Thaiboxen: Wie Frederic Fraikin das Vize- vor dem Weltmeister verlor

Von: Bernd Schneiders
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Das ist er: Ceva Mattaieu huldigt seinem Besieger und Weltmeister Frederic Fraikin. Foto: privat

Aachen. Es war nur eine Woche in Minsk – aber Frederic Fraikin kam verändert wieder: ein Jahr älter, das Vize- vor dem letztjährigen Titel ist weg, jetzt ist er Weltmeister, und obendrein mit einer ihn verblüffenden Erkenntnis: „Es haben so viele Menschen anteilgenommen, mich unterstützt und gratuliert – Wahnsinn! Sogar Personen, die ich kaum kannte. Mein Facebook-Account ist fast explodiert.“

Der 24-jährige Aachener holte bei der Muaythai-WM (Ifma) in Weißrussland die einzige Goldmedaille der deutschen Staffel, was besonders bemerkenswert ist. Der Stellenwert des traditionellen Thaiboxens ist in Deutschland nicht besonders hoch. Anders als etwa in Weißrussland und den meisten anderen Teilnehmerländern. Das bemerkte Fraikin bereits beim ersten Kampf, als er in eine prall gefüllte Halle mit mehr als 1000 enthusiastisch mitgehenden Fans einmarschierte. „Belarus, Belarus! Das war schon beeindruckend“, schildert der Kämpfer des Tai-Kien-Dojo im Aachener Stadtteil Eilendorf.

Genutzt hat seinem ersten Gegner die Unterstützung der Landsleute wenig, womöglich hat sie ihm sogar geschadet. „Seky Bangura war der beste Techniker von meinen drei Kontrahenten. Aber ich habe schon früh gemerkt, dass er schnell Konditionsprobleme bekam.“ Der Weißrusse war in die Falle der lautstarken Anfeuerung getappt und verausgabte sich bereits in Runde 1.

Das anschließende Duell mit dem Israeli Pavel Lozicki gewann Fraikin ebenfalls nach Punkten, obwohl er Magenprobleme hatte. Im Finale gegen Ceva Mattaieu aber war der Tai-Kien-Kämpfer wieder fit und bemerkte diesmal in der zweiten Runde, dass der Franzose abbaute. „Da wusste ich, dass das Ding gegessen war.“ Drei Kämpfe, drei Siege, die Weltmeisterschaft bis 86 Kilo, und alles ohne seinen Trainer Frederick Jungheim. „Das war kein Problem, er hatte mir Notizen mitgegeben, wir haben täglich telefoniert und analysiert; und außerdem kenne ich ihn so gut, dass ich immer seine Ratschläge und Kommandos im Ohr hatte.“

Zur Sicherheit aber beauftragte Fraikin Tommy Günther aus dem deutschen Trainerteam, ihm „Atmen!“ zuzurufen, wenn er mal wieder das betonte Ausstoßen der Luft versäumte. „Eine Schwäche von mir“, grinst Fraikin. Den Trainer im Ohr, die Medaille um den Hals, die Gedanken bei den so unterschiedlichen Ausgangslagen der Kämpfer bei diesem Weltturnier.

Die Publikumresonanz war um ein Vielfaches höher als vor einem Jahr bei der WM in Schweden. Was geblieben ist, sind die Probleme für deutsche Starter. Nur die Kämpfer, die unter die ersten Drei kommen, erhalten vom Muaythai-Bund Deutschland die Fahrt- und Unterbringungskosten zurück. Bei allem Selbstbewusstein wollte der Sportstudent dieses Risiko nicht eingehen und kratzte das nötige Geld per Crowdfunding zusammen.

Darüber würden ausländische Starter nur milde lächeln. Sie werden auch finanziell unterstützt, nicht nur bei einer WM. Frederic Fraikin wird wegen dieser „deutschen“ Bedingungen nun den Schritt ins Profilager vollziehen. Einmal, weil er bei den Amateuren keinen adäquaten Gegner mehr findet, zum anderen um zumindest ansatzweise einen finanziellen Ausgleich für seinen Aufwand zu erhalten. Am 1. Juli kämpft er um den vakanten Titel. „Und dann werden weitere Profikämpfe folgen“, verkündet Fraikin-Trainer Jungheim.

„Davon wird er sicherlich den einen oder anderen auch verlieren. Aber das spielt keine Rolle. Freddy muss sich weiterentwickeln.“ Um dann fit zu sein für die WM 2018 in Cancun/Mexiko. „Dann wird er im A-Pool starten.“ Dort treten Kämpfer an, die 32 und mehr Siege auf ihrem Konto haben. „Dann wäre ein sechster Platz sogar mehr wert als der WM-Titel“, sagt der Tai-Kien-Coach. Denn im Vergleich zu der professionellen finanziellen und strukturellen Unterstützung der Konkurrenten wird Frederic Fraikin immer noch ein Amateur sein.

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