Aachen - Ulrich Heise hat seine Renn-Formel gefunden

Ulrich Heise hat seine Renn-Formel gefunden

Von: Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Ulrich Heise (838, DJK Elmar Kohlscheid), Alfred Melchin (890, USC Bochum)

Aachen. Jetzt also ist Zeit für die anderen Sachen. Arztbesuche zum Beispiele, oder Ordnung in die vielen handgeschriebenen Geschichten zu bringen, die er nach seinen Läufen aufschreibt. Ein Jahr lang hat sich Ulrich Heise für solche Projekte wenig Zeit genommen. Er hatte Wichtigeres vor.

„2013 hatte eine große Bedeutung für mich.“ In diesem Jahr stieg er in die Altersklasse „M 75“ auf. Heise wollte es genau wissen, erfahren, zu welchen Leistungen er noch fähig ist. Ein Eigenversuch, ein biomechanisches Experiment. „Ich habe mich gefragt, wie ich bei Meisterschaften abgeschnitten hätte, wenn ich schon als Jugendlicher systematisch trainiert hätte? Kann ich Deutscher Meister in meiner Altersklasse werden, wo sind meine Grenzen?“ Er sagt, es sei seine letzte Chance gewesen, eine Antwort zu bekommen.

Ab Oktober 2012 bereitete sich der 75-Jährige aus Richterich auf die Aufgaben unglaublich diszipliniert vor. Wöchentlicher Trainingsumfang: 150 Kilometer. Die Masse macht es. Nur vor den Wettkämpfen pausiert er ein paar Tage. Bei jedem Wetter spult er sein Pensum ab, früher lief er durch das Wurmtal, heute kurvt der Mann aus Richterich bevorzugt am Lousberg in Aachen. Die besten Zeiten schaffte er Anfang des Jahres, er mag das kühlere Wetter. „Außerdem war ich da noch ein bisschen jünger“, grinst er.

Die Wettkämpfe wurden akribisch vorbereitet, große Menschenansammlungen gemieden, kein Virus sollte die Vorbereitung (zer)stören. Er läuft nach seinen Plänen, meistens alleine mit seinen Gedanken. Umfangreiches Training ist alles, der Wettkampf selbst ist nur das Abspulen der Fähigkeiten, meint er. Heise vergleicht das mit einem guten Essen, das aufwändig vorbereitet werden muss und dann in Minuten verputzt wird.

Ende des Jahres zieht er nun eine unglaubliche Bilanz. Der hagere Mann ist Deutscher Meister in seiner Altersklasse über 10 Kilometer (46:16,89 Minuten in Bremen), im Halbmarathon (1:45:44 in Bergisch-Gladbach) und Marathon (3:50,56 in München) geworden. Der 75-Jährige bevorzugt die langen Distanzen, über 5000 Meter (22:12,99) und der „Sprintstrecke“ 1500 Meter (6:14,15) reichte es zu Platz 3 und 5 bei den Nationalen Meisterschaften. Und nebenbei hat er in dem Jahr alle Rekorde des LVN-Kreises (Leichtathletik Verband Nordrhein) in seiner Altersklasse von 400 Meter bis zum Marathon verbessert. „Das fiel nicht so schwer, weil sich noch nicht so viele Läufer meines Alters sich da vorher versucht haben“, sagt er.

Vermutlich wäre er auch auch international erfolgreich, aber er hat keine Lust auf die Vorbereitung. Die Saison ist zu Ende, der Umfang gedrosselt, Zeit für die anderen Sachen, die liegengeblieben sind, weil es dieses erfolgreiche Experiment gegeben hat.

Angefangen hat es vor etwa 35 Jahren. Heise war gerade 40 Jahre alt geworden, der Sport spielte keine große Rolle in seinem Leben. Gelegentlich spürte er „Beklemmungen in der Brust, was mir Angst einjagte“. In der eigenen Phantasie stellte er sich seinen Körper schon als einen unförmigen Sack vor, erzählt er. „Er ist ein Mensch, der die Dinge, die er sich vornimmt, gründlich macht“, sagt seine Frau Linda, die fast seit 50 Jahren mit ihm verheiratet ist. In Straßenschuhen und ziviler Kleidung trabte er los. Der Spaß stellte sich ein, nach einem Monat kamen zumindest die Sportschuhe dazu, die Alltagskleidung blieb noch lange am Start.

