für sinnvoll hielt. Aber nachkarten? In dieser Situation? Den Blick zurück sollen die Sanierer und die Staatsanwälte werfen. Mit der Vergangenheit wollen sie sich nicht beschäftigen, sagt Deutz, das raube nur Energie und Zeit. Alemannias Zukunft sichern, das Boot vor dem Kentern bewahren, ist die Überschrift. „Wir wollen den Fußball in Aachen halten“, sagt Hammer. „Im Moment kämpfen wir um die 4. Liga, und wir träumen noch vom Klassenerhalt der 3. Liga.“

Auf der Kommandobrücke stehen knallharte Sanierer wie Geschäftsführer Michael Mönig, der in der Region nicht sonderlich verdrahtet ist. Deswegen nimmt er die Hilfe der Männer dankbar an. Und sie sind ein emotionales Gegengewicht zu den kühlen Rechnern, die bald zum nächsten Unfallort eilen werden. „Wir sind Aachen“, sagt Thomas Deutz.

Sie und ein paar helfende Hände mehr haben schon einiges bewegt in den letzten Wochen, auch aus eigenen Mitteln. Das größte Verdienst ist es wohl, dass das Boot noch unterwegs ist. Die Lage im Dezember war dramatischer als bislang dargestellt, erst in letzter Sekunde wurden die letzten beiden Liga-Spiele des Jahres sichergestellt, sonst wäre der Klub nach 112 Jahren untergegangen wie einst die Titanic.

„In der Mitte von Schwierigkeiten liegen die Möglichkeiten“, hat Albert Einstein gesagt. Die Helfer verstehen die größte Krise des Klubs auch als Chance für einen Neuanfang. Das Luftschloss Alemannia ist abgerissen, die Illusionen beim Gernegroß-Klub sind geplatzt. Aber der Verein wehrt sich so entschlossen wie die drastisch verbilligte Mannschaft gegen den Untergang.

Tim Hammer hat den neuen Brustsponsor sanft zum Mitspielen gedrängt, „StreetScooter“ ist ein spannender Partner, bislang gab es kaum Kontakte zur RWTH. „Das ist ein großartiges Signal“, findet nicht nur Helmut Kutsch. Thomas Deutz organisiert gerade mit Sportchef Uwe Scherr den Retter-Cup im März. Die Runde ist viel unterwegs, wirbt um Zustimmung, um Unterstützung. Außerhalb der Stadtgrenzen sei die Marke Alemannia deutlich positiver besetzt als innerhalb, findet Deutz. Der klamme Klub braucht Geld, etwa eine Million Euro bis zum Saisonende. Der DFB hat die Daumenschrauben inzwischen angezogen, will den Nachweis zeitnah sehen, droht mit Punktabzug. Dennoch, der Optimismus keimt langsam wieder, weil sich die Stimmung gerade erneut dreht. Die neue Crew wirbt für Vertrauen, will das zerrüttete Verhältnis zur Stadt reparieren. Ohne die Hilfe der Kommune hat der Verein keine Chance. Aber braucht die Kommune Alemannia?

Alemannias Rückrunden-Kader

Tim Krumpen
Vor der Saison gewann Tim Krumpen die T-Frage gegen Michael Melka und Mark Flekken. Mitte der Hinrunde revidierte Trainer René van Eck seine Entscheidung und stellte Melka zwischen die Pfosten. Eine Verletzung warf Krumpen in der Winterpause erneut zurück, so dass...

Alemannias Rückrunden-Kader

Mark Flekken
... Mark Flekken zur neuen Nummer 1 befördert wurde. Und der 19-jährige Niederländer feierte ein sensationelles Profi-Debüt: Im FVM-Achtelfinale gegen Viktoria Köln avancierte der Nachwuchskeeper zum ersten Helden des Jahres, als er zwei Elfmeter hielt.

