Von Jörg Berger, Günther Koch und der Titanic

Von: fö
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Der Moment der Erlösung für alle Frankfurter: Eintracht-Stürmer Jan-Aage Fjörtoft überwindet Kaiserslauterns Torwart Andreas Reinke und erzielt das 5:1. Foto: sport/Werek
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Hauptdarsteller am 29. Mai 1999: Radioreporer Günther Koch. Foto: sport/Schiffmann/Werek
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Hauptdarsteller am 29. Mai 1999: Frankfurts Retter Jörg Berger. Foto: sport/Schiffmann/Werek

Aachen. Es war ein faszinierender Schlussspurt vor 16 Jahren, als am letzten Spieltag in der Fußball-Bundesliga gleich fünf Mannschaften noch einen Absteiger unter sich ausmachen müssen.

Ich halt‘ das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen. Aber sie haben ein Tor gemacht. Ich glaube es nicht. Aber der Ball ist drin. Ich weiß nicht wie. Kopfball von Nikl. Die Leute haben es gehört, dass Frankfurt vorne liegt, dass Rostock vorne liegt, jetzt liegt der Ball im Netz. Nur noch 1:2. Ich halt‘ das nicht mehr aus. Nein, es tut mir leid. 1:2, Nikl per Kopf, Flanke von Kuka. Treffer für die Clubberer. Es ist nicht zu fassen, wir waren in Bochum, wir waren in Frankfurt, wir sind in Nürnberg. Was gibt‘s Neues in Bochum?“

 

 Ja, was gibt‘s Neues in Bochum? Nicht mehr viel, Rostock führt 3:2 in diesem Moment der bewegenden Reportage. Neues gibt‘s dafür ein paar Minuten später aus Frankfurt, die Eintracht macht das 5:1 gegen Kaiserslautern, rettet sich. Und Günter Koch, der legendäre Radioreporter des Bayrischen Rundfunks, muss nach seiner so emotionalen Schilderung des einzigen Nürnberger Treffers nun fassungslos verkünden:

„Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund ... Das Spiel hier ist aus. Ade, liebe Freunde. Es ist nicht zu fassen, was der Club seinen Fans, was er seinen Anhängern und was er seinem treuen Publikum zumutet. Der Club verliert mit 1:2, und er hat wenig Haltung bewiesen. Erst in der Schlussminute, in den Schlussminuten, hat er gekämpft. Liebe Clubberer, es tut mir leid. Das musste nicht sein. Das musste nicht sein.“

Der Abstiegskampf der Saison 2014/15 ist ohne Beispiel, dass vor dem letzten Spieltag noch alle drei Absteiger gesucht werden, ist spektakulär. Nicht minder spektakulär war das Finale der Saison 1998/99, als am 29. Mai noch der dritte Absteiger neben dem VfL Bochum und Borussia Mönchengladbach gesucht wird. Fünf Klubs mussten noch bangen, die mit Abstand beste Ausgangsposition hatte übrigens der 1. FC Nürnberg.

Die Tabelle nach 33 Spieltagen:

12. Nürnberg 33 7 16 10 39:48 - 9 37

13. Stuttgart 33 8 12 13 40:48 - 8 36

14. Freiburg 33 9  9 15 34:43 - 9 36

15. Rostock 33 8 11 14 46:56 -10 35

16. Frankfurt 33 8 10 15 39:53 -14 34

Und dann kommt dieser unglaubliche Nachmittag des 29. Mai: Die Entwicklung auf den Plätzen in Nürnberg (gegen Freiburg), Frankfurt (gegen Kaiserslautern) und Bochum (gegen Rostock) sorgt nicht nur für unglaubliche Spannung, sondern auch für einen denkwürdigen Höhepunkt deutscher Radio-Geschichte. Die Schlusskonferenz ist längst Kult, neben Günter Koch sorgen auch die Reporter Manni Breuckmann (in Bochum) und Dirk Schmitt (in Frankfurt) für Gänsehautmomente ohne Ende.

