Aachen - WM in Russland: Die Politik instrumentalisiert den Fußball

WM in Russland: Die Politik instrumentalisiert den Fußball

Von: Hermann-Josef Delonge
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Männerfreundschaft mit Ball: Russlands Präsident Vladimir Putin (links) und Fifa-Präsident Gianni Infantino. Foto: imago/Zuma Press

Aachen. Man sollte mit Vergleichen immer vorsichtig sein, aber fünf Tage vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-WM in Russland muss daran erinnert werden, dass die WM 1978, also vor 40 Jahren, in Argentinien stattfand – in einem Land, in dem das Militär gut zwei Jahre zuvor die Macht an sich gerissen und eine Diktatur errichtet hatte, die sieben Jahre andauern sollte.

Zehntausende Menschen wurden in dieser Zeit verfolgt, verschleppt, inhaftiert, gefoltert, ermordet. Der damalige Fifa-Präsident João Havelange, dem man später Bestechlichkeit in großem Stil nachwies, freute sich zwei Tage nach dem Putsch: „Jetzt ist Argentinien in der Lage, die Weltmeisterschaft auszurichten.“

Bis auf Frankreich und den Niederlanden dachte damals kein Land ernsthaft darüber nach, die WM zu boykottieren. Auch sie taten es dann nicht. Die Niederländer standen sogar im Finale und verloren gegen den Gastgeber nach Verlängerung mit 1:3. Mario Kempes, genannt „Der Vollstrecker“, machte sich mit zwei Toren unsterblich. Junta-Chef Jorge Videla übergab anschließend den Pokal. Das Volk jubelte.

Es war damals so, wie es schon immer war: Die Politik instrumentalisiert den Sport. Demokratien tun das genauso wie Autokratien oder Diktaturen, wenn auch für andere Zwecke. Und der Sport? Lässt es geschehen, spielt mit, schaut weg. 1978 vertrat der DFB die (im Grunde bis heute gültige) Position, man sei als Sportverband nicht dafür zuständig, politische Systeme zu begutachten. Mannschaftskapitän Berti Vogts gab zu Protokoll, Argentinien sei „ein Land, in dem Ordnung herrscht“. Und: „Ich habe keinen politischen Gefangenen gesehen.“ Das war entweder saudumm oder unentschuldbar ignorant, zumindest aber fahrlässig unwissend.

Noch einmal: Man sollte mit Vergleichen immer vorsichtig sein. Russland ist keine reine Diktatur; die Menschen dort haben ihren Präsidenten Vladimir Putin, unter welchen Umständen auch immer, gewählt. Der aber herrscht zumindest autokratisch.

Und so stellen sich auch jetzt, im Jahr 2018, ganz grundsätzliche Fragen: Wie soll man mit einer WM umgehen, die in einem Land stattfindet, in dem Oppositionelle im Gefängnis sitzen; das wegen der Annexion der Krim mit Sanktionen belegt ist; das beschuldigt wird, die malaysische Passagiermaschine MH 17 abgeschossen zu haben; das den syrischen Machthaber Assad unterstützt? In einem Land, in dem, wie die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schreibt, die allgemeine Menschenrechtslage sich seit 2012 „dramatisch verschlechtert“ habe?

Seehofer fährt hin

Die Politik in Deutschland ringt zumindest mit einer Antwort; Angela Merkel muss ja irgendwie mit Putin auskommen. Ein paar klare Worte würde man sich trotzdem wünschen. Aus dem Kabinett hat bislang lediglich Sportminister Horst Seehofer angekündigt, er wolle die WM besuchen. Es bilden sich in dieser Diskussion bemerkenswerte Koalitionen.

Wie zuletzt bei Anne Will, als der Linken-Altinternationale Gregor Gysi Seit‘ an Seit‘ mit dem CSU-Ehrenspielführer Edmund Stoiber stürmte. Beide sprachen sich gegen einen Politiker-Boykott aus. Stoiber brachte selbstredend das Argument, ein solcher sei reine Symbolpolitik. Aber ist es eigentlich keine Symbolpolitik, sich neben Putin auf die Tribüne zu setzen?

