Aachen - 2,4-Millionen-Brücke ist für Rollstuhlfahrer tabu

2,4-Millionen-Brücke ist für Rollstuhlfahrer tabu

Von: Robert Esser und Thorsten Karbach
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Mit 16 Prozent Steigung und Gefälle für Gehbehinderte nicht zu bewältigen: die neue Fußgängerbrücke am Tivoli.

Aachen. Rund um den Tivoli läuft längst nicht alles rund: Es geht um Geld, um Behinderten-Rechte und in Sachen Verkehr um heftige Kritik der Taxibranche. Da soll eine neue, edel geschwungene Fußgängerbrücke ab Juni 2010 Menschenmassen über die Krefelder Straße tragen.

2,4 Millionen Euro verschlingt das Bauwerk, 800.000 Euro mehr als ursprünglich veranschlagt. „Aber für gehbehinderte und Rollstuhlfahrer wird diese Brücke niemals zu nutzen sein, weil die Steigung der Rampen 16 Prozent betragen soll”, empört sich Helmut Huntgeburth.

Der Vorsitzende des Sozialverbandes VdK erklärt, das Rollstuhlfahrer höchsten drei bis sechs Prozent Steigung oder Gefälle bewältigen können. So sei das auch in Nordrhein-Westfalen gesetzlich berücksichtigt.

„Diese sogenannte Barrierefreiheit ist für alle Neubauten aus öffentlicher Hand vorgeschrieben”, betont Huntgeburth. Und am Tivoli? „Es ist nicht nachvollziehbar, dass Millionen Euro in eine nicht barrierefreie Fußgängerbrücke gesteckt werden, während die Stadt angeblich nicht einmal ein paar tausend Euro hat, um auch nur eine einzige Behindertentoilette in Aachen einzurichten”, kritisiert der VdK-Vorsitzende.

Geplant wurde die Brücke vom Aachener Architekturbüro „Hahn Helten + Assoziierte”. Und dabei war ausdrücklich keine Barrierefreiheit gewünscht, wie Günter Helten erläutert. Die Stadt wollte dies über eine Ampel gewährleisten. Die soll allerdings nach Fertigstellung der Brücke grundsätzlich abgeschaltet und nur zu den Alemannia-Heimspielen mit eigens abgestellten Verkehrskadetten aktiviert werden. „Für gehbehinderte Menschen ergibt sich durch die neue Brücke zumindest keine schlechtere Situation als zuvor, denn auch die alte Brücke war nicht behindertengerecht”, erklärt Axel Costard vom städtischen Presseamt.

Er erläutert: „An dieser Stelle wäre eine Brücke mit einem entsprechend niedrigen Steigungswinkel nicht zu verwirklichen, da der Platz nicht ausreichend ist. Es mussten ohnehin schon ein Grundstück des Finanzamtes hinzugekauft und Versorgungsleitungen der Stawag verlegt werden.”

Der enorme Aufwand sei aber zu rechtfertigen, weil „die Brücke ein repräsentatives Eingangstor zur Stadt Aachen darstellen soll. Das ist auch politischer Wille.” Unklar ist indes, ob ein Votum der Kommission für barrierefreies Bauen, in der Vertreter von Behinderten-Verbänden die Stadt bei Bauvorhaben beraten, im Fall der Tivoli-Fußgängerbrücke unberücksichtigt blieb.

Völlig unberücksichtigt fühlen sich weiterhin die Aachener Taxifahrer, die vehement eine Haltestelle am Tivoli einfordern. Die Stadt hatte der Aachener Autodroschkenvereinigung (AAV) einen Taxi-Haltestreifen auf dem Fahrbahnrand in Höhe des ehemaligen Restaurants Zweistromland Richtung Bastei in Aussicht gestellt.

Das lehnt AAV-Chef Friedel Görtz aber kategorisch ab. „Das würde zu einem ähnlichen Chaos wie beim Reitturnier an der Hubert-Wienen-Straße führen, weil die Fahrgäste aus dem Stadion zuerst den letzten Wagen in der Wartereihe erreichen.

Der muss dann den gast nach vorne schicken, weil das erste Taxi ja schon am längsten gewartet hat”, erklärt Görtz. „In der Praxis bei Massenandrang funktioniert das nie!” Die Haltestellen-Vorschläge der Taxifahrer: der ungenutzte Busstreifen an der Albert-Servais-Allee (vor dem Reitturniergelände neben Kreisverkehr), genau gegenüber auf der Baustraße hinter dem Bitburger Wall oder in einer speziellen Schleife über den Vorplatz.

Alles mit wenig Aussicht auf Erfolg: „Die Aseag verfügt am Tivoli nur über acht statt früher 13 Buspunkte, von denen zudem zwei wegen Bauarbeiten gesperrt sind”, sagt Costard. Eine Taxi-Ausfahrt aus der Baustraße berge Risiken, weil sie die Fußgängerströme entlang der Stadionfassade kreuze.

Und für eine Schleife auf dem Vorplatz sei es zu spät. „Diese Idee hätten die Taxifahrer doch schon in der Planungsphase des Tivoli-Umfeldes einbringen können”, entgegnet Costard. Er betont dennoch: „Wir suchen weiter einen Kompromiss, wollen die Taxis nicht außen vor lassen.” Nächste Woche berät man weiter.

Ein paar Meter weiter Richtung Autobahnauffahrt werden dagegen - zumindest im kleinen Rahmen - Kosten an der Krefelder Straße vermieden. Eigentlich sollten zwei vollwertige Spuren neben der neuen Bus-/Abbiegerspur eingerichtet werden. Jetzt endet die Markierung für die „normalen” Fahrspuren hinter dem Finanzamt - und den Autofahrern wird überlassen, wie sie mit dem unmarkierten Breitstreifen umgehen. Ein Schild soll demnächst darauf hinweisen, dass weiterhin zwei Autos nebeneinander fahren dürfen.

„Für die Alternative zweier richtiger Fahrspuren hätten wir die Mittelinsel zurückbauen müssen”, erklärt Costard. Nach ähnlichen Erfahrungen auf der teils unmarkierten Monheimsallee sieht die Stadt keine erhöhte Unfallgefahr. Aber Klärungsbedarf bleibt ja anderswo noch zur Genüge.
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