Talentschmiede mit Familien-Charakter

Von: André Schaefer
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Ausbildung mit Wohlfühlcharakter: Christian Titz und Erdal Celik bei der Arbeit mit den jungen Fußballern. Foto: André Schäfer
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Ausbildung mit Wohlfühlcharakter: Christian Titz und Erdal Celik bei der Arbeit mit den jungen Fußballern. Foto: André Schäfer
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Ausbildung mit Wohlfühlcharakter: Christian Titz und Erdal Celik bei der Arbeit mit den jungen Fußballern. Foto: André Schäfer
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Ausbildung mit Wohlfühlcharakter: Christian Titz und Erdal Celik bei der Arbeit mit den jungen Fußballern. Foto: André Schäfer
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Begeistert von seinem Projekt: Christian Titz. Foto: sport/Martin Hoffmann

Weisweiler/Stolberg. Im vergangenen November ging Christian Titz‘ Reise für ein paar Tage nach Hamburg. Genauer gesagt zu HSV-Kicker Lewis Holtby. Der 24-Jährige hatte seinen alten Bekannten kontaktiert, um ihn um einen Gefallen zu bitten: ihn fit zu machen. Und zwar für das Nordderby gegen den SV Werder Bremen.

Titz, 43, kennt solche Anfragen, schließlich ist der gebürtige Mannheimer im Profi- und Amateurfußball seit mehr als 15 Jahren unter anderem auch als Individualtrainer selbstständig. Bundesliga-Größen wie Lewis Holtby oder Christoph Moritz (Mainz 05) gehören zu seiner Stammkundschaft.

Die Verbindungen stammen aus gemeinsamen Alemannia-Zeiten, in denen Titz einst in Aachen als Jugendtrainer arbeitete. Sein aktuelles Projekt hat ihn wieder mal in die Städteregion verschlagen. Nach Stolberg. Zu einem Landesligisten: Seit vergangenem Sommer engagiert sich Titz für die Jugendabteilung des VfL Vichttal.

E-Jugend-Team

Es ist ein außergewöhnliches Projekt, das der 43-Jährige am Sportpark Dörenberg ins Leben gerufen hat – ein Projekt, das im deutschen Fußball kein zweites Mal zu finden ist. Und diesmal widmet sich Titz keiner U 19- oder U 17-Mannschaft, sein Fokus liegt auf dem E-Jugend-Team des VfL Vichttal, Jahrgang 2004. Titz betreut zehnjährige Nachwuchsfußballer.

Doch dieses Team, bestehend aus gerade einmal zehn aufstrebenden Viert- und Fünftklässlern, ist keine gewöhnliche Mannschaft. Sie ist die vielleicht beste E-Jugendmannschaft der Region. Und: Sie ist das vorzeitige Resultat eines Fünf-Jahres-Plans, das der Klub gerade erst ans Laufen gebracht hat. „Wir sind die etwas andere Alternative zum klassischen Nachwuchsleistungszentrum der vielen Top-Klubs in Deutschland“, sagt Titz.

Heißt konkret: In Vichttal wächst derzeit eine Nachwuchsmannschaft heran, die eine auf allen Ebenen bestmögliche professionelle Fußballausbildung genießt. Mit einer Besonderheit: Kein Spieler wohnt weiter als 30 Kilometer vom Klub entfernt. In Vichttal gilt das Prinzip der heimatnahen Ausbildung, und zwar auf Topniveau. „Weite Anreisen zu einem Leistungszentrum bedeuten nicht selten Stress für einen Zehnjährigen und rauben ihm kostbare Zeit für Schule, Freunde und Familie, die für seine Entwicklung immens wichtig ist“, sagt Titz.

Der 43-Jährige weiß, wovon er spricht. Über den modernen Fußball, die bestmöglichsten Trainingsmethoden und das ideale Konzept der Nachwuchsleistungsförderung hat Titz zahlreiche Bücher geschrieben. Regelmäßig hält er dazu als Mitglied des Trainerlehrstabs des Fußballverbands Mittelrhein Vorträge. Und ganz nebenbei ist der gelernte Betriebswirt selbstverständlich auch Fußballlehrer.

Bis vergangenen April war Titz, der mit seiner Familie inzwischen in Eilendorf sein Zuhause gefunden hat, beim FC Homburg tätig. 2012 gelang ihm mit dem Klub der Aufstieg in die Regionalliga. Doch der Jugendfußball und seine professionelle Förderung liege ihm besonders am Herzen. „Ich sage es immer wieder: Die besten Fußballtrainer gehören in den Nachwuchsbereich, dorthin, wo die Grundlagen geschaffen werden.“

Auf der großen Fußballbühne steht der 43-Jährige beim Stolberger Verein keineswegs. Das weiß Titz. Und er müsste lügen, um zu behaupten, der Profifußball sei für ihn als Trainer uninteressant. Im Gegenteil. „Mit Sicherheit werde ich in naher Zukunft auch wieder als Trainer im Profibereich arbeiten. Aber bis dahin investiere ich viel Zeit, Kraft und Leidenschaft in dieses hochinteressante Projekt, von dem ich zu 100 Prozent überzeugt bin“, sagt er.

