Düren - Volleyball: Kleine Schritte in Richtung Medaille

Volleyball: Kleine Schritte in Richtung Medaille

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Die Volleyball-Trikots einer langen, bewegten Karriere: Stefan Hübner war für zwölf Vereine und die Nationalmannschaft aktiv. Foto: Guido Jansen

Düren. „Das ist meine Karriere”, sagt Stefan Hübner und muss selbst ein bisschen staunen. Über 50 Trikots liegen ausgebreitet auf dem Boden vor ihm. Die meisten davon hat der 36-Jährige selbst getragen im Verlauf seiner bewegten, internationalen Karriere. Die begann im Winter 1995 mit dem Debüt in der Nationalmannschaft.

Enden soll sie im kommenden Jahr mit den Olympischen Spielen in London. Guido Jansen hat sich mit dem Weltklasse-Mittelblocker, der 240 Länderspiele auf dem Buckel hat, über die Rückkehr in die Nationalmannschaft in diesem Jahr, die anstehende Europameisterschaft und sein letztes großes internationales Ziel gesprochen. Mit der deutschen Auswahl will der Mann, der für Evivo Düren in der Bundesliga spielt, das schaffen, was ihm selbst schon lange gelungen ist: den Durchbruch in die internationale Spitze.

Eigentlich wollten Sie nach einer Pause schon im vergangenen Jahr zur Nationalmannschaft zurückkehren. Stattdessen mussten Sie wegen Ihrer Knie einen Rehabilitations-Marathon durchlaufen. Wo haben Sie den Ehrgeiz hergenommen, sich nach einer so langen Karriere und so vielen Verletzungen so für eine erneute Rückkehr zu quälen?

Stefan Hübner: Das geht nur, wenn der Spaß am Volleyball nach wie vor groß ist und wenn du ein Ziel vor Augen hast. Die Europameisterschaft jetzt und die Olympischen Spiele im kommenden Jahr sind diese Ziele. Vielleicht ist es ein bisschen so wie bei Dirk Nowitzki. Der hat nach dem Gewinn seiner ersten Basketball-Meisterschaft gesagt, dass sein Ehrgeiz vielleicht nicht so groß gewesen wäre, wenn er schon in jungen Jahren Meister geworden wäre. Ich habe zwar eine lange Karriere hinter mir, habe aber viele Höhepunkte aufgrund von Verletzungen verpasst.

Beim Fotoshooting mit Ihren Trikots wurden Sie, auch wegen einiger sehr weit geschnittener Nationalmannschafts-Trikots aus den 90er Jahren, gefragt, ob Sie Eishockeyspieler sind. Ärgert Sie das nach einer so großen Karriere?

Stefan Hübner: Für die Sportart Volleyball finde ich das schon schade. Wir brauchen mehr Aufmerksamkeit. Was mich angeht - mich stört das nicht. Ich bin dankbar dafür, dass ich mich in meiner neuen Heimat Köln frei bewegen kann. Und dass mich jemand wegen dieser riesigen Trikots für einen Eishockeyspieler hält, finde ich amüsant.

Neben der Trikot-Mode - was hat sich seit Ihrem Nationalmannschafts-Debüt vor 16 Jahren im internationalen Volleyball geändert?

Stefan Hübner: Damals wie heute gab es immer schon Ausnahmekönner. Die Regeln wurden gelockert, das Spiel ist unsauberer, aber viel athletischer geworden. Jetzt gibt es viele Spieler, die physisch stärker und spektakulärer sind, aber nicht mehr die Technik der Spieler von damals haben. Beides hat seine Reize. Das Finale der Olympischen Spiele 1988 habe ich mir damals so oft angeschaut, weil ich so begeistert war. Ich glaube, ich kenne es heute noch auswendig. Das Finale 2008 zwischen den USA und Brasilien ist ganz anderes Volleyball. Und trotzdem ein Spiel, um mit der Zunge zu schnalzen.

Söhnke Hinz hat Ihren Klub Düren als Trainer übernommen. Er war bei Ihrer ersten Station in Eimsbüttel Zuspieler. Schließt sich da ein Kreis?

Stefan Hübner: Das weiß ich nicht. Es ist vielmehr eine schöne Konstellation. Wir haben seit unserer Zeit in Eimsbüttel immer viel Kontakt gehabt. Jeder ist seinen Weg gegangen, und beide sind wir auf unsere Art erfolgreich. Dass wir jetzt wieder zusammen arbeiten, ist natürlich eine schöne Geschichte.

Wann hängen Sie Ihr letztes Trikot an den Nagel?

