Trennung in aller Freundschaft: Auch Bechthold sprintet Aachen davon

Von: Bernd Schneiders
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Kontrastprogramm: Optimale Bedingungen für Johanna Bechthold in der Dortmunder Helmut-Körnig-Halle. Foto: Wolfgang Birkenstock
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In Aachen musste die ATG-Sprinterin im Winter mit Trainer Andreas Schauer ohne Startblock und Spikes in einer kleinen Schulhalle trainieren. Foto: Wolfgang Birkenstock
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Trennung in aller Freundschaft: Johanna Bechthold und ATG-Abteilungsleiter Günter Drießen. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Sie ist eine Sprinterin, spezialisiert auf 100 Meter oder maximal 200 Meter. Eine Distanz von 154 Kilometern sind da schon eine Überraschung. Und die rennt Johanna Bechthold auch eher nicht zielorientiert, die Monster-Strecke ist eine Art Flucht.

Die Athletin der Aachener Turngemeinde (ATG) läuft den miesen Trainingsbedingungen für Leichtathleten in Aachen und Umgebung davon. Die 18-Jährige wechselt wie vorher bereits so viele Talente aus der Region zu einem Klub mit besseren Bedingungen. Bechthold entschied sich für die LG Olympia Dortmund.

„Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt die Sprinterin, deren Bestmarke 11,71 Sekunden eine große Zukunft verspricht. Doch die kann auf keinen Fall mehr in Aachen liegen. Der ehemalige Sprinter Andreas Schauer (10,5 Sekunden), der sie in sieben Jahren an die deutsche Spitze herangeführt hat, muss aus beruflichen und privaten Gründen seine Trainerarbeit aufgeben. Einen Nachfolger mit seiner Qualität zu finden, ist eine Illusion.

„Selbst wenn wir einen Kandidaten hätten und finanzieren könnten – sobald er die Bedingungen hier sieht, ist er weg“, beschreibt der ATG-Abteilungsleiter Leichtathletik Günter Drießen die Problematik. Im Winterhalbjahr ist ein professionelles Training unmöglich, behelfsmäßig wird in Turnhallen gearbeitet. „Doch nach 50 Metern ist dort Schluss“, schildert Drießen die Begrenztheit als eines der Probleme. Ambitionierte und qualifizierte Trainer von außen wollen Erfolge, auch um sich einen Namen entweder zu schaffen oder ihn zu bewahren. „Aachen ist eine tolle Stadt – aber hier gibt es eben keine Halle“, sagt der ATG-Abteilungsleiter.

Nun ist Dortmund nicht per se die angesagteste Adresse für junge Menschen. Aber zumindest Sportlern hat sie einiges zu bieten. Die Ruhrpottstadt lockt mit einer Leichtathletikhalle und einem renommierten Trainer. Uli Kunst ist hauptamtlicher Olympia-Coach und „hat schon meinen Vater trainiert“, sagt Johanna Bechthold, die aus einer Leichtathletik-Familie stammt. Stephan Bechthold ist 2009 gestorben, Mutter Marlies war selbst aktiv (Kugelstoßen/Diskuswurf) und arbeitet als Trainerin bei der ATG, die Brüder sind ebenfalls Leichtathleten.

Natürlich gibt es andere Vereine in Leverkusen oder Düsseldorf, die gute Trainer und optimale Trainingsbedingungen bieten. Doch in Dortmund trainiert seit Anfang des Jahres Gina Lückenkemper, U 20-Europameisterin über 200 Meter und die beste Freundin von Johanna Bechthold. Für die Läuferin ist es auch ein Wechsel aus sozialen Beweggründen. Die werden verstärkt durch die „Kunst-Gruppe“: Der Dortmunder Trainer baut eine Staffel auf, die in Deutschland zu den besten zählen wird.

Neben Lückenkemper ist auch Nina Braun von der LG Siegerland in die Westfalenmetropole gewechselt. Vierte im Bunde wird Leyla Han von der DSHS Köln sein. Mit dieser Gruppe, alle Jahrgang 96, wird bereits im kommenden Jahr auf den Deutschen Meisterschaften zu rechnen sein.

Davon ist auch Günter Drießen überzeugt, der über seine bald ehemalige ATG-Sprinterin sagt: „Wir haben eine Wette laufen: Wenn Johanna mit der Olympia-Staffel keine Medaille holt, muss sie 2016 beim Winterlauf starten.“ Eine fürchterliche Drohung, wenn man die Abneigung der „Kurzarbeiter“ gegen die Langstrecken kennt.

Von einem ähnlich ambitionierten Projekt wie die „Kunst-Gruppe“ träumt auch der ATG-Abteilungsleiter. „Wir haben in der Region Aachen immer ungewöhnliche Talente. Und wenn ich lese, dass in diesem Semester rund 7000 ein Studium in Aachen aufgenommen haben, dann werden sich darunter auch gute Sprinter befinden“, glaubt Drießen.

„Wir wollen nicht Bayer Leverkusen sein. Wir wollen nicht abwerben, sondern etwas bieten.“ Den eigenen Athleten, aber auch Sportlern von außerhalb. „Aber ich habe in den 15 Jahren, die ich für die ATG arbeite, so viele Talente weglaufen sehen.“ Das aktuellste Beispiel wurmt ihn: „Johanna ist eine klasse Sprinterin, hat einen tollen Charakter und sieht gut aus: Sie könnte ein Aachener Gesicht sein, ein Aushängeschild. Aber stattdessen...“

Als kurzfristige Lösung der Trainingsprobleme würde Drießen bereits eine „alte Fabrikhalle“ genügen. Optimal wäre eine Mehrzweckhalle, für deren Realisierung er „eine Bündelung der Kräfte“ vorschlägt. Nicht nur die Leichtathleten lechzen danach, dem Volleyball-Bundesligisten „Ladies in Black“ fehlt eine adäquate Trainings- und Veranstaltungshalle. „Wenn uns die RWTH ein Gelände in Melaten zur Verfügung stellen könnte“, sagt Drießen. Und rechnet vor: „Mit dem Jahresetat eines hiesigen Viertligisten könnten wir den Bau finanzieren.“

Für Johanna Bechthold wäre das zu spät. Sie ist der ATG dankbar, dass sie kein Veto einlegt gegen den Wechsel zu Olympia Dortmund. „Sonst wäre ich geblieben.“ Zwar trainiert sie am Wochenende bereits bei Uli Kunst, ihr Freiwilliges Soziales Jahr aber wird die Abiturientin bei ihrem Verein weiterbetreiben. Erst im Wintersemester steht der endgültige Umzug an. Dann nimmt sie auch ein Jurastudium in Bochum auf. Dort ist sie dann eine Kommilitonin von Staffelkollegin Nina Braun. „Sie hatte sich für einen Medizinplatz auch in Aachen beworben.“ Und sich dann für Bochum entschieden – wegen des Sports.

Johanna Bechthold freut sich auf die neue Herausforderung. „Ich will Spaß und Erfolg haben.“ Spaß verspricht sie sich vor allem von der Staffel. Die bietet einer Einzelkämpferin ein für Leichtathleten im Wettkampf nicht alltägliches Gemeinschaftserlebnis. Und ganz individuell möchte sie neben der menschlichen Entwicklung „nächstes Jahr die 11,6 knacken“. Das hätte sie auch in Aachen schaffen können, wenn sie in den vergangenen zwei Jahren nicht immer wieder von Muskelverletzungen ausgebremst worden wäre. Günter Drießen glaubt die Ursache zu kennen: „Sprinter brauchen Wärme. Und wenn man so viel in der Kälte trainieren muss...“

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