Thelen: Erst Meister in Neuseeland, dann Nationalspieler in Jordanien

Von: Lukas Weinberger
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Zweikampf am anderen Ende der Welt: Stefan Thelen lässt Stafford Dowling keinen Platz – und gewinnt am Ende mit seinem Klub Waitakere United 2:1 gegen Dowlings Hamilton Wanderers. Foto: privat, imago/Dünhölter
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Im Dress des FC Wegberg-Beeck: Stefan Thelen.

Waitakere/Aachen. Wie gut es für ihn am anderen Ende der Welt laufen würde, das hat Stefan Thelen nicht erwartet, er wusste ja selbst nicht genau, worauf er sich da eingelassen hatte. Thelen, 24, kommt aus Erkelenz-Immerath, und Fußball hat er eigentlich immer in der Nähe seiner Heimat gespielt.

In der Jugend spielte er beim 1. FC Köln, für die Viertligisten Eintracht Trier und Rot-Weiß Essen, und natürlich beim FC Wegberg-Beeck, zehn Minuten von der eigenen Haustür entfernt, von Mitte 2015 bis Anfang 2016, damals in der Regionalliga West. Thelen wusste immer was ihn erwartet, bei jedem Verein, bis er im Sommer zu Waitakere United gegangen ist, in die Erste Liga Neuseelands.

Und nun könnte der Rechtsverteidiger in ein paar Wochen Meister sein, er spielt vielleicht nächste Saison in der Champions League, manchmal schreibt der Sport solche Geschichten. Im Interview spricht Thelen über den Fußball in Neuseeland, seinen Klub, eine Rückkehr nach Deutschland und seinen Traum von einem Länderspiel für Jordanien.

 

Herr Thelen, sind die Fußbälle in Neuseeland eigentlich rund?

Stefan Thelen (lacht): Ja, das sind sie. Besonders viele Fußbälle habe ich hier außerhalb des Trainings und der Spiele aber tatsächlich noch nicht gesehen...

...weil der Neuseeländer ja auch viel lieber Rugby spielt.

Thelen: So ist es, Rugby ist ganz klar die Sportart Nummer 1.

Sie sind aber ans andere Ende der Welt gegangen, um dort Fußball zu spielen. Warum?

Thelen: Oh, da muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe ja einige Jahre in Deutschland in der Regionalliga gespielt, und irgendwann bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich mich gefragt habe, ob das der richtige Weg ist. Weil ich natürlich nicht das große Geld verdient habe, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass es vorwärts geht. Ich habe mich dann dafür entschieden, noch einmal etwas zu verändern, einen anderen Weg einzuschlagen, neue Erfahrungen zu machen. Da kam das Angebot aus Neuseeland gerade recht.

Wie ist Ihr Klub Waitakere auf Sie aufmerksam geworden?

Thelen: Der Kontakt kam schon vor fast zwei Jahren übers Internet zustande. Da hat mich jemand angeschrieben, der aus Deutschland kommt und schon mehr als 20 Jahre hier lebt, er hat gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Fußball in Neuseeland zu spielen. Am Anfang habe ich das gar nicht ernst genommen, aber als ich mir das im vergangenen Jahr dann vorstellen konnte, habe ich schnell Kontakt zu mehreren Vereinen gehabt. Und am Ende hat das Gesamtpaket bei Waitakere am besten gepasst.

Wie hoch ist das Niveau der Liga?

Thelen: Die Liga ist auf jeden Fall nicht zu unterschätzen. Hier sind einige Ex-Profis aus Spanien oder Australien unterwegs. Es hat mich auch überrascht, dass in Neuseeland eigentlich ganz guter Fußball gespielt wird.

Und wie sieht dieser Fußball aus?

Thelen: Es wird sehr robust gespielt. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Rugby hier so beliebt ist (lacht). Auf Taktik wird jedenfalls weniger Wert gelegt als in Deutschland. Generell ist es einfach so, dass in Neuseeland vieles lockerer ist. Und das ist gar nicht negativ gemeint, im Gegenteil. Diese Lockerheit spiegelt sich auch im Fußball wider.

Trainieren Sie denn täglich?

Thelen: Vier Mal in der Woche, eine Einheit am Tag, und sonntags steht dann in der Regel ein Ligaspiel an. Ich persönlich gehe dazu noch in den Kraftraum. Oder ich jogge am Strand, wobei das für mich eher Spaß als Training ist. Ich glaube, es gibt Schlimmeres.

Und wie groß ist das Zuschauerinteresse? Waitakere hat ein Stadion mit 10 000 Plätzen…

Thelen: Ein schönes Stadion, sehr modern, aber voll ist es bei unseren Spielen nicht annähernd. Im Schnitt sind unter 1000 Fans da. Und als wir am vergangenen Wochenende unglücklich 2:2 gegen den Tabellenletzten Tasman United gespielt haben, war fast gar nichts los.

Am Sonntag könnte das Interesse ein bisschen größer werden . . .

Thelen: Das stimmt. Zu Top-Spielen kommen auch mal 1500 Zuschauer. Immerhin.

Sie sind mit Waitakere Tabellenführer, am Sonntag müssen Sie beim Zweiten Wellington ran, der nur ein Punkt hinter Ihrem Klub liegt…

Thelen: Das wird ein richtungsweisendes Duell, klar – vor allem, weil ja nur noch vier Partien in der Liga zu spielen sind. Wir wissen, worum es geht.

