Warum die Niederländer ihre Art, Fußball zu lehren, in Frage stellen

Von: Christoph Classen
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Dieser Weg wird steinig und schwer: Eine EM ohne die Niederlande ist natürlich nicht schön, besonders für die Niederländer. Foto: dpa

Vaals. Arjen Robben hatte vor dem Spiel empfohlen, die Menschen sollen eine Kerze anzünden, damit es doch noch klappt, mit den Niederlanden und der Qualifikation für die Fußball-Europameisterschaft, die Lage war ja ziemlich aussichtslos. Aber im Café d‘r Koffereck in Vaals wurde an diesem Abend nicht eine Kerze angezündet. Es sind sehr viele Kerzen, die hier brennen, auf der Theke, an jedem Tisch.

Es ist eine Art Teelicht-Inferno, und es wirkt, als wollten sie im Café d‘r Koffereck nichts unversucht lassen, um ihre Nationalmannschaft doch noch irgendwie zu dieser EM zu bekommen. Aber wenn Gina Wallies gefragt wird, ob dort an diesem Abend Fußball zu sehen ist, dann sagt sie: „Wer spielt denn?“

Wallies, 25, steht hinter der Theke, sie bedient, und das Spiel der Niederlande gegen Tschechien in der EM-Qualifikation hatte sie nicht auf dem Schirm. Es klingt wie eine Entschuldigung, wenn Wallies sagt, sie interessiere sich nur wenig für Fußball. Bei vielen Niederländern ist das anders. Wenn die Nationalmannschaft spielt, ist das ein Grund, das Haus zu verlassen, um sich das mit anderen anzusehen. Normalerweise.

Kurz vor dem Anstoß ist es im Café d‘r Koffereck immer noch leer, genau genommen sind zwei Gäste da, und einer von ihnen übernimmt das dann mal mit dem Anschalten des Fernsehers. Gina Wallies glaubt nicht, dass noch besonders viele kommen, und sie wird recht behalten. Als die Begegnung abgepfiffen wird, haben sie im Café d‘r Koffereck gut 20 Menschen gesehen, einige von ihnen haben sie ertragen. Sonst ist der Laden voll, wenn die Nationalmannschaft spielt, aber warum das diesmal anders ist, das erklärt sich Wallies so: „Ich denke, viele hatten die Hoffnung schon aufgegeben.“

Auf die Hoffnung allein hatte sich Arjen Robben vor der Begegnung mit Tschechien auch nicht verlassen wollen, er schlug folgende Reihenfolge vor: Spiel gewinnen, dann beten, dann hoffen, dann Kerze anzünden. Robben, niederländischer Nationalspieler, konnte ja selbst auch nicht mehr tun, Robben ist verletzt. Und auch die, die spielten, hatten es nicht mehr in der Hand. Ein Sieg gegen Tschechien wäre ja nur die absolute Grundvoraussetzung gewesen. Um sich für die EM zu qualifizieren, hätte auch noch die Türkei gegen Island verlieren müssen. Eine Ausgangslage, die verdeutlicht, wie die EM-Qualifikation für die Niederländer gelaufen war. Sie haben das Turnier jedenfalls nicht wegen dieses Spiels gegen Tschechien verpasst. Aber es ließ sich gut daran ablesen, in welcher Verfassung sich der niederländische Fußball derzeit befindet.

In der Vorberichterstattung zum Spiel kommt diesmal auch eine Maus vor. Sie ist ein bisschen über den Fußballplatz gelaufen, das Fernsehen zeigt die Maus in Zeitlupe und in Nahaufnahme. Im Café d‘r Koffereck kommt das ganz gut an, als die Menschen die Maus sehen, sagen sie „Guck!“ und „Oh, wie süß.“ Es gibt jedenfalls keine Anspannung, die irgendwie greifbar wäre, und als dann angepfiffen wird, möchte Marino D‘Adamo noch seinen Tipp loswerden. „Acht zu null“, ruft D‘Adamo also mal in den Raum.

D‘Adamo, 38, aus Vaals, hat eine Menge Optimismus eingebüßt, nachdem er die erste Halbzeit gesehen hat. Tschechien führt mit 2:0, und er denkt jetzt darüber nach, wie das so wird, eine EM ohne die Niederlande, und wie es überhaupt so weit kommen konnte. D‘Adamo fängt mit dem Trainer an, er wünscht sich einen anderen. Am liebsten wieder einen wie Louis van Gaal, mit dem die Niederländer bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr noch Dritter geworden waren. „Jemanden, der Autorität ausstrahlt, der über die Mannschaft herrscht“, möchte D‘Adamo. Und den Spielern, denen fehle Stolz, Einsatz, Wille. Und vor allem: Teamgeist. D‘Adamo sagt: „Die spielen nicht viel zusammen, die trainieren nicht viel zusammen, die sind keine Einheit.“ Es ist der Klassiker unter den Vorwürfen, den die Niederländer ihrer Nationalmannschaft machen, und er ist ein Grund dafür, warum sich Eric van der Luer ihre Spiele lieber alleine ansieht, zu Hause.