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen empfahl den deutschen Spielern in der Sendung dann noch, sich aufs Sportliche zu konzentrieren. Wenn man sie in diese komplizierte Konfliktlage hineinwerfe, könne das tendenziell nur schiefgehen. Das spricht nicht unbedingt für großes Vertrauen in deren Reflexionsfähigkeit. Röttgen tat das offensichtlich mit dem Bild der Sportskameraden Mesut Özil und lkay Gündogan im Hinterkopf, die öffentlichkeitswirksam die Trikotsammlung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bereichert hatten und dafür Kritik der Kommentatoren und Pfiffe der Fans kassiert hatten.

Özil hat sich danach in die Schmollecke verzogen; Gündogans Erklärungsversuch, es sei nicht die Absicht gewesen, ein politisches Statement abzugeben, ist entweder grenzenlos naiv oder der Versuch, sich mittels der Legende vom unpolitischen Sport aus der Affäre zu ziehen. Man kann beiden nur wünschen, wie es Holger Gertz in der „Süddeutschen Zeitung“ getan hat, dass sie zumindest gelernt haben, „dass man auch dann nicht unpolitisch ist, wenn man sich selbst dafür hält“.

Aber im Grunde genommen können einem die Kicker fast leidtun; sie haben die schlechtesten Karten in diesem Spiel. Ob sie sich politisch informiert äußern (Ewald Lienen, zu aktiver Zeit als „linker Rebell“ ge(t)adelt), dummes Zeug daherreden (Vogts), dämliche Fotos machen lassen (Özil, Gündogan) oder Phrasen dreschen (Kroos): Alles kommt bei irgendwem immer falsch an. Das ist es verständlich, dass sie sich am liebsten auf das beschränken, weswegen sie da sind: Fußball spielen.

Die Funktionäre haben es gerne so, auch wenn der DFB offiziell das Bild des „mündigen“ Spielers propagiert. Präsident Reinhard Grindel verweist mantramäßig darauf, dass der Fußball nicht die Probleme lösen kann, die die Mächtigen der Welt auch nicht lösen können. Verlangt auch niemand; Haltung wäre aber schön. Stattdessen windet sich der Sport um klare Festlegungen herum, weil er es sich mit niemand verscherzen will.

Es geht um Milliarden

Die Fifa als Ausrichter der WM bekennt sich in Artikel 3 ihrer Statuten zwar „zur Einhaltung aller international anerkannten Menschenrechte und setzt sich für den Schutz dieser Rechte ein“. Das hindert Fifa-Chef Gianni Infantino (der das bei Amtsantritt formulierte Versprechen, in seinem zumindest intransparenten Haus kräftig durchlüften zu wollen, einkassiert hat) aber nicht daran, das Gastgeberland schon vor dem Anpfiff überschwänglich zu loben und zu betonen, er sei davon überzeugt, dass Russland sein Ziel erreichen werde, „die beste WM“ zu organisieren.

Muss man noch daran erinnern, dass sportliche Großereignisse wie eine Fußball-WM ein Milliardengeschäft sind? Die Ausrichter gehen nicht zuletzt deshalb gerne in Autokratien, weil Geld dort keine Rolle spielt (siehe Russland, siehe Katar, siehe China) und weil es dort keinen (offenen, geduldeten) Widerstand von Bürgern gibt. Perfekte Bedingungen also.

Und die Moral? Vergesst es, es geht um big Business. Und das funktioniert nur mit den Fans, mit uns also. Und wenn wir ganz einfach mal nicht hingehen, keine Spiele im TV gucken, keine Fanartikel kaufen? Tolle Idee, könnte funktionieren.

Mein Tipp übrigens: Frankreich wird Weltmeister. In der Vorrunde freue ich mich vor allem auf Portugal gegen Spanien und Belgien gegen England.

 

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