Aachen - Weitspringer Markus Rehm über Inklusion im Sport

Weitspringer Markus Rehm über Inklusion im Sport

Von: Lukas Weinberger
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Vorreiter: Weitspringer Markus Rehm (links) und Georg Schick vom Behinderten und Rehabilitationssportverband NRW sprachen in Aachen über Inklusion im Leistungs- und Breitensport. Foto: Lukas Weinberger
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„Inklusion muss im Breitensport selbstverständlich werden“: Ulla Schmidt. Foto: Lukas Weinberger

Aachen. Es ist noch gar nicht so lange her, da war Markus Rehms Name allenfalls Insidern geläufig. Ein junger, unterschenkelamputierter Weitspringer, erfolgreich bei großen Meisterschaften der Behinderten, Goldmedaillengewinner bei den Paralympics. Und dann kam der 26. Juli 2014.

Rehm, damals 25, durfte als erster Sportler mit Behinderung bei den Deutschen Meisterschaften der nichtbehinderten Sportler starten. Und dort gelang ihm der ganz große Coup: Mit 8,24 Metern wurde er Deutscher Meister im Weitsprung – und entfachte damit eine riesige Diskussion um Inklusion im Sport.

Jetzt sitzt Markus Rehm im Aachener Theater „Mörgens“, die Jusos der Stadt haben zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, natürlich geht es um „Inklusion im Sport“, und Rehm ist so etwas wie das Gesicht dieser Diskussion geworden. Er erzählt von den Deutschen Meisterschaften, seiner Nicht-Nominierung für die Europameisterschaften einen Monat später, obwohl er die Norm geknackt hatte. Der Athlet von Bayer Leverkusen tut das ohne Bitterkeit, natürlich sei er traurig gewesen, dass er bei der EM nicht dabei sein konnte, sagt er, aber ihm gehe es im Grunde nur um eines: „Ich möchte, dass diese Debatte zu Ende geführt wird.“ Die Diskussion, ob seine Leistungen, die er mit einer Unterschenkel-Prothese erbringt, mit denen von gesunden Sportlern vergleichbar sind.

Im Nachgang von Rehms Meistertitel hat sich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) lange mit dem Thema beschäftigte, er entschied, dass behinderte und nichtbehinderte Sportler gemeinsam starten dürfen, aber künftig getrennt gewertet werden. „Das ist für den Moment ein ganz gute Lösung“, sagt Rehm und betont das „für den Moment“ in seinem Satz ganz besonders. Die getrennte Wertung gibt es in erster Linie, weil in diesem speziellen Fall nicht klar ist, ob Rehm durch seine Prothese einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz hat. Biomechanische Messungen legten das im vergangenen Jahr nahe, Rehm und viele Experten zweifelten die Ergebnisse jedoch an. Rehm fordere schon länger neue Messungen, habe den Verantwortlichen schon mehrfach seine Hilfe zugesichert, er wolle endlich Klarheit.„Ich will nicht gewinnen, weil ich einen Vorteil habe, ich will gewinnen, weil ich fleißig bin“, sagt er.

Schwieriges Feld

Bei der Podiumsdiskussion wird aber auch klar, dass Inklusion im Sport viel mehr bedeutet als ein gemeinsamer Wettbewerb von behinderten und nichtbehinderten Leistungssportlern: Inklusion fängt im Breitensport an – auch in der Region um Aachen, Düren und Heinsberg. Neben Rehm sind auch Georg Schick vom Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW (BRSNW) und Ulla Schmidt zur Diskussion eingeladen. „Inklusion muss im Breitensport selbstverständlich werden“, sagt die Aachener Bundestagsabgeordnete Schmidt, die Vorsitzende der Lebenshilfe und Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ist. Dass das ein schwieriges Feld ist, liegt auf der Hand. „Wir sind auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft noch ganz am Anfang“, sagt Schick.

Der Funktionär hat einen ganz guten Überblick, wie viele inklusive Sport-Angebote es im Land gibt, wirklich viele seien es nicht, aber es gebe schöne Beispiele. „Da tut sich schon mehr als vor drei, vier Jahren“, sagt auch Schmidt. Ein Beispiel ist etwa Ursula Espeter, die 2010 den Verein Tabalingo gegründet hat. Angefangen hat dort alles mit fünf Kindern, heute sind 250 Sportler im Verein mit Sitz in Stolberg aktiv – Menschen mit Handicap, Menschen ohne Handicap. Auch renommierte Vereine wie zum Beispiel BTB Aachen gehen die Sache mittlerweile mit inklusiven Angeboten an. „Wenn es viele solcher guter Beispiele gibt, läuft das plötzlich von alleine“, sagt Schmidt – wohl wissend, dass der Weg noch lang ist. Schick fordert, dass die Menschen mit diesem Thema nicht überfordert werden dürften. „Inklusion im Sport ist ein zartes Pflänzchen, das gegossen werden muss“, sagt er.

Und Markus Rehm, der seinen Unterschenkel mit 13 verlor, kann aus Erfahrung sprechen, er sagt, Sport gebe vielen Gehandicapten Mut und Hoffnung. „Niemand muss ein Weltklasse-Sportler werden, es geht um das Miteinander.“

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