Yannick Gerhardt und der Tag, an dem die Nervosität aufkam

Von: Lukas Weinberger
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Mit dem Adler auf der Brust und der 7 auf Trikot und Hose: Yannick Gerhardt aus Kreuzau hat den Sprung in den Kader der DFB-Elf geschafft. Foto: imago/Eisenhuth

Kreuzau. An der Kurt-Hoesch-Kampfbahn ist ein bisschen mehr los als sonst, der Parkplatz ist voll, was dort, wo der SC Kreuzau Fußball spielt, ziemlich selten vorkommt. Im Vereinsheim ist es laut, viele Menschen sind gekommen, 80, 90, vielleicht 100, viele Kinder sind da. Gut, dass sie ein paar Tische mehr aufgebaut haben, es gibt Kaffee und Kuchen, natürlich, auf den Tischen stehen Käsestangen.

Der SC Kreuzau hat sich herausgeputzt. Nicht für eine Partie in der Kreisliga B, in der die erste Mannschaft spielt, nicht für ein Jugendspiel: Yannick Gerhardt ist zu Besuch. Er kommt aus Kreuzau im Kreis Düren, hat beim SC mit dem Fußballspielen angefangen; jetzt ist Gerhardt, 22, Bundesligaprofi beim VfL Wolfsburg und deutscher Nationalspieler. In Kreuzau sind sie stolz auf ihn, er sei ja einer von ihnen, so sagen sie das. Und deshalb hat Gerhardt auch während seines Urlaubs in der Heimat über Weihnachten und Silvester mal wieder bei seinem ersten Verein vorbeischaut. „Selbstverständlich“ sei das, sagt Gerhardt. Er habe viele Freunde in der Heimat. Und: „Ich fühle mich hier wohl.“ Ein guter Ort, um am Ende eines turbulenten Jahres Bilanz zu ziehen.

Herr Gerhardt, haben Sie sich schon für Silvester eingedeckt?

Yannick Gerhardt: Nee. Als ich jünger war, habe ich das gemacht, da war das cool. Aber eigentlich bin ich dafür nicht der Typ.

Keine Böller, keine Leuchtraketen?

Gerhardt: Das ist ja auch nicht ganz ungefährlich. Vor allem in der Stadt, wo hin- und hergeschossen wird und einem die Raketen um die Ohren fliegen…

Was haben Sie denn für den Abend und die Nacht geplant?

Gerhardt: Ich gehe mit Freunden erst essen, später vielleicht noch in einen Club. Das wird ein schöner Abschluss für 2016.

Sie haben ja schließlich auch etwas zu feiern, oder?

Gerhardt: Stimmt, das Jahr ist ganz gut für mich gelaufen.

Mit einem besonderen Höhepunkt…

Gerhardt: Die erste Nominierung für die A-Nationalmannschaft war natürlich das absolute Highlight für mich, da ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Da das Jahr jetzt zu Ende geht, habe ich mal Zeit, das alles zu reflektieren.

Nationalspieler Yannick Gerhardt – wie klingt das für Sie?

Gerhardt: So richtig glauben kann ich es noch nicht, auch nicht, wenn Leute mich darauf ansprechen. Es ist natürlich ein schönes Gefühl. Für einen jungen deutschen Spieler gehört das zu den größten Dingen, die man erreichen kann. Dass ich es mit 22 Jahren in die A-Nationalmannschaft geschafft habe, macht mich sehr stolz. Die Qualität ist unglaublich hoch. Es ist toll, da mitspielen zu dürfen.

Ist es schön gegen Italien debütiert zu haben – und nicht im Spiel vorher gegen San Marino?

Gerhardt: Ich denke, gegen San Marino wäre es ein bisschen leichter gewesen (lacht). Es ist aber natürlich etwas Besonderes, dass ich mein erstes Länderspiel gegen Italien gemacht habe. Im San Siro. Über 90 Minuten. Und auf der anderen Seite stand eine Legende wie Gianluigi Buffon. Das hört sich schon ein bisschen cooler an.

Sie hingegen dürften sehr nervös gewesen sein…

Gerhardt: Der Trainer hat schon am Tag vorher die Aufstellung bekanntgegeben, und da hat es schon angefangen, dass die ersten Bilder im Kopf entstanden sind. Ich wusste ja auch, wie viele Menschen mich im Fernsehen sehen würden. Als es dann soweit war und die Nationalhymne lief, habe ich versucht, alles zu genießen. Und ich glaube, fürs erste Mal habe ich es ganz gut gemacht.

Haben Sie sich irgendwann während der 90 Minuten mal Gedanken darüber gemacht, wessen Rückennummer Sie auf dem Trikot tragen?

Gerhardt: Ich habe schon einige Tage vorher erfahren, dass ich die 7 haben würde. Aber klar: Dass ich mit der Nummer des ehemaligen Kapitäns Bastian Schweinsteiger auflaufen durfte, hat die Sache noch abgerundet.

Ein Vorbild für Sie?

Gerhardt: Klar, aber das sind ganz schön große Fußstapfen.

Wie haben die anderen deutschen Stars Sie denn aufgenommen?

Gerhardt: Ich kannte die meisten von ihnen ja noch nicht persönlich, habe sie bis auf ein paar Ausnahmen wie Jonas Hector nur als Gegner auf dem Feld getroffen. Und ich muss zugeben: Als ich plötzlich neben Mats Hummels und Thomas Müller im Bus saß, war ich sehr nervös.

Sind ja auch große Namen…

Gerhardt: Eben. Wenn man bedenkt, was die schon alles in ihrer Karriere erreicht haben, ist automatisch ein bisschen Angst und Ehrfurcht da. Wer plötzlich mit so erfolgreichen Spielern unterwegs ist, muss seinen Platz erst mal suchen. Aber mir wurde es sehr leicht gemacht. Auch sie sind ganz normale Menschen (lacht).

