Langerwehe - TuS Jüngersdorf-Stütgerloch wagt Pilotprojekt mit behinderten Kickern

TuS Jüngersdorf-Stütgerloch wagt Pilotprojekt mit behinderten Kickern

Von: Wilhelm Peters
Letzte Aktualisierung:
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Trainingseinheit auf der Anlage des TuS Jüngersdorf-Stütgerloch.
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Mit großem Engagement und viel Freude als Trainer des 18-köpfigen Teams bei der Sache: Stephan Wenn und Katrin Ruhnau.

Langerwehe. Beide sind beim TuS 08 Jüngersdorf-Stütgerloch ehrenamtlich stark engagiert. Sie ist als Spielerin der ersten Frauenmannschaft in der Landesliga und als Fußball-Abteilungsleiterin aktiv, er als Trainer dieses Teams und als 2. Vorsitzender des TuS.

Aber Katrin Ruhnau und Stephan Wenn gehen auch andere Wege, die der gesamte Klub um den Vorsitzenden Frank Grempler uneingeschränkt mitgeht: „Wir haben uns entschieden, in unserem Verein Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen die Möglichkeit zu bieten, einfach die Fußballschuhe anzuziehen und Spaß am Kicken zu haben“, sagt Wenn. „Und wir wollen Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten die Möglichkeit geben, in einem geschützten Rahmen gemeinsam Fußball zu spielen“, ergänzt Ruhnau. Seit Juli nun ist der TuS Jüngersdorf-Stütgerloch zwischen Aachen und Köln der einzige offizielle Stützpunkt der Initiative „Einfach Fußball“ – so der Name eines Pilotprogramms zur Förderung des Fußballsports für Schülerinnen und Schüler mit geistiger und Lern-Behinderung. Unser Redakteur Wilhelm Peters sprach mit Wenn und Ruhnau über das ambitionierte Projekt.

Inklusion ist momentan in aller Munde. Die Gesellschaft fordert es, die Politik fördert es – ist das wirklich so?

Ruhnau: Was steckt hinter dem Wort Inklusion? Darüber gibt es in hinreichender Zahl wissenschaftliche Abhandlungen, diese sollen hier nicht im Vordergrund stehen. Uns geht es um die Menschen, die hinter dem Wort stecken. Inklusionsbedarf entsteht durch den Wunsch unserer behinderten Mitmenschen und deren Angehörigem teilzuhaben am allgemeinen Lebensalltag.

Zu dem auch der Fußball gehört, oder?

Wenn: Genau, das ist kurz nach der Weltmeisterschaft ein passendes und aktuelles Beispiel. Ob Kinder im Bambini-Alter, Jungen und Mädchen, Teenager, Mütter oder auch ältere Herren – viele sind fasziniert, wenn es darum geht, das Runde ins Eckige zu schießen. Hat man sich für das Fußballspielen entschieden, sucht man sich in seiner Heimatnähe einen Verein, meldet sich an und steht innerhalb kürzester Zeit mit Gleichgesinnten auf dem Fußballplatz. Man erlernt das Passspiel, den Torschuss, baut Kondition und Schnelligkeit auf. Alles ganz einfach und tausendfach in Deutschland praktiziert. Oder?

Was meinen Sie mit „oder“?

Wenn: Ganz und gar nicht einfach ist es mit dem Fußball, wenn man eine Behinderung hat. Betroffene berichten von frustrierenden Erlebnissen in heimischen Fußballvereinen, wo sich das Teilhaben am Vereinsleben auf die Beitragsleistung beschränkt, sich aber kein Platz für Menschen mit Handicap im leistungsorientierten Spielbetrieb findet, selbst in unteren Jugendmannschaften.

Das ist in Ihrem Verein anders?

Ruhnau: Seit einem Jahr zeigen wir, dass es auch anders geht. Wir haben uns entschieden, in unserem Verein Menschen mit Beeinträchtigungen die Möglichkeit zu bieten, einfach die Fußballschuhe anzuziehen und Spaß am Kicken zu haben. Wir wollen Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten die Möglichkeit geben, in einem geschützten Rahmen gemeinsam Fußball zu spielen. Wir wollen nicht über Inklusion reden, sondern sie leben, indem regelmäßig Spielerinnen und Spieler unserer Jugendmannschaften zu unserer Trainingseinheit dazustoßen und einen völlig problemlosen und normalen Umgang mit unseren behinderten Mitmenschen erleben, erfahren und erlernen. Wir wollen unsere Schützlinge aktiv in unser Vereinsleben integrieren.

Seit diesem Juli hat Ihr Engagement offiziellen Status. Wie kam es dazu?

Ruhnau: Auf uns aufmerksam wurde die Gemeinschaftsinitiative „Einfach Fußball“ der Bayer AG, des DFB und der Sporthochschule Köln. Dieses Pilotprojekt hat zum Ziel, Kindern und Jugendlichen mit Behinderung den Zugang zum Vereinsfußball und somit in den organisierten Sport zu ermöglichen – dies abseits von sportlichen Initiativen ihrer Förderschulen oder Werkstätten. Dirk Diekmann, Chefscout des Nachwuchsleistungszentrums von Bayer 04 Leverkusen und gleichzeitig Cheftrainer von „Einfach Fußball“, besuchte uns auf unserer Kunstrasenanlage und absolvierte mit unserer Mannschaft eine Trainingseinheit. Ein absolutes Highlight für unsere Gruppe. Seitdem ist der TuS 08 Jüngersdorf-Stütgerloch nun offizieller Stützpunkt der Initiative „Einfach Fußball“ in unserer Region, der einzige zwischen Aachen und Köln. Wir freuen uns auf viele tolle Erlebnisse für unsere Schützlinge durch die Zusammenarbeit mit Bayer Leverkusen.