Alemannias Rückrunden-Kader

Sascha Herröder
Nachdem Kapitän 1 (Albert Streit) und Kapitän 2 (Kai Schwertfeger) zur Winterpause von Bord gegangen sind, wurde ein neuer Anführer gesucht. René van Eck entschied sich für Sascha Herröder, "den wuchtigsten Spieler" im Kader, so die liebevolle Formulierung seines Trainers.

Alemannias Rückrunden-Kader

Sasa Strujic
Er ist einer der Senkrechtstarter, die von der prekären finanziellen Situation profitiert haben: Sasa Strujic. Dass der 21-Jährige keinen Respekt vor großen Namen hat, stellte er im Rettungsspiel gegen die Bayern unter Beweis, als er sich den Spitznamen "Robben-Dompteur" verdiente.

Alemannias Rückrunden-Kader

Mario Erb
Seit dem Abstieg aus der Zweiten Liga hat sich Mario Erb Spiel für Spiel an die Stammelf herangespielt. Der 22-jährige Verteidiger dürfte nach dem Abschied von Seyi Olajengbesi in der Innenverteidigung gesetzt sein.

Alemannias Rückrunden-Kader

Thomas Stehle
Etwas länger im Verein ist Thomas Stehle: "Die Axt" ist der dienstälteste Alemanne, da er seit 2004 das Trikot der Schwarz-Gelben trägt. Im Moment laboriert der 32-Jährige an einer Armverletzung.

Alemannias Rückrunden-Kader

Timo Brauer
Flexibel einsetzbar: Mit diesen Worten lässt sich Timo Brauer sehr gut beschreiben. Der ehemalige Kapitän von Rot-Weiß Essen wurde ursprünglich als "Sechser" geholt, musste zuletzt aber häufiger in der Viererkette aushelfen.

Alemannias Rückrunden-Kader

Kristoffer Andersen
Sein Abschied war eigentlich schon beschlossene Sache: Kristoffer Andersen schlug das deutlich reduzierte Angebot der Alemannia in der Winterpause aus. Der Sinneswandel folgte jedoch wenige Tage später: Der Belgier gab den Verantwortlichen sein Ja-Wort bis zum Sommer.

Alemannias Rückrunden-Kader

Robert Leipertz
Wenn es in der Hinrunde einen Gewinner gab, dann Robert Leipertz. Das Aachener Eigengewächs spielte sich nicht nur in die Herzen der Alemannia-Fans, sondern auch auf den Notizblock von Red Bull Salzburg (neun Spiele, drei Tore). Trotz diverser Angebote bleibt der 19-Jährige den Schwarz-Gelben bis zum Sommer treu.

Alemannias Rückrunden-Kader

Daniel Hofmann
Dem Finanz-Desaster geschuldeten Verjüngungskurs hat Dario Schumacher es zu verdanken, dass er sich in Windeseile in den Aachener Profi-Kader spielte. Der 19-Jährige ist seit 2007 in Aachen und durfte in dieser Saison erstmalig 3. Liga-Luft schnuppern.

Alemannias Rückrunden-Kader

Oguzhan Kefkir
An ihm scheiden sich die Geister: Die einen halten Oguzhan Kefkir für einen starken Techniker und Flügelspieler, die anderen halten den Deutsch-Türken für einen egoistischen Dribbler, der nie den Ball abgibt. Gegen Saarbrücken stellte er auf jeden Fall eine weitere Qualität unter Beweis: seine Kämpferqualitäten, mit denen er die Schwarz-Gelben auf die Siegerstraße brachte.

Alemannias Rückrunden-Kader

Florian Müller
2005 wurde Florian Müller mit der erstmals verliehenen goldenen Fritz-Walter-Medaille geehrt - eine Anerkennung für seine sportlichen und menschlichen Verdienste. Seitdem folgte eine nicht enden wollende Leidenszeit, die bis zum heutigen Tag anhält. Sollte der mittlerweile 26-Jährige über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei bleiben, ist er mit Sicherheit gesetzt.

