„Swimming on Ice”: Friesinger krönt Olympia-Dramen

Von: Frank Thomas, dpa
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Vancouver 2010 - Eisschnelllauf Anni Friesinger-Postma
Anni Friesinger-Postma nach ihrem Sturz im Halbfinale. Foto: dpa

Richmond. Sie strauchelte, taumelte und schlitterte auf dem Bauch durch die Zeitmessung: Solch eine Slapstick-Einlage hätte sich Anni Friesinger-Postma zum Abschluss ihrer großen olympischen Karriere nie träumen lassen. Mit einem Scherenschlag riss sie am Ende des Halbfinals geistesgegenwärtig den rechten Fuß nach vorn, rettete willensstark wichtige Hundertstelsekunden und ebnete so den Weg ins Finale und zu Gold.

„Das ist mein Kampfgeist, ich gebe immer mein Bestes. Auch wenn eigentlich gar nichts mehr geht”, erzählte die Inzellerin schmunzelnd. Teilweise ähnelten ihre Bewegungen einer Trockenübung für Nichtschwimmer. Die Frage, ob sie nun das „Swimming on Ice” als neues Sportart kreiert habe, fand sie aber nicht komisch.

So ganz ohne Drama geht es für die Bayrin scheinbar bei Olympia nicht. Die emotionalen Bilder ihrer Bauchlandung gingen sofort um die Welt. Zuerst dachte sie, sie hätte ihr 13. Olympia-Rennen versemmelt und ihre Team-Kolleginnen Stephanie Beckert und Daniela Anschütz- Thoms durch ihren Sturz um die Goldchance gebracht. Konsterniert lag die 33-Jährige auf dem Eis und haderte. Nach dem erlösenden Blick auf die Anzeigetafel lachte sie befreit und ungläubig. „Ich dachte nur, ich mache den Mädels alles kaputt”, sagte sie, „jetzt kann ich darüber lachen, aber in diesem Moment war mir gar nicht danach zumute, aber bitte: Never again.”

Ihre vierte Olympia-Teilnahme hatte schon nervenaufreibend begonnen. Vor dem Vancouver-Abenteuer hatte sich die 16-malige Weltmeisterin öffentlich von Team-Arzt Gerald Lutz distanziert. Zwei Wochen später lag sie mit Bundestrainer Markus Eicher im Clinch, weil dieser ihr zunächst die Top-Form für das Teamrennen absprach. Ungewöhnlich ist der Ärger nicht: Stets war die Serie der glänzenden Olympia-Auftritte Friesingers von Aufregern, Verbal-Duellen und Zoff begleitet.

Vor ihrem Debüt 1998 in Nagano war sie in der nationalen Qualifikation an der Erfurterin Heike Warnicke gescheitert, wurde aber mit 21 Jahren dennoch als Ersatz nominiert. Als Warnicke wegen Infekts absagte, übertraf sie mit Bronze über 3000 Meter hinter Gunda Niemann und Claudia Pechstein die Erwartungen.

Vier Jahre später fuhr Friesinger schon als Superstar nach Salt Lake City und begeisterte mit dem Ziel, viermal Gold holen zu wollen. Doch der Zicken-Zoff mit Pechstein wurde zum prägenden Ereignis der Spiele: Die inzwischen gesperrte Berlinerin konnte die über die Medien ausgetragene Schlammschlacht mit Friesinger besser ausblenden und gewann zweimal Gold, während die Inzellerin im Olympiasieg über 1500 Meter den einzigen Trost fand. Auf den anderen Strecken blieb sie hinter dem eigenen Anspruch zurück.

Schließlich 2006 in Turin: Nach einer sensationellen Siegesserie im Weltcup schwamm Friesinger auf der Euphorie-Welle und ließ sich von ihrem Heim-Trainer Markus Eicher zu fünf Olympia-Starts überreden. Ebenso viel Medaillen verkündete sie als Ziel. Doch nach dem verpassten Edelmetall über 3000 Meter raubte ihr der goldene Teamlauf alle Kräfte. Bronze über 1000 Meter war die dürftige Ausbeute auf den Einzelstrecken. Nach erneut Platz vier über 1500 Meter reiste Friesinger frustriert vorzeitig aus Turin ab und schimpfte auf Gott und die Welt.

Nun stehen dreimal Gold und zweimal Bronze als Olympia-Meriten zu Buche, aber nie entbehrten die olympischen Auftritte der „Eis- Königin” einer gewissen Pikanterie.
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