Laufen war ein Hobby – mehr nicht. Von der Existenz von Volksläufen erfuhr er erst später. 1980 meldete er sich erstmals bei einem Lauf in Herzogenrath an – und sorgte gleich für Aufsehen. Er trug eine ausrangierte Hose und eine Windjacke, die im Alltag für die Gartenarbeit genutzt wurden...

Heise fand Gefallen an solchen Läufen, es gab nur ein Hindernis: Die Veranstalter ließen nur Vereinsmitglieder an den Start. Er löste das Problem unkonventionell, trug den TV Richterich ein. Dahinter verbarg sich der Turnverein seiner Tochter. Drei Jahre sammelte er Pokale für einen Klub, dem er nicht angehörte, bis der Leiter der Turngruppe in der Zeitung vom nächsten Erfolg des TV las. Er bedankte sich beim Vorzeige-Athleten für die positive Werbung, aber Heise war der Hinweis eher peinlich.

Er schloss sich dem Eisenbahner Sportverein an. Als er dann der letzte aktive Läufer der Leichtathletik-Abteilung war, machte die Sparte dicht. Gerd Krause, ein Urgestein der Leichtathletik in Aachen, nahm ihn mit zur DJK Elmar Kohlscheid. „Das intensive Training mit Schnelleren machte mir Spaß und tat mir gut.“ Zeiten wurden wichtiger. Vor ein paar Jahren hat er mit seinen Klubkameraden auch mal an einem 100-Kilometer-Lauf teilgenommen.

Heise ist kein Sportler, der nur läuft und läuft. Dafür hat der Professor für Mechatronik viel zu viele andere schöne Hobbys wie zum Beispiel die Theoretische Physik. Die Struktur des Weltalls oder von Elementarteilchen will er verstehen.

Heise will seine Zeit effektiv nutzen, bei seinen langen Läufen trainiert er auch das Gehirn. Früher waren so immer wieder Formeln auf dem Walkman seine Begleitung. Er besprach Auszüge aus der Fachliteratur auf Tonbandkassetten und lief los. Der Läufer Heise bekam vom Ingenieur Heise was auf die Ohren. „Wie eine Predigt habe ich den Stoff wiederholt, bis ich ihn fast auswendig kannte.“ Und „en passant“ wurde unterwegs so manche Fremdsprache noch gepaukt, wenn eine Reise anstand. Bei anderen Läufern hämmert der Beat aus den Kopfhörern, Heise hämmerte sich die Vokabeln rein. „Anderen kam das spanisch vor“, grinst der Dauerläufer, „so erlangt man schnell den Ruf, ein Sonderling zu sein.“

„Laufen ist mir wichtig, steht aber nicht an erster Stelle“, sagt er. Die Familie hat Vorrang – auch für einen mehrfachen Deutschen Meister. Er wird weitermachen, dosierter. Eine Titelverteidigung hält er für ausgeschlossen, die „jungen Leute“ rücken nach. Man kann sich dem Phänomen auch wissenschaftlich nähern. Das klingt dann so: „Bei gleichem Trainingsaufwand nehmen die Laufzeiten von Jahr zu Jahr zu und zwar nicht linear, sondern progressiv und erstaunlich regelmäßig.“

Heise schreibt seit Jahren seine Zeiten auf. Früher hat er selbst Computerprogramme geschrieben, aber als Privatier verzichtet er auf Computer und Internet. Sorgfältig legt er handschriftlich die Tabellen an. Eine Leistungskurve der letzten Jahre wäre „bedrohlich immer stärker abfallend“, sagt er. Rechnerisch könne man die Kurve verlängern, extrapolieren und „ziemlich zuverlässig die in Zukunft erzielbaren Bestleistungen ermitteln“. Vorausgesetzt, keine Krankheit bremst den Tatendrang. Mathematisch lasse sich das Ende der Laufzeit ermitteln, es wäre gleichbedeutend das Ende der Lebenslaufzeit. „Ich möchte diesen fatalen Zeitpunkt nicht kennen“, sagt Heise. „Aber ich bin mir der Unerbittlichkeit des Alterungsprozesses bewusst.“

Er wird weiter laufen, er genießt die Einheiten – auch wenn das Leistungsvermögen nachlässt. Vielleicht ist das für einen Wissenschaftler keine „bedrohliche“ Erkenntnis. Zeiten werden nicht mehr so wichtig, das Experiment ist erfolgreich beendet. Man muss sich Ulrich Heise als einen sehr zufriedenen Läufer vorstellen.

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