Ihr Ziel ist wahrscheinlich, Erster zu bleiben, oder?

Thelen: Na klar, das muss immer das Ziel sein. Und wir haben es ja selber in der Hand: Der Dritte, Auckland City, hat zwar zwei Spiele weniger als wir gemacht und nur fünf Punkte Rückstand, aber wir spielen noch direkt gegeneinander. Wenn wir alle vier Spiele gewinnen, sind wir Erster – und damit direkt für die Champions League in Ozeanien qualifiziert.

Ein schönes Ziel…

Thelen: Auf jeden Fall, das wäre eine tolle Erfahrung. Da würden wir gegen Teams aus Fidschi und Vanuatu spielen. Es wäre sicher nicht verkehrt, das alles mal zu sehen. Und oft ist es so, dass die Klubs aus Neuseeland die Champions League gewinnen und danach zur Fifa-Klub-Weltmeisterschaft fahren. Wäre auch nicht schlecht.

Und was ist nun mit der Meisterschaft?

Thelen: Die ist natürlich erst mal das größte Ziel. Die ersten vier Mannschaften der regulären Serie spielen den Titel in Play-offs unter sich aus. Erst gibt es ein Halbfinale, dann ein echtes Endspiel. Da wollen wir hin. Ich bin nach Neuseeland gekommen, um Meister zu werden.

Verlängern Sie dann Ihren Vertrag, der eigentlich im April endet?

Thelen: Puh, das kann ich jetzt noch gar nicht sagen. Erst einmal geht es darum, die gesteckten Ziele zu erreichen. Und dann mache ich mir meine Gedanken. Vielleicht gibt es dann auch noch ein paar andere Optionen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass ich bleibe. Ich bin toll aufgenommen worden, fühle mich sehr wohl. Aber das ist ja auch nicht besonders überraschend, wenn man in Neuseeland Fußball spielen darf.

So schön?

Thelen: Mehr als das. Ich lebe mit einem Mitspieler in einem Haus, das der Verein zur Verfügung stellt. Ich muss nur über die Straße gehen, dann bin ich an einer tollen Bucht. Bis zum großen Strand brauche ich zu Fuß zwei Minuten. Die Gegend ist wunderschön.

Vermissen Sie überhaupt etwas?

Thelen: Na klar. Meine Freundin, meine Familie, meine Freunde. Ich telefoniere relativ oft mit ihnen. Meine Freundin kommt in zwei Wochen aber nach Neuseeland, sie studiert in Aachen und hat dann erst mal ihre Klausuren hinter sich. Sie bleibt sechs, sieben Wochen. Darauf freue ich mich.

Könnten Sie sich denn auch vorstellen, bald wieder in Deutschland zu spielen?

Thelen: Ja. Ich habe immer noch Kontakte zum deutschen Fußball. Es gibt viele ehemalige Mitspieler oder Trainer, zu denen ich noch regen Kontakt habe. Beim 1. FC Köln etwa, wo ich sechs Jahre lang gespielt habe. Oder bei Alemannia Aachen. Ich wäre sicher nicht abgeneigt, dort zu spielen.

Sie wollen also weiter auf die Karte Fußball setzen.

Thelen: Ich habe diesen Punkt überwunden, an dem ich alles hinterfragt habe. Ich will weitermachen, habe große Lust. Und ich glaube, dass meine Zeit in Neuseeland mir viele Türen öffnet. Ich sehe mich auf einem guten Weg.

Glauben Sie, dass deutsche Klubs Sie überhaupt noch auf dem Schirm haben?

Thelen: Davon gehe ich aus. Im Winter hat sich ja auch der eine oder andere Verein bei mir gemeldet. Deshalb mache ich mir da gar keine Gedanken.

Und wenn Sie demnächst Nationalspieler sind, kommen noch mehr Angebote…

Thelen (lacht): Das hoffe ich.

Sie wollen für Jordanien spielen. Erklären Sie Mal: Wie geht das?

Thelen: Mein Großvater ist dort geboren, darum habe ich die Möglichkeit, für Jordanien zu spielen. Ich war im vergangenen August mit dem Team im Trainingslager in der Schweiz, das hat mir sehr gut gefallen. Und ich habe auch von den Verantwortlichen positives Feedback bekommen. Ich hätte auch ein Testspiel mitmachen sollen, aber ich habe so schnell keine Spielberechtigung bekommen.

Haben Sie die mittlerweile?

Thelen: Nein, noch nicht. Ich bin kurz danach nach Neuseeland geflogen, und diese Entfernung ist im Moment das Problem: Ich müsste in Jordanien vor Ort sein, um ein paar Dinge zu unterschreiben. Das habe ich mir aber fest für die Zeit nach der Saison vorgenommen.

Und dann steht Ihrem ersten Länderspiel nichts mehr im Wege?

Thelen: Ich hoffe doch. Der Trainer ist zwar mittlerweile entlassen worden, aber Kontakt zum Verband habe ich weiterhin. Ich weiß, dass die Verantwortlichen meinen Werdegang in Neuseeland verfolgen. Darum ist es ganz gut, dass wir Erster sind (lacht). Ich bin optimistisch, dass das klappt.

Sie sind ein Weltenbummler: Neuseeland, Jordanien – bleibt da überhaupt Zeit für eine Reise in die Heimat nach Immerath?

Thelen (lacht): Ja klar. Ich weiß, wo mein Zuhause ist. Und immer wenn ich da bin, weiß ich das zu schätzen.

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