Der bisherige Erfolg gibt ihm Recht. Mit gerade einmal fünf talentierten Spielern fiel vor mehr als einem halben Jahr der Startschuss für Titz‘ Projekt. Nach nur wenigen Wochen nahm der kleine Kader zunehmend Kontur an. „Wir haben bei der Zusammenstellung der Mannschaft natürlich darauf geachtet, dass die Spieler auch in ihren noch jungen Jahren eine gewisse Qualität besitzen. Sie gehören schon zu den guten Spielern der Region“, sagt Titz.

Bereits die ersten Partien in der im Herbst gestarteten Kreis-Staffel bewiesen, dass die drei Trainingseinheiten pro Woche schnell Früchte trugen. Ungeschlagen und mit einem Torverhältnis von 114:20 wurde die Mannschaft schließlich souverän Staffelmeister. Zeitgleich zu den Meisterschaftsspielen wagten Titz und sein Team den nächsten Schritt: Testspiele und Turniere gegen Nachwuchsmannschaften von Bundesliga-Klubs.

Das Ergebnis? Beeindruckend: Teams wie den FC St. Pauli, Fortuna Köln oder den 1. FC Köln ließ die junge Stolberger Mannschaft schnell hinter sich. „Es dauerte nicht lange, da wurde man auch außerhalb der Region aufmerksam auf das, was die Jungs spielen“, sagt Titz nicht ganz ohne Stolz. Der VfL Vichttal ist den Spitzen-Klubs in NRW mittlerweile ein Begriff.

Da ist es auch kein Wunder, dass die ersten Nachwuchskicker des Vereins bereits von großen Klubs umworben werden. Und zwar mächtig. „Das ist eine Bestätigung für unsere Arbeit und die Leistung der Kids. Aber Grundlage dieses Fünf-Jahres-Plans war es von Anfang an, dass diese Mannschaft auch die nächsten viereinhalb Jahre zusammenbleiben soll.

Kein Spieler soll zu einem anderen Verein wechseln. Das bedeutet auch, dass wir keinen Spieler aussortieren“, erklärt Titz. Diese Vereinbarung, so sagt er, habe man insbesondere mit den Eltern der Spieler getroffen, die aktiv in das Jugendprojekt des Klubs involviert sind. „Bei uns herrscht ein familiärer Charakter. Außerhalb der Begegnungen unternehmen wir viel mit den Spielern und ihren Eltern. Auch das ist für die Entwicklung eines jungen Fußballers enorm wichtig. Er muss sich wohlfühlen“, sagt Titz.

Wechsel aufs Großfeld

Ab dem kommenden Sommer soll die Mannschaft ihre Leistung dann auch auf dem Großfeld unter Beweis stellen. Titz und sein Team sind auf der Suche nach talentierten Fußballern aus der näheren Umgebung, die die hochbegabte Mannschaft des VfL Vichttal ergänzen und in der Breite verstärken. Der enorme Erfolg der vergangenen Monate erlaubt Titz zudem, allmählich in den Hintergrund zu treten. Den Posten des Cheftrainers hat er bereits abgegeben.

„Ich kümmere mich weiterhin sehr intensiv um diese Mannschaft und bin auch bei den Trainingseinheiten vor Ort. Aber die Idee war es von vornherein, dass diese Mannschaft langfristig von einem anderen professionellen Trainerteam betreut wird“, sagt er. Seit Beginn des Jahres hat daher Erdal Celik die Rolle des Chefcoaches übernommen. Der 27-jährige Dürener spielte in der Jugend bei Bayer Leverkusen, als Profi unter anderem bei LR Ahlen und in der 1. sowie 2. Türkischen Liga. Ein Kreuzbandriss beendete seine Karriere vorzeitig. „Er ist genau der richtige Trainer für diese Mannschaft und unser Konzept“, lobt ihn Titz. Unterstützt wird er von Marco Zander. Nach einem weiteren professionellen Trainer ist der Verein derzeit auf der Suche.

Die Zielsetzung für die kommenden Jahre sei eindeutig, so Titz: „Uns ist klar, dass ein Verein, der in der Landesliga spielt, solch‘ hochtalentierte Fußballer nicht ewig halten kann. Das muss er aber auch nicht. Wenn nur zwei, oder drei Spieler dieser Mannschaft in fünf Jahren top ausgebildet in den Nachwuchsbereich eines Profiklubs wechseln, haben wir gute Arbeit geleistet“, sagt er. Bis dahin möchte der VfL Vichttal seinen eingeschlagenen Weg kontinuierlich fortsetzen. Und ganz nebenbei die Jugendteams der ganz großen Klubs weiterhin auf dem Platz nach Möglichkeit ein bisschen ärgern.

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