Ultraläufer André Collet: Vom Chorusberg über Doha nach Hawaii

Von: Heribert Förster
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Momente des Lächelns: André Collet bei der Gymnastik und mal wieder als Sieger beim Zieldurchlauf des Monschau-Marathons in diesem Jahr. Foto: Wolfgang Birkenstock
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Momente des Lächelns: André Collet bei der Gymnastik und mal wieder als Sieger beim Zieldurchlauf des Monschau-Marathons in diesem Jahr. Foto: Wolfgang Birkenstock, Andreas Gabbert
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Laufen, laufen, laufen: André Collet bei der Deutschen Meisterschaft über 10 Kilometer im September in Düsseldorf. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Um halb fünf wird dann auch Freundin Beate das Hotelzimmer verlassen müssen. Und sollte in den folgenden 90 Minuten jemand auf die Idee kommen, André Collet einen Klaps auf die Schultern zu geben und ihm Glück zu wünschen, er wird keine Reaktion bekommen. „Ich muss dann alleine sein, befinde mich im Tunnel, ertrage keinen mehr um mich herum“, sagt André Collet, „ich bekomme dann nichts mehr mit, habe auch keinerlei Emotionen.“

So wird es sein am Samstag, 21. November, 16.30 Uhr Ortszeit in Doha, Katar. 90 Minuten später fällt der Startschuss für die „IAU 100km World Championship“. IAU steht für International Association of Ultrarunners, und ein Mitglied dieser Gilde der Ultraläufer ist André Collet. 43 Jahre alt, Steinmetz und Bildhauer, mit Freundin Beate lebt er in Raeren, und er läuft für die Aachener Turngemeinde (ATG). In Doha zum siebten Mal in seinem Leben über die 100-km-Distanz.

Er ist nicht verrückt...

Um 18 Uhr beginnt für rund 350 Starter aus der ganzen Welt der Lauf, der für André Collet gegen ein Uhr in der Früh am Sonntag beendet sein wird. Aber schon um 18.01 Uhr weiß Collet, wie es laufen wird. Denn nach den ersten 500 Metern hat er ein Gefühl dafür, wie sich die restlichen 99,5 Kilometer bewältigen lassen. „Ich bestimme mein Tempo danach, wie ich mich auf den ersten Metern fühle“, sagt Collet, „da spürst du schon: Fühlst du dich gut, wie rollt es, da kann ich mich schon einschätzen.“ Und es komme auf die Fähigkeit an, „sich zurückhalten zu können“. Und wenn man sich nach 488 Metern nicht gut fühlt, wie schafft man dann noch 99512 Meter? „Dann nehme ich Tempo raus, trete auf die Bremse.“

Spätestens jetzt wird manch einer André Collet und seine Kollegen für, nun ja, verrückt erklären. Doch, liebe Leserinnen und Leser, André Collet ist ein ganz normaler Mensch, er ist einfach „vom Kopf und vom Geist her ein geborener Läufer“, dem sein Sport schon „immer Spaß gemacht hat“. Kleine Einschränkung: Irgendwann hört auf den rund sieben Stunden bis zum Ziel bei einem 100-km-Lauf auch für einen wie Collet der Spaß auf („nach 60 Kilometern tut nur noch alles weh“). Aber der 43-Jährige wehrt sich dann gegen die Signale, die sein Körper sendet, die Qualen. Und nach wie vor gilt: Ein Collet gibt nicht auf, beißt sich durch.