Stefan Hübner: Das wird absehbar. Nächstes Jahr ist definitiv Schluss mit der Nationalmannschaft. Mein Traum ist, nach den Olympischen Spielen aufzuhören. Um das zu erreichen, müssen wir erst mal die Qualifikation schaffen. Und dann muss ich nachweisen, dass ich das Level habe, um der Mannschaft weiterzuhelfen.

Was würde der Stefan Hübner am Ende seiner Karriere dem Stefan Hübner von vor 16 Jahren raten?

Stefan Hübner: Dass er nebenbei studieren soll. Nicht so viel, dass er nicht professionell als Volleyballer arbeiten soll. Aber so viel, dass er sich noch mit etwas anderem beschäftigt. Und er soll nicht so verbissen sein. Ich habe früher manchmal zwei, drei Schritte zu viel gemacht und dafür häufig die körperliche Quittung bekommen. Aber diese Verbissenheit hat zwei Seiten. Ich war nie das große Talent in Deutschland. Ich bin so gut geworden, weil ich den Ehrgeiz hatte, mich so sehr mit dem Thema Volleyball zu beschäftigen.

Wie sieht dieser Ehrgeiz aus?

Stefan Hübner: Für mich war immer wichtig, dass ich in Sachen Physis, Schnelligkeit und Athletik stark bin. Im technischen Bereich war ich sehr fleißig und habe viel an mir gearbeitet. Videoanalyse ist für mich heute immer noch ein wichtiges Thema. Ich schaue mir sehr oft zu Hause noch ein oder zwei Stunden den gegnerischen Zuspieler an. Ich erkenne sein Bewegungsmuster und bin deswegen vielleicht den Moment schneller mit dem Block an der richtigen Stelle. Über das Thema Block könnte ich eine Stunde lang erzählen. Das macht mir ungemein viel Spaß. Deswegen bin ich da auf dem Feld besonders aggressiv.

Welche Chancen hat die Nationalmannschaft bei der EM in Österreich und Tschechien (8. bis 19. September)?

Stefan Hübner: Ganz entscheidend wird sein, in welchem körperlichen Zustand wir bei der EM ankommen. Wenn alle Spieler an ihrem oberen Niveau spielen können, dann haben wir Chancen. Allerdings ist unsere Vorrundengruppe direkt sehr schwer. In Prag treffen wir (Weltrangliste Nummer zehn) auf Polen (10. September, WR 8), die Slowakei (11. September, WR 33) und Bulgarien (12. September, WR 7).

Vor jedem großen Wettbewerb heißt es aus der Führungsetage des DVV, dass eine Medaille der Sportart ungemein gut tun würde. Wie sehen Sie das?

Stefan Hübner: Natürlich wäre so ein Erfolg schön. Aber wir brauchen keinen Funktionär, der uns daran erinnert, dass wir eine Medaille holen wollen. Wenn ich zurückschaue auf die Zeit, in der ich mein Debüt in der Nationalmannschaft gegeben habe, sind wir ein großes Stück weiter gekommen. Damals waren wir in der B-Gruppe in Europa. Heute sind wir bei jedem wichtigen Wettbewerb in der oberen Hälfte dabei. Aber daraus kann man nicht einfach den Anspruch auf eine Medaille ableiten.

Seit Raul Lozano 2009 die Nationalmannschaft übernommen hat, kritisiert er jedes Jahr das fehlende Niveau in der Bundesliga. Liegt er da richtig?

Stefan Hübner: Er hat schon recht. In der Spitze ist die Bundesliga mit Mannschaften wie Friedrichshafen, Haching und Berlin schon anständig. Aber es fehlt noch die Breite. Allerdings kann man da nicht zu viel auf einmal fordern. Zunächst einmal sollten wir froh sein, dass es Leute gibt, deren Passion es ist, für ihren Verein zu arbeiten. Alle müssen lernen, in kleinen Schritten zu denken. Vielleicht, indem jeder Verein hingeht und jedes Jahr einen kleinen Teil des Etats investiert, um die Trainingsbedingungen ein Stück besser zu machen. Jede Bundesliga-Mannschaft braucht einen vernünftigen Kraftraum. Zwei Mal am Tag Training wäre ein weiterer Schritt. Ein Team wie Düren ist mit dieser Taktik der kleinen Schritte gut unterwegs.

Was fehlt dem deutschen Volleyball, um ganz oben in Europa oder in der Welt anzukommen?

Stefan Hübner: Schwer zu sagen. Wir sind in einem Kreis von Mannschaften angekommen, der respektiert wird. Vielleicht fehlt tatsächlich das eine Top-Ergebnis, das allen den letzten Schub gibt. So einen Erfolg können wir nicht voraussetzen. Bis dahin müssen wir alle versuchen, uns mit kleinen Schritten weiter zu entwickeln. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Denn die kleinen Schritte würden auch nach einer Medaille nicht aufhören.
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