Wie normal ist Joachim Löw?

Gerhardt: Ich hatte vor der Nominierung zu ihm noch keinen Kontakt. Als ich seine Sprachnachricht gehört habe, wollte ich erst gar nicht glauben, dass das wirklich der Bundestrainer ist. Aber seine Stimme ist ja schon unverwechselbar. Als wir uns dann beim Nationalteam gesehen haben, hat er mich direkt mit einbezogen, noch am ersten Abend ein erstes Einzelgespräch geführt.

Ein wirklich toller Ausflug, oder?

Gerhardt: Das ist untertrieben. Es war eine perfekte Reise.

Stimmt. Sie durften ja auch noch den Papst Franziskus treffen…

Gerhardt: Das ist ein Privileg, und ich werde diese Begegnung nie vergessen. Der Papst ist ein Mensch, der eine unglaublich positive Ausstrahlung hat – das spürt jeder, egal, welche Religion er hat.

Haben Sie mit ihm gesprochen?

Gerhardt: Das leider nicht. So viel Zeit hatte der Papst dann doch nicht, ihn wollen schließlich viele Menschen treffen. Aber er hat uns alle persönlich begrüßt.

Sie konnten Franziskus, der ja ein Fan des Fußballs ist, also nicht erzählen, dass Sie seit Sommer in Wolfsburg spielen?

Gerhardt (lacht): Das weiß er leider noch nicht.

Dann erzählen Sie doch jetzt mal: Wie ist es?

Gerhardt: Mein erstes Halbjahr beim VfL ist jetzt rum, und es ist schon viel passiert (Trainer Dieter Hecking und Sportchef Klaus Allofs wurden entlassen, Anm. d. Red.). Sportlich sind wir als 13. mit nur 16 Punkten deutlich hinter unseren Erwartungen geblieben.

Sie haben sich sicher etwas anderes erhofft…

Gerhardt: Als ich gewechselt bin, habe ich viel darüber nachgedacht, ob ich mich in der Mannschaft schnell zurechtfinden würde, ob ich eine Chance hätte, viel zu spielen. Das hat sehr gut geklappt. Die Mannschaft hat mich gut aufgenommen, und ich habe es schnell geschafft, Stammspieler zu werden. Trotzdem: Die bisherigen Ergebnisse sind nicht unser Anspruch. Im Fußball gibt es immer Höhen, und es gibt auch immer mal wieder Tiefen. 2017 wollen wir vieles besser machen. Das Potenzial, das geradezubiegen, ist da.

Wie oft haben Sie sich schon anhören müssen, dass Ihr langjähriger Klub, der 1. FC Köln, neun Punkte mehr gesammelt hat und sechs Plätze besser dasteht?

Gerhardt: Oft, sehr oft (lacht). Leonardo Bittencourt und andere Freunde, die ich noch beim FC habe, vergessen nie, mich darauf hinzuweisen. Ich freue mich natürlich, dass der Verein, bei dem ich groß geworden bin und für den ich immer sehr viele Sympathien haben werde, so gut dasteht und die Entwicklung dort immer weitergeht. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir beim VfL nicht mit unserer Leistung zufrieden sind. Das sind zwei Paar Schuhe.

War Ihr Wechsel ein Fehler?

Gerhardt: Nein. Für mich war es genau die richtige Entscheidung, nach Wolfsburg zu gehen. Ich bin nun weit von zu Hause weg, musste mich in einem komplett neuen Umfeld zurechtfinden – und habe mich weiterentwickelt. Das ist in meinem Alter wichtig. Und das macht mich glücklich.

Sind Sie auch glücklich mit Ihrer Position als linker Verteidiger? Dort spielen Sie in Wolfsburg, dort haben Sie in der Nationalelf debütiert, aber eigentlich mögen Sie das zentrale Mittelfeld lieber…

Gerhardt: Es ist ja eigentlich ein schöner Vorteil, dass ich flexibel einsetzbar bin. Es gehen einem aber ein bisschen die Argumente fürs Mittelfeld aus, wenn man auch bei der Nationalelf auf der linken Seite gespielt hat (lacht).

Gibt Schlimmeres, oder?

Gerhardt: Das ist natürlich vollkommen okay. Wenn mit einer Dreierkette gespielt wird – so wie es in Wolfsburg ist und beim DFB war –, hat man einen guten Einfluss auf das Spiel. Die Zentrale bleibt aber meine Lieblingsposition, ich sehe mich als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive.

Welche Ziele haben Sie im neuen Jahr?

Gerhardt: Mit Wolfsburg möchte ich wieder in die Spur kommen. Und natürlich mehr Punkte holen.

Und dann kommt die nächste Nominierung fürs Nationalteam von ganz allein?

Gerhardt: Natürlich hoffe ich, dass die erste Nominierung keine einmalige Sache bleibt, aber dafür muss ich immer meine beste Leistung bringen. Im Sommer 2017 stehen der Confederations Cup und auch die U 21-Europameisterschaft an, beides sind schöne Ziele.

Wie sieht’s mit guten Vorsätzen aus? Mehr Sport zählt nicht…

Gerhardt: Ich habe mir wieder vorgenommen, nicht aufzuhören, hart an mir zu arbeiten. Und dann habe ich noch Wünsche, die nichts mit Fußball zu tun haben…

Welche wären das?

Gerhardt: Dass es keinen Krieg und keinen Terror gibt, zum Beispiel. Ich finde, das sollte sich jeder wünschen. Es gibt nichts Wichtigeres als Frieden auf der Welt.

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