Keine neue Bestzeit

In Doha wird er auf einer Fünf-Kilometer-Schleife beißen, Rundkurse liegen dem siebenfachen Gewinner des Monschau-Marathons. „Das Positive bei einem Rundkurs ist, du hast immer Kontakt zu deinen Verpflegungsposten, siehst die Leute, kommst nicht so in die Einsamkeit.“

Drei Wochen vor dem Start hatte sich Collet eine neue persönliche Bestzeit in Doha zum Ziel gesetzt, „eine 6:40, 6:39“. Doch „das wird unmöglich sein“, sagte Collet kurz vor dem Abflug, nachdem zwei Deutsche, die in Doha an der 50-km-Trophy teilgenommen hatten, ihren Erfahrungsbericht verschickt haben. Von „unerträglicher Hitze unter tropischen Bedingungen“ war die Rede, „also“, sagt Collet, „also wird es diesmal wirklich ein Höllenlauf.“ Aber Collet wäre nicht Collet, würde er nicht den positiven Aspekt sehen: „Ich hoffe, dass mir das zu Gute kommt und dass das schnelle Feld dadurch näher zusammenrückt und sich meine Chancen erhöhen, vorne mitzumischen.“ Denn eine gute Platzierung hat sich der ATG-Läufer schon zum Ziel gesetzt, „auf dem Treppchen zu stehen, wäre ein Traum.“ Klar ist: „Du musst auf jeden Fall deinen eigenen Stiefel laufen.“

Am Dienstag ist Collet mit dem 19-köpfigen Team gen Doha geflogen, fünf Läufer, vier Läuferinnen und zehn Begleiter, darunter Collets Freundin Beate, die zum offiziellen Betreuerstab gehört. Die Tage vor dem Abflug waren noch einmal sehr intensiv (siehe: „Die letzten Trainingseinheiten...“), doch André Collet ist mit einem guten Gefühl in den Flieger gestiegen. Nach seiner nicht ganz unkomplizierten Fersen-Operation vor einem Jahr hat er sich zurückgekämpft, alles war im Fluss, bis er vor rund vier Wochen fast alles hingeschmissen hätte. „Da hab ich fast jeden Tag gedacht: Schluss, ich brech‘ ab, nee, es geht nicht! Aber ich hab‘ weitergemacht (Collet seufzt schwer) und noch einmal reingefunden.“ Ihm war klar: „Wenn ich jetzt nicht zurückkehre, dann ist Schluss.“

Jetzt ist Schluss, wird André Collet sagen, wenn er nach dem an den WM-Lauf folgenden einwöchigen Urlaub in Katar zurückkehrt in die Eifel. Vielmehr: So ist es geplant, nach wie vor gilt, was André nach seinem Sieg in diesem Jahr beim Monschau-Marathon gesagt hat. „Irgendwann muss es gut sein. Ich will meinen Lebensrhythmus umstellen, bevor es mein Körper von mir verlangt – auch mit Rücksicht auf meine Familie.“

Natürlich heißt das nicht, dass Collet sportlich gesehen in Rente geht. Ein Ziel hat er zwar von seiner Lebensagenda gestrichen, nämlich noch einmal einen Etappenmarathon durch die Wüste zu laufen, „das ist nicht mehr in meinem Kopf“. Auch mit Blick auf die Gesundheit, „ich möchte nicht, dass mein Körper sagt: So, jetzt ist Feierabend.“ Das Ende möchte Collet selbst bestimmen, und er sagt: „Ich spiele schon mit dem Wettkampf in Doha mit dem Feuer.“

Da kommt doch noch was...

Sein Zögern verrät dem Gegenüber aber: Da kommt doch noch was... Und in der Tat: „Triathlon, das könnte ich mir vorstellen.“ Radfahren gehört ohnehin zu Collets Hobbys. Und wer ihn kennt, weiß, dass auf Sicht auch Schwimmen kein Problem sein dürfte. Und natürlich wird Collet sich dann auf die lange Distanz konzentrieren, auf die Ironman-Distanz. Ist da nicht immer so eine große Veranstaltung in Hawaii? Sein Grinsen verrät, das wird das Ziel des André Collet sein, der doch tatsächlich wenige Tage vor seinem Start bei der 100-km-WM sagt: „Nur Laufen ist zu eintönig.“

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