Stöger: „Trainer in Köln, das ist richtig cool“

Von: Lukas Weinberger und Roman Sobierajski
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Schöne Aussicht: Peter Stöger ist mit der Entwicklung seiner Mannschaft zufrieden - bis auf die Chancenverwertung. Foto: Rainer Dahmen
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Dialog: Die Redakteure Roman Sobierajski (l.) und Lukas Weinberger beim Ortstermin im Geißbockheim. Foto: Rainer Dahmen

Köln. Dass beim 1. FC Köln in der Fußball-Bundesliga vieles unaufgeregt läuft, ist für manchen schon ein großer Aufreger. Zum Ende der Hinrunde befragten Lukas Weinberger und Roman Sobierajski Kölns Cheftrainer Peter Stöger, wie es gelungen ist, den früher oft divenhaften Klub in ruhigeres Fahrwasser zu lenken.

Herr Stöger, der FC steht mit 21 Punkten auf Rang 10, Verantwortliche, Fans und Umfeld scheinen glücklich – alles ist wie in der Vorsaison. Kann man damit auch dieses Jahr wieder zufrieden sein?

Peter Stöger: Es ist immer schwierig zu sagen, dass man zufrieden ist, weil schon ein paar Spiele ein bisschen unglücklich gelaufen sind. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass wir Spiele gewonnen haben, die wir nicht unbedingt hätten gewinnen müssen. Unsere Spiele waren oft sehr eng. Manchmal ist es für uns gekippt, was nicht hätte sein müssen; manchmal ist es gegen uns gekippt, was nicht immer dem Spielverlauf entsprochen hat. Wenn wir im Sommer jedenfalls sicher gewusst hätten, wir haben im Dezember 21 Punkte und noch das Spiel gegen Dortmund zum Abschluss der Hinrunde, wären alle zufrieden gewesen.

Nach dem unerwartet guten Start mit zehn Punkten aus den ersten fünf Spielen hat so mancher aber von mehr geträumt...

Stöger: Wir haben mit starken ersten Spielen alle träumen lassen. Wir haben aber auch immer gesagt, dass wir dieses Polster einmal gebrauchen können, wenn wir mal nicht so regelmäßig punkten. Da kannst du ein bisschen zehren und rutschst nicht gleich in den gefährlichen Bereich ab. Das interessiert zu diesem Zeitpunkt natürlich keinen, das ist ja klar.

Es ist natürlich auch schwierig zu vermitteln, dass man die Punkte gegen den Abstieg braucht, wenn man auf einem Europapokalplatz steht...

Stöger: Es war aber ja immer alles sehr eng beisammen. Wenn man keine Tabelle lesen kann, ist das nicht unbedingt mein Problem. Wenn du zwei Wochen lang nichts gewinnst, und die Konkurrenz punktet, wirst du drei, vier Plätze durchgereicht, das ist keine Überraschung.

Sie sind also nicht enttäuscht, dass sie nicht so fleißig weitergepunktet haben?

Stöger: Wenn wir die Punkte auch geholt hätten, wäre das ein außergewöhnlicher Herbst geworden. Ich glaube, beim FC hat es in den vergangenen 20 Jahren nur ein einziges Mal zu diesem Zeitpunkt 25 Punkte in der Bundesliga gegeben. Ich sehe uns da nicht so schlecht aufgestellt. Und wenn wirklich mehr drin gewesen ist, sagt das eigentlich einiges Positives über die Mannschaft aus. Jeder will wissen, warum wir nicht 26 Punkte haben. Wir könnten ja auch mal gefragt werden, wie wir eigentlich zu den 21 Punkten gekommen sind.

Danke für den Tipp: Wie hat der FC denn 21 Punkte geholt?

Stöger: Indem wir einen richtig guten Job gemacht haben. Wir haben ein paar außergewöhnliche Spiele abgeliefert, die nicht zu erwarten waren, und wir haben auch viele Spiele, von denen viele erwartet haben, dass wir sie gewinnen müssten oder werden, zumindest nicht verloren. Wir haben die Punkte mitgenommen.

Positiv zu Saisonbeginn war, dass sich gleich mehrere Spieler in die Torschützenliste eingetragen haben. Warum funktioniert das mit dem Toreschießen in den vergangenen Wochen nicht mehr?

Stöger: Wir haben unsere Möglichkeiten einfach nicht verwertet, die Chancen waren ja da. Ich sehe das nüchtern. Wenn wir in den Spielen keine Möglichkeiten gehabt hätten, Tore zu erzielen, würde ich darüber sehr viel nachdenken. Wir haben uns aber Chancen herausgespielt, was ein Verdienst der ganzen Mannschaft ist. Wenn du sie aber nicht verwertest, hast du keinen Anspruch über mehr nachzudenken, als das, was wir bisher erreicht haben.