Alemannias Rückrunden-Kader

Sascha Marquet
In die Kategorie "Talentiert und jung" fällt auch Sascha Marquet, der sich bereits zu Zweitliga-Zeiten in den Profi-Kader spielte. Aachens Eigengewächs ist auf dem linken Flügel beheimatet, weicht aber regelmäßig auf die rechte Seite aus.

Alemannias Rückrunden-Kader

Marcel Heller
Mit großen Hoffnungen kehrte er nach Aachen zurück: Marcel Heller absolvierte in der Hinrunde alle Liga-Spiele - allerdings konnte der verlorene Sohn nicht immer überzeugen. Große Konkurrenz auf seiner Position erhält er durch...

Alemannias Rückrunden-Kader

Norikazu Murakami
... Norikazu Murakami. Alemannias japanischer Neuzugang, der von den Sportfreunden Düren kam, ist erst seit dem 11. Dezember offiziell spielberechtigt und deutete bereits in den ersten Spielen an, dass er der Mannschaft weiterhelfen kann.

Alemannias Rückrunden-Kader

Timmy Thiele
Nach einem vielversprechenden Start mit zwei Toren aus den ersten drei Spielen hat Timmy Thiele gegen Ende der Hinrunde eine Bauchlandung hingelegt. Seit dem vierten Spieltag wartet die Schalker Leihgabe auf Treffer Nummer drei. Eine bessere Bilanz kann...

Alemannias Rückrunden-Kader

Denis Pozder
Denis Pozder vorweisen: In zehn Spielen traf der 23-Jährige vier Mal. Im ersten Rückrundenspiel gegen Saarbrücken schenkte René van Eck allerdings Thiele sein Vertrauen. Trifft einer von beiden schon am Mittwoch in Dortmund?

Verhältnis zur Stadt reparieren

Was ist die Alternative, wenn der Verein untergeht? Die Kreditverträge über 18 Millionen Euro platzen, allein der Werterhalt des Stadions koste monatlich 50.000 Euro, sagt Nobis. Und es gibt die weichen Faktoren: Alemannia ist Emotion, für viele Lebensqualität, ist immer noch der Top-Markenbotschafter der Region. „Wir wollen kein Geld von der Stadt“, sagt Hammer. „Aber wir möchten, dass die Stadt uns nicht blockiert, dass sie den Wert dieses Vereins erkennt“, sagt Nobis. „Sie müsste eigentlich der größte Fan des Vereins sein.“ Gerade aber rücke das städtische Parlament den Verein in ein düsteres Licht. Das schrecke die Sponsoren ab, forciere den Niedergang. Die Männer schlagen vor, dass die Stadt künftig an den Einnahmen partizipiere, die Kreditlinie würde sich am status quo orientieren. Das ist Teil des Rettungsplans. Zu dem Plan gehört aber genauso, die Forderungen der Stadt bedienen zu können. Es gebe kein Vorhaben, die Immobilie mietfrei zu nutzen.

Die Juristen werden bald weiterziehen zum nächsten Patienten, Hammer, Nobis, Deutz & Co. bleiben zurück in Aachen. Sie wollen auch noch am 30. Juni da sein, wenn feststeht, ob und wie es weitergeht. Ihre Zuneigung zum Verein sei ligaunabhängig. Sie würden auch offiziell ein Mandat ansteuern – falls gewünscht. „Unsere Bereitschaft zu helfen ist da. Wenn die Mitglieder es wollen, wird sich in unseren Reihen der Präsident und der Vorsitzende des Aufsichtsrats finden“, sagt Hammer.

Ob auch andere Leute für die „Operation Rettung“ bereitstehen? „Wir wissen es nicht“, sagt Hammer. „Aber wir sind ja keine geschlossene Gesellschaft hier.“ „Der Verein hat eine Perspektive, wenn er nicht wie ein Klömpchensklub, sondern wie ein Unternehmen geführt wird“, vermutet Dimter.

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