Berlin/Barcelona - Ter Stegen und sein neues Neuer-Niveau

Ter Stegen und sein neues Neuer-Niveau

Von: Florian Haupt
Letzte Aktualisierung:
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Nicht nur Torhüter Marc-André ter Stegen trägt beim Abschlusstraining Handschuhe, Bundestrainer Joachim Löw muss frieren. Foto: imago/Eibner

Berlin/Barcelona. Vorigen Samstag gegen Sevilla war mal wieder so ein Abend. Die Fantribüne des FC Barcelona schien anfangs wenig geneigt, sich mit dem Spiel zu beschäftigen. Zwei Tage nach der Inhaftierung der katalanischen Regionalregierung widmete sie sich lieber der Politik, kam aus Protest zehn Minuten später und artikulierte mit Transparenten und Gesängen ihre Forderung nach Freiheit für die Gefangenen.

Bis der Torwart vor ihnen eine seiner typischen Kombinationen aus souveräner Parade und lässiger Spieleröffnung anbrachte. „Marc-Andreeeee-ter-Stegen“, ertönte es da.

Die Lobpreisung zur Melodie des Kurvenklassikers „Seven Nation Army“ ist mehr denn je ein Tophit im Camp Nou, schließlich spielt der Keeper eine so makellose Saison, dass ihn das Sportblatt „Mundo Deportivo“ kürzlich gar in einem Atemzug mit der lokalen Gottheit nannte: Um den „Messi des Tors“ handele es sich bei diesem 25-Jährigen aus Mönchengladbach, der am Freitag seine Nation in England vertritt. Die Heiligsprechung erfolgte nach brillanten Paraden beim Sieg in Bilbao, dessen Stadion wohl nicht umsonst als „Kathedrale“ firmiert. In der weltlichen Währung der Statistiken sieht es so aus: Bei 15 Auftritten in Liga und Champions League hat er fünf Gegentore kassiert, alle unhaltbar. Macht 0,33 pro Partie im Schnitt, der niedrigste Wert in Europas großen Ligen; seine bisherige Bestmarke aus 2014/15 lag bei 0,76.

Unter Valverde enorm kompakt

Natürlich ist so eine Verbesserung nicht denkbar ohne breiteren Fortschritt: unter dem neuen Trainer Ernesto Valverde steht Tabellenführer Barça enorm kompakt, in der Innenverteidigung hat der Franzose Samuel Umtiti überragende Form und auf rechts der portugiesische Neuzugang Nelson Semedo voll eingeschlagen. Ter Stegens Meriten kann das nicht schmälern. Insbesondere im direkten Duell mit einem Stürmer erweist er sich bislang als unüberwindlich, und sein Spiel nach vorne ist so sachlich geworden, dass die einst so medienträchtigen Patzer nur noch wie eine Chimäre aus längst vergangenen Zeiten wirken; man kann sie sich gar nicht mehr vorstellen.

Präsenz und Gelassenheit – darin hat der schon immer talentierte, fleißige und fußfertige Torwart am meisten zugelegt. Beim Confed-Cup führte er das auch seiner Heimat in aller Deutlichkeit vor Augen: Ohne ter Stegens Taten wäre der Titel kaum möglich gewesen, ohne seine Ausstrahlung auch nicht. Die sollte man sowieso nicht unterschätzen. In Barcelona kursiert etwa die Anekdote, wie er Anfang 2015 durch energisches Einschreiten eine Prügelei zwischen Messi und dem damaligen Trainer Luis Enrique verhinderte. „Seine größte Parade“ witzelt die Zeitung „Sport“, dabei war ter Stegen da erst ein halbes Jahr im Verein und nicht mal Stammtorwart in der Liga.

Seit anderthalb Jahren ist er es, und unter den schwierigen Startbedingungen dieser Saison nach dem Verlust von Neymar ist er endgültig zum Erfolgsgaranten und zur Galionsfigur gereift. Dass Bundestorwarttrainer Andreas Köpke nun in einem „Kicker“-Interview verkündete, „ter Stegen hat sich im Moment als Nummer 2 etabliert“, kann da nur als Versuch interpretiert werden, jede Keeper-Debatte abzuwürgen und dem verletzten Manuel Neuer nicht in den Rücken zu fallen. In Wahrheit kann ter Stegen, Champions-League-Sieger 2015, Stammtorwart des Weltklubs FC Barcelona und international anerkannte Topkraft natürlich beim besten Willen nicht mehr mit den Lenos, Trapps oder Horns verglichen werden. Sondern nur noch mit Neuer.

Dessen für den Januar geplante Comeback soll sich laut Medienberichten verzögern. Doch Bundestrainer Joachim Löw fürchtet nicht, dass die Nummer 1 für die WM ausfällt. „Ich weiß von unseren Ärzten, dass es absolut machbar ist“, beteuerte er am Donnerstag.

In Barcelona werden Diskussionen um die DFB-Elf eher nicht geführt, dort wissen sie nur, dass sie keinen anderen Torwart haben wollen. So sehr man ihn im populären Satireprogramm „Crackòvia“ mit einer Reihe von „Ter Stegen Facts“ als harten Germano karikierte – „Ter Stegen setzt sich ohne Papier auf die Tankstellentoilette“ –, so unbestreitbar ist seine erfolgreiche Integration in die örtlichen Gepflogenheiten.

Hervorragendes Spanisch

Längst spricht er hervorragendes Spanisch, teamintern gilt er als beliebt, mittlerweile zog er vom Küstenvorort Castelldefels ins Zentrum Barcelonas und äußert sich reflektiert zu stadtbewegenden Themen wie Terroranschlag oder Politkrise. Auch die Farbenlehre des spanischen Fußballs hat er selbstverständlich verinnerlicht. Als diese Woche in Berlin das deutsche WM-Trikot vorgestellt wurde, äußerte ter Stegen konziliant sein Wohlgefallen, „obwohl es weiß ist“ – die Couleur des Erzrivalen Real Madrid. Der Applaus in Katalonien war ihm mal wieder sicher.

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