Als Trainer kann man nur bis zu diesem Punkt hinarbeiten, oder?

Stöger: Nein, nein. Das wäre zu einfach. Natürlich könnte ich jetzt sagen: Torchancen herausspielen, das ist mein Job, verwerten müssen sie dann die Spieler. Es mag sein, dass es Trainer gibt, die das so sagen, aber so denke ich nicht. Unsere Aufgabe ist es, darauf hinzuarbeiten, dass wir zu Chancen kommen, unsere Aufgabe ist aber auch, dafür zu sorgen, dass die Jungs die Sicherheit und Coolness bekommen, diese Möglichkeiten auch zu verwerten. Es ist Trainer- und Spielerarbeit, die Vorgaben auf dem Feld umsetzen, es ist ein Gesamtprojekt. Da gibt es keine Schuldzuweisungen. Dinge, die wir erreichen, erreichen wir als Gemeinschaft, Dinge, die nicht gut laufen, wollen wir als Gruppe korrigieren.

Sind die vergebenen Torchancen reine Kopfsache?

Stöger: Solche Situationen zu verwerten, ist schon etwas, das mit Selbstvertrauen und Selbstverständlichkeit zu tun hat. Wenn du triffst, triffst du nächste Woche wieder, wenn du nicht triffst, triffst du auch nächste Woche nicht. Das kennen alle Stürmer. Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen, und das ist viel Arbeit. Das passiert nicht einfach so. Es fällt mir schwer, da irgendeinem einen Vorwurf zu machen, weil ich sehe, dass alle alles dafür tun, dass es wieder klappt.

Sinnbild der Torkrise ist Anthony Modeste, der seit Anfang Oktober nicht getroffen hat. War die Auswechslung in Bremen eine Schutzmaßnahme?

Stöger: Ach, er war ganz einfach nicht gut im Spiel. Und trotz aller Unterstützung müssen wir reagieren, wenn etwas nicht funktioniert. Es kämpfen ja auch andere Jungs um ihre Chance zu spielen. Es hat in Bremen gut funktioniert: Osako ganz vorne, das war schon in Ordnung. Das ändert nichts daran, dass Tony viel Zuspruch bekommt. In dieser Mannschaft haben viele Spieler ein feines Gespür dafür, wenn Kollegen Unterstützung brauchen.

Ist das eine Stärke der Mannschaft?

Stöger: Es ist unser größtes Plus, dass die Mannschaft auf dem Platz und auch daneben funktioniert. Die beiden jungen Innenverteidiger (Dominique Heintz und Frederik Sörensen, Anm. d. Red.) haben zum Beispiel große Unterstützung von Dominic Maroh bekommen, als er nicht gespielt hat. Für ihn war die Situation sicher nicht einfach, aber da war nie negative Stimmung. Er hat auf seine Chance gewartet, er hat sie bekommen, er hat sie genutzt. Jetzt ist Frederik Sörensen derjenige, der die beiden anderen unterstützt.

Der FC gilt gegen Gegner wie Bremen und Mainz mittlerweile als leichter Favorit, obwohl er erst in der Vorsaison aufgestiegen ist. Ehrt oder irritiert Sie das als Trainer?

Stöger: Jeder weiß um die Historie unsere Klubs, aus diesem Grund sind wir ja alle gerne hier, und dann musst du mit solchen Situationen umgehen können. Ich mit meinen fast 50 Jahren kann das sehr gut, aber ich muss aufpassen, was mit meinen 20, 21 Jahre alten Jungs ist. Wenn von ihnen Dinge erwartet werden, die nicht jede Woche abrufbar sind, muss ich gegensteuern. Wir dürfen uns nicht verrückt machen, wir müssen das realistisch einzuschätzen.

Der Realismus ist in Köln eingekehrt?

Stöger: In Köln haben die Verantwortlichen seit dem letzten Abstieg gute Entscheidungen getroffen. Manchmal wird das vergessen: Wenn seitdem nicht so viel richtig gemacht worden wäre, hätte das hier zum jetzigen Zeitpunkt ganz anders aussehen können. Präsidium und Geschäftsführung machen einen tollen Job. Deswegen sind wir so gut aufgestellt. Dass das nicht allen genug ist, damit können wir umgehen.

Alle Erwartungen kann man wohl sowieso nie erfüllen…

Stöger: Mir hat mal ein ganz erfolgreicher Trainer gesagt: „Ganz egal, wo du bist, es ist immer ein bisschen zu wenig.“ Bayern München hat eine fast perfekte Hinrunde abgeliefert. Aber 90 Prozent aller Fußballfans wissen genau, dass sie in Frankfurt nur 0:0 gespielt haben.

