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Wendt: „Klappe halten und arbeiten“

Von: Bernd Schneiders
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Die Freude ist zurück: Die fast anderthalb Jahre auf Borussias Reservebank haben Oscar Wendt mächtig zugesetzt. Foto: imago/Zimmermann/Team 2 Foto: imago/Zimmermann/Team 2

Mönchengladbach. Milchsäure und ein fröhliches Gesicht – geht das zusammen bei einem Fußballer? Am 18. Dezember 2012 ja – für Oscar Wendt. Der Ort für dieses historische Geschehen: Düsseldorf.

Dort gab es in der Leichtathletikhalle für die Fußball-Profis von Borussia Mönchengladbach den finalen Laktattest des Jahres. Und eigentlich kocht bei Oscar Wendt die Milchsäure allein schon beim Gedanken an diese Laufeinheiten über. „Alles ohne Ball ist scheiße“, lautet das kategorische Urteil des Schweden.

Das teilt er mit allen Fußballern. Doch dieses Jahr ist alles anders für den Linksverteidiger. O‘zapft is – und Wendt hat beim Sprint und Ohrläppchen-Massaker „ein Lächeln auf dem Gesicht“. Und er erinnert sich: „Vor einem Jahr hab ich nur gedacht: Scheiß-Test!“

Sollten Glückshormone Einfluss auf den Belastungstest haben, wird der Blondschopf alle bisherigen Fitnesswerte sprengen. Seit dem 3. November ist die Fußballwelt von Oscar Wendt wieder in Ordnung. Seit dem 10. Spieltag, einem 1:1 gegen den SC Freiburg, ist der 27-Jährige Stammspieler. Eine Verletzung von Filip Daems katapultierte den Schweden von der Bank in Lucien Favres erste Elf und beendete eine 16-monatige Leidenszeit. „Wenn ich nicht spiele, ist mein Laune unten. Aber was sollte ich machen: Die Mannschaft hat in der letzten Saison super gespielt. Und dann ändert man natürlich nichts daran. Für Borussia war es eine gute, für mich eine Scheiß-Saison.“

Hej – drei Mal das Extrem-Wort innerhalb von fünf Minuten. Oscar Wendt grinst. Und verweist auf seine sprachliche Erst-Integration. „Das sind meine ersten beiden Wörter, die ich gelernt habe: scheiße und natürlich.“ Die zweite Vokabel verdeutlicht er dann auch schnell. „Wenn mich jemand fragt, ob ich dies oder das machen könnte, antworte ich mit: natürlich!“

Und wahrscheinlich haben Borussias Verantwortliche schon nach wenigen Wochen gefragt, ob er sich mit der für alle Seiten überraschenden Reservisten-Rolle arrangieren könnte. Mit „natürlich“ wird Wendt geantwortet haben, nicht weil er ein Vereinssoldat, sondern weil er ein Profi ist. „Ich bin nicht der Typ, der sich gleich beschwert, wenn alles nicht so gut läuft.“

Dabei hätte der Linksverteidiger beeindruckende Gründe gehabt, Rabbatz zu schlagen. Er war der Königstransfer im Sommer 2011. Er war aktueller Nationalspieler, als er zum Niederrhein kam. Er hatte mit dem FC Kopenhagen vier Meistertitel geholt und mit dem Klub in der Champions League für Furore gesorgt. Und: Oscar Wendt ist ein Linksverteidiger, eine Spezies, die auf der Such- und Wunschliste vieler Vereine und Nationalmannschaften ganz oben steht. Frag nach bei Joachim Löw. Und plötzlich hatte Borussia Mönchengladbach die bizarre Situation, gleich zwei überdurchschnittliche Kandidaten für diese Position zu besitzen.

