Weil Voltigieren auch vertrauen heißt

Von: Christoph Pauli
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Und die Welt steht Kopf: Corinna Knauf wäre auch eine starke Turnerin geworden. Foto: Christoph Pauli
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Trockenübung: Auf einem mechanischen Pferd werde die Übungen in stundenlanger Kleinarbeit einstudiert. Foto: Christoph Pauli
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Tagsüber wird Corinna Knauf zur Zahnarzthelferin ausgebildet. Foto: Christoph Pauli

Köln. Fabiola hat ziemlich gute Laune an diesem frühen Morgen, die Pferdefreunde bekommen es schnell zu spüren. Corinna Knauf und sie kennen sich seit sechs Jahren, sie sind ein Paar. „Je mehr man sich vertraut, um so mehr kann man sich im Wettkampf aufeinander verlassen.“ Fabiola stupst die Reiterin neckisch an, als sie fürs Training präpariert wird – „geht‘s dann mal bald los?“

Die 22-jährige Knauf ist in den vergangenen beiden Jahren Deutsche Meisterin im Voltigieren geworden. Der Sport ist emotional und trendy, weil er durchaus spektakulär ist. Die Zahl der Aktiven wächst weltweit. Die führenden Nationen: Deutschland und Österreich. Auf der Anlage, in der Knauf seit Jahren trainiert, bereiten sich auch Nachwuchs-Voltigierer aus Australien, Swaziland und Südafrika auf ein Nachwuchs-Championat vor. Aber Leben kann auch eine enorm erfolgreiche Athletin nicht von ihrem Sport, Sponsoren verirren sich kaum in die Nische namens Voltigieren.

Im Gegenteil, für das Hobby muss man Geld mitbringen Knauf ist eine von nur etwa 10.000 Wettkampf-Voltigierern. Vor ein paar Tagen hat sie ihr erstes Drei-Sterne-Turnier gewonnen, im dänischen Ejsberg gab es eine Pferdedecke zur Belohnung. Knauf macht eine vierjährige Ausbildung zur Zahnarzthelferin bei einem verständnisvollen Ausbilder. Trainiert wird meist nach Feierabend. Turniere finden in der Saison fast an jedem Wochenende statt. Die Athleten transportieren und pflegen die Tiere, organisieren den Wettkampf. Ein Schritt in die Selbstständigkeit, leider nicht in die finanzielle.

Der Weg aufs Pferd war für Knauf vorgezeichnet. Die Eltern haben das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde gesucht. Schwester Stefanie ist Berufsreiterin in Hückeswagen. Die älteste Schwester Alexandra ist heute ihre Trainerin. An diesem Morgen steht sie in der Halle in Köln, nimmt ihre Schwester – wenn man so will – an die lange Leine. Sie lobt viel, aber natürlich gibt es immer noch Details zu verbessern. Kritik ist nicht immer willkommen, zumal nicht von der älteren Schwester. Auch der Umgang miteinander erfordert zuweilen den Spagat. Wie gut, wenn man sich so auswendig kennt. Alexandra hat ebenfalls voltigiert, damals gab es noch eine Altersgrenze, und sie hat die Lounge in die Hand genommen. „Die Arbeit mit dem Pferd ist anspruchsvoll, sie ist jeden Tag anders.“

Voltigierübungen unterteilen sich in Pflicht- und Kürübungen. Die Technik- und Pflichtteile sind identisch, sie heißen zum Beispiel Fahne, Schere, Flanke oder auch Mühle. Es sind akrobatische Übungen auf den Rücken der Pferde – zum Nachmachen eher ungeeignet. Knauf mag die Elemente aus dem Setzkasten dieser Sportart. Das Hobby fordert zuweilen hohen Tribut. Die Kreuzbänder in beiden Knien waren bereits zerfetzt. „Es ist alles wieder stabil“, sagt sie heute. Aber die Abgänge, bei der die größten Kräfte auf die Gelenke wirken, werden eher selten trainiert.

Etwa fünf Einheiten im Einzel und Team stehen wöchentlich auf dem Stundenplan. Fabiola kommt da noch am wenigsten zum Einsatz. Das Techniktraining findet auf einem namenlosen Holzpferd statt. Es geht immer um die Koordination, um gute Kraft-Ausdauer, um Ausdrucksstärke. Bei Corinna Knauf im Voltigierverein Köln-Dünnwald wartet in einem kleinen Raum ein mechanisches Pferd. Es simuliert den „Ernstfall“, es fühlt sich wohl an wie früher beim Bullenreiten, nur gleichmäßiger.

So eine Kür entsteht meistens auf dem Trockenen. Die beiden Schwestern planen, diskutieren ein bisschen theoretisch, ehe es ins Labor geht. Auf dem Holzpferd wird an den Übungen gefeilt, ehe es noch praktischer wird: Auf einem beweglichen Holzpferd im Takt der Musik schwingen. Knauf ist in dieser Saison zu neuen Klängen unterwegs. Whitney Houston hat nach zwei Jahren ausgedient, jetzt kommt Musik aus dem Film Jeanne D‘Arc zum Einsatz.

Voltigieren war kurz mal Olympisch. 1920 in Antwerpen wurde es als „Kunstreiten“ im Programm geführt. Die aktuellen Aussichten sind noch nicht so gut, obwohl die Sportart jung, modern, gerade hip ist. Es fehlt die Internationalität. Das IOC macht ganz klare Vorgaben, fordert zum Beispiel im Weltverband registrierte Wettstreiter aus 75 Ländern. Prinzessin Haya bint al Hussein hat das vor ein paar Jahren, als sie noch die Präsidentin des internationalen Reitsportverbandes war, als Ziel vorgegeben. Die Resonanz war bescheiden.

Ulla Ramge kennt Knauf bereits seit Jahren. „Sie hat sich kontinuierlich weiterentwickelt, sie hat sich in die Weltspitze hineingearbeitet“, sagt die Bundestrainerin, die die nominierten Starter vor ein paar Tagen in Warendorf auf den Saisonhöhepunkt, die Reit-EM, eingeschworen hat. Corinna Knauf ist längst ein „Paradepferd“ in ihrer Disziplin. Sie ist erst 22 Jahre alt, „aber ungemein erfahren. Sie ist ein starker Wettkampftyp mit einem guten Nervenkostüm“, findet Ramge.

Quantensprung in Aachen

Aachen 2006 war der Quantensprung für die Voltigierer, als die Pferdeturner ins offizielle Weltmeisterschaftsprogramm aufgenommen wurden. Es ist der lauteste Wettkampf der Welt, nirgendwo kommen mehr Zuschauer hin. Knauf wird vor ihren Ritten nervös sein, ihre Schwester wird sie dann beruhigen, ehe es in die Manege geht. Die Voltigiererin wird sich anstecken lassen von der Atmosphäre, will die Stimmung aufsaugen – und abheben. Fabiola dagegen wird abgeschirmt: Sie trägt in Aachen Ohrenschützer.

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