Wie hat sich Ihre eigene Erwartungshaltung im zweiten Jahr Bundesliga verändert?

Stöger: Wir wollen nicht mehr nur auf unsere Kompaktheit und das Konterspiel setzen, sondern gegen tiefstehende Mannschaften mehr Ballkontrolle haben, mehr Chancen herausspielen und mehr Tore schießen. Bis auf den letzten Punkt haben wir da eine gute Entwicklung genommen. Fakt ist aber auch, dass dieser letzte Punkt die zusätzlichen Zähler bringt. Diese Zähler haben wir nicht, und daran sieht man, dass wir noch nicht am Ende der Entwicklung angekommen sind. Nur wenn du deine Möglichkeiten nutzt, hast du die Chance, mal im Bereich der großen Teams in Deutschland mitzumischen, wie es gerade die Hertha macht.

Was sagen Sie der Mannschaft, wenn sie zusätzlich zu den vergebenen Chancen wieder einmal Opfer einer Slapstick-Einlage wie Gegentoren mit der Hand oder zerstörten Elfmeterpunkten geworden ist?

Stöger: Es ist menschlich verständlich, dass wir darüber diskutiert haben. Es waren Woche für Woche gravierende Entscheidungen, das hat uns irgendwie nicht losgelassen. Wir sind im Großen und Ganzen sehr sportlich damit umgegangen. Ich möchte nicht wissen, wie andere Leute reagiert hätten, wenn ihre Klubs auf diese Art betroffen gewesen wären. Im Nachhinein sage ich dennoch: Wir hätten das früher als erledigt ansehen sollen, um uns ausschließlich auf die Dinge konzentrieren zu können, die wir beeinflussen können.

Das dürfte schwerfallen.

Stöger: Der psychologische Bereich ist im Fußball eben nicht immer einfach. Ich hätte da mehr gegensteuern müssen, und das wird mir so in der Art auch nicht mehr passieren.

Yuya Osako gebührt dennoch Respekt, weil er in Bremen zugegeben hat, dass es keine Ecke für Köln, sondern Abstoß für Werder geben musste, oder?

Stöger: Hat er ja gar nicht, er hat die Frage des Schiedsrichters ja nicht verstanden (lacht). Aber das ändert nichts daran, dass wir uns zu viel mit diesen unglücklichen Entscheidungen beschäftigt haben. Das müssen wir uns selbst ankreiden.

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren gesagt, dass sie ein „Mann für schwierige Aufgaben“ sind. Wie schwierig ist sie noch?

Stöger: In Köln kann man sich davon verabschieden, dass irgendetwas leicht ist – egal in welcher Phase. Es wird immer diskutiert werden, ob es drei Punkte zu wenig sind, und wenn du die drei hast, könnten es immer noch drei mehr sein. Uns spornt das an, es treibt uns an, und das ist ja auch das Spannende an Köln. Ich glaube, sich als Verantwortlicher zurückzulehnen und eine ruhige Kugel zu schieben, das funktioniert in Köln nicht.

Es wäre ja auch langweilig, bei einem Klub zu arbeiten, der jedes Jahr Zwölfter wird und damit glücklich ist, oder?

Stöger: Na klar. Ich glaube aber auch, dass immer mehr Menschen erkennen, dass unser eingeschlagener Weg der einzig gangbare ist. Und der geht halt nicht in großen Schritten. Wir träumen auch davon, dass es irgendwann einmal selbstverständlich sein wird, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen. Und ich kann es nur immer wieder sagen: Das hat es die vergangenen 25 Jahre nicht gegeben, auch nicht, als der FC noch nie abgestiegen oder vier Jahre am Stück in der Bundesliga war. Dieser Verein hat in den vergangenen Jahren viele Aufs und Ab erlebt, viele Veränderungen, wenig Kontinuität – und daran, Kontinuität zu schaffen, arbeiten wir im Moment, das ziehen wir durch.

Und das könnten Sie sich auch noch über ihr Vertragsende 2017 hinaus vorstellen?

Stöger: Dass ich mich damals als Meister in Österreich mit der Möglichkeit, Trainer eines Champions-League-Teams zu sein, für die zweite deutsche Liga entschieden habe, dürfte ja als Beleg ausreichen, dass Köln für mich ein großer Klub ist. Daran hat sich nichts geändert. Dazu kommt, dass ich auch die Stadt und die Leute hier großartig finde. Trainer in Köln, das ist richtig cool.

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