„Als ich unterschrieb, wusste ich, dass Pippo spielt.“ Pippo ist Filip Daems, und Konkurrenz steht auf keiner Dopingliste: Der Königstransfer machte dem damals 32-Jährigen Beine, der Belgier leistete sich anders als zuvor keine Blöße und schwang sich erneut zu einer Stütze einer nun hervorragend funktionierenden Mannschaft auf. „Das zu erleben, ist natürlich hart. Ich bin ja keine 19 Jahre mehr. Wenn man jung ist, kann man sich eher damit abfinden, erst mal auf der Bank zu sitzen.“

Im besten Fußballer-Alter aber zehrt das schon an den Nerven. „Ich kann gut mit Erfolg, aber auch mit Misserfolg umgehen.“ Sein Selbstbewusstsein nahm keinen Schaden. „Ich weiß, was ich kann.“ Dennoch benötigte er Unterstützung, und die bekam er von Sandra, seiner langjährigen Freundin, die er im Sommer geheiratet hat. „Sie ist immer positiv, das war ganz wichtig für mich. Wenn ich alleine gewesen wäre . . .“

Seit mehr als acht Jahren, seit seiner Schulzeit, ist er mit der hübschen Schwedin zusammen. Und sie war es auch, die ihn bei aller Professionalität in den wenigen schwachen Momenten davon abhielt, sich resigniert telefonisch krank zu melden und das Training zu schwänzen. Sie hat ihm immer wieder eingebläut: „Du bekommst das, was du verdienst!“ Und das Verdienen spielt sich im Alltag ab. „Du musst in jedem Training alles geben, du musst bereit sein. Wenn du in einer schlechten Periode schlecht trainierst, schießt du dir selbst ins Knie“, erläutert Oscar Wendt.

Also hieß es, monatelang den Level hochzuhalten. Positiv zu bleiben, auf den speziellen Moment zu warten, den der Fußball immer wieder überraschend präsentiert. Und die auch als Ersatzspieler immer noch beneidenswerte Grundsituation zu würdigen. „Denke daran, was du hast!“, forderte sich der Schwede selbst auf. „Ich habe genug Freunde in Schweden, die ihren rechten Arm dafür geben würden, in der Bundesliga zu spielen.“ Sein Motto und sein Ratschlag auch für andere Reservisten: „Klappe halten und arbeiten – dann bekommst du auch Respekt.“ Und irgendwann die Spiel-Chance, als Belohnung für das professionelle Verhalten.

Bei Oscar Wendt zeigte sich das Schicksal am 2. November gnädig oder besser anerkennend. Vor dem Abschlusstraining eröffnete Lucien Favre dem Edelreservisten: Filip Daems ist verletzt. „Danke, endlich“, war Wendts Reaktion. Alles weitere wollte er gar nicht hören, in dieser Situation Mitleid mit seinem Konkurrenten zu haben, überfordert jeden Fußball-Profi. Da war sie, die Chance, auf die er mehr als ein Jahr gewartet hatte. „Vamos! Alles beginnt morgen neu.“ Und direkt nach dem Training schnell Sandra angerufen. Die reagierte auch überglücklich und mahnte: „Nutze Deine Chance!“

Die Leidenszeit des Oscar W. war beendet. Jetzt hatte er die Chance zu zeigen, warum Borussia ihn verpflichtet hatte. Anders als in den Kurzeinsätzen zuvor. „Nur ein Spiel ist keine Chance.“ Die Verletzung des Gladbacher Kapitäns aber entpuppte sich als hartnäckig. So bekam der Schwede die Spiele, die ein Fußballer braucht, um in seinen Rhythmus zu kommen und zu zeigen, was er wirklich drauf hat. Er hat sich festgespielt, die Abwehr hat jetzt mit ihm wieder zur alten Stärke der Vorsaison zurückgefunden.

Und Oscar Wendt ist im Besitz eines Bonus‘ für die Rückrunde, den er sich verdient hat – sportlich. „Ich will den Platz in der Mannschaft bekommen, weil ich gut gespielt habe, nicht weil der andere schlecht war.“

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