Van der Luer, 50, hat als Profi unter anderem bei Maastricht, Kerkrade und Alemannia Aachen gespielt und ist zwei Mal für das niederländische Nationalteam aufgelaufen. Er arbeitet jetzt als Trainer, aktuell betreut er die zweite Mannschaft von Roda Kerkrade und den Satz, dass die Nationalmannschaft genau das nicht sei, eine Mannschaft eben, den kann er nicht mehr hören. Über die Niederländer im Spiel gegen Tschechien sagt van der Luer: „Alle, die da zusammen auf dem Platz standen, wollten auch zusammen gewinnen.“

Geht es nach van der Luer, muss die Kritik an anderer Stelle ansetzen. Das Spiel gegen Tschechien sei gut gewesen, weil es jedem gezeigt habe, dass es so wie bisher nicht weitergehen könne mit dem Fußball in den Niederlanden. Sie haben ja nicht irgendwie verloren. Es war bezeichnend. 0:2 zur Pause gegen einen Gegner, der sich bereits vor diesem Spiel für die EM qualifiziert hatte. Nach 90 Minuten 2:3 gegen eine Mannschaft, die seit der 43. Minute wegen einer roten Karte mit einem Mann weniger auf dem Platz stand. Für den dritten Gegentreffer hatten die Niederländer selbst gesorgt, Robin van Persie köpfte den Ball ins eigene Tor, unbedrängt.

Wenn van der Luer die Szenen dieses Spiels noch einmal durchgeht, kommt er zu folgendem Schluss: „Es war zu sehen, welches Problem der niederländische Fußball hat: Wir können nicht verteidigen.“ Eine grundsätzliche Erkenntnis, die eine grundsätzliche Diskussion ausgelöst habe. Die übrigens bereits vor dem Ausscheiden in der EM-Qualifikation geführt worden sei.

Van der Luer sagt, dass die Niederlande immer ein Fußball-Ausbildungsland gewesen sei. Sie stand für gute Spieler, gute Trainer. Sie haben sich darauf etwas eingebildet, völlig zurecht vielleicht. Aber irgendwann habe sich das Ganze in eine falsche Richtung entwickelt. Van der Luer formuliert es so: „In gewissen Sachen sind wir durchgedreht.“ Er kritisiert, dass junge Fußballer zum Training abgeholt und danach wieder nach Hause gefahren werden, er kritisiert, dass alle schulischen Belange für sie geregelt werden. Und er kritisiert, dass die fußballerische Ausbildung beinahe ausschließlich auf Kunstrasen stattfinde.

„Ich bin aufgewachsen mit Rasen, Dreck und Asche. Heute ist es meist Hallenfußball im Freien“, sagt van der Luer. Keine optimalen Bedingungen jedenfalls, um gute Verteidiger zu schulen. Was auch Huub Stevens so sieht, der ehemalige Bundesligatrainer nennt die Probleme des niederländischen Fußballs „hausgemacht“. Van der Luer sagt: „Vielleicht müssen wir einen Schritt zurück machen, um wieder ein paar Schritte nach vorn zu kommen.“

Im Café d‘r Koffereck kann man sehen, wo die Wurzeln des niederländischen Fußballs liegen. Neben dem Damenklo hängt ein Foto, gerahmt, es zeigt die Mannschaft von Rood Groen Vaals, Vijfde Klasse A, der Name des Cafés steht auf den Trikots, weiße Schrift auf grünem Stoff. „Fußball“, sagt Friso Wielenga, „hat auch immer mit Identität zu tun.“

Wielenga ist Professor und Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien an der Universität Münster. Dass sich die Niederländer nach 1984 und 2002 nun erneut nicht für ein großes Turnier qualifizieren konnten, sei kein Schock. Es träfe niemanden unvorbereitet, zumindest keinen, der die Qualifikationsspiele verfolgt habe. Wielenga hat sich auch die Zeitungen angeschaut, nachdem das Spiel gegen Tschechien verlorengegangen war, und er kommt zu dem Schluss: „Ich sehe keine Nation in tiefer Trauer.“

Aber da ist dann eben noch die Sache mit der Identität, gerade die Nationalmannschaft ist in der Lage, ein Land zusammenzuführen, bei einem großen Turnier ist diese Wirkung besonders stark. Wielenga sagt: „Deswegen gibt es ja auch diese große Rivalität zu Deutschland. Im Fußball können die Niederländer zeigen, dass sie nicht das 17. Bundesland sind, sondern eine eigene Nation.“

Im Café d‘r Koffereck ist zwischenzeitlich ein Fernsehteam angekommen, aus Deutschland. Kurz nach Abpfiff werden den Gästen Fragen gestellt. Ob es peinlich sei, wie es sich anfühle, nicht bei der EM zu sein, solche Sachen.

Während des Spiels noch hatte Marino D‘Adamo immer mal wieder ein Lied angestimmt. Es ging so: „Ohne Holland fahr‘n wir zur EM.“ Es war ironisch gemeint. Nach Abpfiff singt D‘Adamo nicht mehr, ohnehin ist es jetzt ziemlich still. In der Aachener Innenstadt ist das anders. Auf den Straßen wird gehupt, junge Männer winken aus Autos heraus. Die Türkei ist ja dabei.

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