Gab es Resonanz, etwa aus Politik oder Verwaltung und Wirtschaft?

Wenn: Ein Bild von unserer Initiative machten sich kürzlich der Landtagsabgeordnete Peter Münstermann und der stellvertretende Bürgermeister Uwe Endrigkeit. Sie bedankten sich für unser Engagement; sie dankten auch der gesamten Vereinsführung, dass sie das Projekt in vorbildlicher Weise unterstützt und fördert, etwa durch die Beitragsfreistellung dieser Fußballer. Beide gratulierten dem Verein zur Anerkennung durch den DFB und bezeichneten unser Projekt als ein gelungenes Beispiel für gelebte Inklusion.

Es gab also Gratulationen. Reicht das?

Wenn: Zu dieser Frage fallen mir weitere Fragen ein: Was haben die tatsächlich Betroffenen von solchen Worten? Kann durch Lob und Anerkennung ein einziger behinderter Mensch mehr die Fußballschuhe schnüren? Wir würden uns mehr unterstützende Taten statt Worte wünschen. Im Namen unserer behinderten Mitmenschen haben wir eine Wunschliste aufgestellt, denn sie selbst können Bedürfnisse und Wünsche oftmals nicht äußern.

Wollen wir Ihre Wunschliste einmal abarbeiten?

Ruhnau: Gerne!

Legen Sie los!

Ruhnau: Wir wünschen uns für die Wintermonate eine adäquate Möglichkeit, um auch in der kalten Jahreszeit vernünftige Trainingseinheiten zu absolvieren. Unsere Kunstrasenanlage ist bislang nur durch Treppen erreichbar. Für Menschen mit motorischen Problemen oder gar Rollstuhlfahrer ist es unmöglich, den Sportplatz zu erreichen. Wir wünschen uns den Umbau zu einem behindertengerechten Aufgang.

Sind denn Ihre schöne Sportanlage mit dem neuen Kunstrasenplatz und das hübsche Vereinsheim in Langerwehe „Am Königsbusch“ etwa, was die sanitären Anlagen betrifft, irgendwie behindertengerecht ausgebaut?

Wenn: Da möchte ich unsere Wunschliste fortsetzen: Die Duschköpfe und Armaturen sind etwa für unsere kleinwüchsigen Mitspieler nicht erreichbar und somit auch nicht nutzbar. Die Toilettenanlagen erfüllen in keinster Weise den Standard „behindertengerecht“. Insbesondere für Freunde unserer behinderter Menschen oder deren Eltern ist dies auch beschwerlich. Wir wünschen uns einen behindertengerechten Umbau unserer Sanitäranlagen.

Da wir gerade so „unbescheiden“ miteinander reden, wo drückt der Schuh noch?

Ruhnau: Wir benötigen spezielles Trainingsmaterial wie etwa leichtere Bälle oder kleinere Tore. Und einige Mitspieler erreichen nur schwer in Eigenregie unseren Sportplatz. Die Unterstützung durch einen Fahrdienst, oder das Zurverfügungstellen eines Kleintransporters wären hier wünschenswert. Und manche unserer Spieler würden gerne mit Bus und Bahn anreisen, können sich aber die Fahrkarten schlichtweg nicht erlauben, es wäre eine Befreiun gvon den Fahrkosten wünschenswert.

Einen haben Sie noch.

Ruhnau: Für Turnierbesuche würden wir gerne gemeinsame Anreisen organisieren. Auch hier fehlen uns Transportmöglichkeiten.

Was ist eigentlich der „Lohn“ für Ihre bemerkenswerte Initiative?

Wenn: Wir durften anhand von Kleinigkeiten wie einer Tüte Gummibärchen erleben, wie viel Dankbarkeit diese Menschen uns zurückgeben. Die T-Shirts unserer Sponsoren Uli Reinartz und Stephan Fergen lösten regelrechte Begeisterungsstürme und Freudentränen aus. Wir erleben, wie Freude und Ausgelassenheit den Platz bei einem Tor oder einem gewonnenen Spiel beherrschen, und wir erleben, wie Trauer und Frust über Gegenteiliges aufkommen. Wir sehen, wie einfühlsam und verständnisvoll die Spielerinnen und Spieler sich untereinander motivieren. Die Herzlichkeit, die uns als Trainern entgegengebracht wird – dafür lohnt sich jeder Samstag, an dem wir trainieren.

Welche ganz persönliche Botschaft steckt hinter Ihrem Tun?

Ruhnau: Wir werben dafür, nicht über Inklusion zu reden, sondern sich zu engagieren. Wir benötigen weitere Hilfe, die mittlerweile 18 Jugendliche umfassende und stetig wachsende Gruppe weiter zu unterstützen. Und insbesondere appelieren wir an die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft und an diverse Institutionen, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Nur dann erleben diese Menschen auch Inklusion!

Glückwunsch zu Ihrer Idee, Ihrem Engagement und Erfolg bei der Umsetzung Ihrer Wünsche zum Wohl behinderter Mitmenschen.

Ruhnau: Wünsche sind dazu da, um in Erfüllung zu gehen . . .

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