Der VfB rettet sich schnell

Stuttgart führt schnell mit 1:0 gegen Bremen – die Abstiegsgefahr ist so gut wie gebannt. Und zur Halbzeit scheint der Frankfurter Abstieg besiegelt – das 0:0 gegen den FCK ist eindeutig zu wenig. Zumal Freiburg in Nürnberg mit 2:0 führt und Rostock mit 1:0 in Bochum vorne liegt. Drei Punkte Rückstand, dazu muss die Eintracht in der Tordifferenz noch vier Treffer gegenüber dem Club gutmachen.

16.30 Uhr, Anstoß zur zweiten Halbzeit: Es folgen 45 verrückte Minuten, und noch um 17.04 Uhr, nach 79 gespielten Minuten, scheint der Club trotz des 0:2-Zwischenstands gegen Freiburg „unabsteigbar“. Nur mit 2:1 führt die Eintracht gegen Kaiserslautern (es fehlen noch zwei Treffer), zwischen Bochum und Rostock steht es 2:2.

Aber dann: Slawomir Majak erzielt das 3:2 für Rostock (82.), und in Frankfurt macht es bumm, bumm. Marco Gebhardt (80.) und Bernd Schneider (82.) schießen die Eintracht mit 4:1 in Führung, der Klassenerhalt. Bis eben Marek Nikl in Nürnberg trifft, auf 1:2 verkürzt (85.). Die Eintracht ist wieder abgestiegen. Doch es gibt ja noch Jan-Aage Fjörtoft... Der norwegische Stürmer vollendet dass „Wunder vom Main“. Dirk Schmitt meldet sich in der Konferenz aus Frankfurt

„wo die Eintracht hier natürlich nach wie vor Druck macht. Sie weiß: Ein Tor könnte wieder den 1.FC Nürnberg in den Abgrund stoßen, überhaupt keine Frage. Und sie kommen jetzt wieder mit Christoph Westerthaler in der zentralen Position. Nur Sforza hat er noch vor sich. Dann ist es Fjörthoft, der ist im Strafraum. Und er trifft. Tooor, Toooooor, für die Frankfurter Eintracht, 5:1. Herrjeh! Welche Leistung! Und damit ist wieder der 1. FC Nürnberg in der Zweiten Liga!“

Allein wegen vier mehr geschossener Tore rettete sich die Eintracht, die erst nach dem 27.Spieltag Jörg Berger für Reinhold Fanz verpflichtet hatte. Der später auch bei Alemannia Aachen tätige Trainer, der im Juni 2010 starb, führte die Mannschaft zu vier Siegen in den letzten vier Spielen, und Jan-Aage Fjörtoft war sich sicher: „Er hätte auch die Titanic“ gerettet.“

Die Tabelle nach 34 Spieltagen:

11. Stuttgart 34  9 12 13 41:48 - 7 39

12. Freiburg 34 10  9 15 36:44 - 8 39

13. Bremen 34 10  8 16 41:47 - 6 36

14. Rostock 34  9 11 15 49:58 - 9 36

15. Frankfurt 34  9 10 15 44:54 -10 35

16. Nürnberg 34  7 16 11 40:50 -10 34

17. Bochum 34  8  8 19 40:65 -25 29

18. M‘gladbach 34  4  9 21 41:79 -38 21

Für Jörg Berger war in Frankfurt übrigens wieder schnell Schluss. Am 19. Dezember 1999 musste er gehen. Die unglaubliche Rettung hatte in Frankfurt nicht viel bewirkt, mit mageren neun Pünktchen zierten die Hessen nach der Hinserie das Tabellenende. Als Retter wurde diesmal Felix Magath verpflichtet, der seiner Aufgabe wie Berger ein Jahr zuvor nachkommen sollte. Allerdings längst nicht so spektakulär.

Die Schlusskonferenz von 1999 zum Nachlesen bei 11freunde.de

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