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Sonja Wirth: Von Metternich nach Rio

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Die olympischen Ringe sind ihr ständiger Begleiter: Sonja Wirth im Leistungszentrum in Köln, wo sie beinahe täglich für ihren Traum von den Spielen 2016 in Rio de Janeiro trainiert.

Region. Sie weiß es noch ganz genau. Als würde sie jeden Freitag mit dem letzten Bus den Ortsteil Metternich in Weilerswist verlassen. „Um 18.44 Uhr fährt der letzte“, sagt Sonja Wirth. Mittlerweile muss sie öfter einmal auf ihren Koffer aus Wien, Tokio oder London warten als auf einen Bus in Metternich.

Sonja Wirth ist Weltenbummlerin geworden. Dank des Judosports. Dank ihres Ehrgeizes. Dank ihres Talents. Und dank ihres Vaters, der die kleine Sonja früher immer wieder mit dem Auto zu den zahllosen Trainingseinheiten fahren musste. „Ich war auf Papa angewiesen“, sagt die heute 22-Jährige, die in der Gewichtsklasse bis 48 Kilogramm zu den besten deutschen Kämpferinnen zählt. Überhaupt Papa Peter: Er ist der „Schuldige“, dass „Judo in meinem Leben die Nummer eins ist“, sagt Sonja Wirth.

Ein Schnupperkurs

Denn dass sie vor rund zehn Jahren erstmals eine Judo-Matte betreten hat, ging auf eine Initiative der Eltern zurück. Zierlich war Sonja schon immer, musste sich im Kindergarten und in der Schule ziemlich viel gefallen lassen. Da kam ein Schnupperangebot des Judoclub Weilerswist genau richtig. Sonja schnupperte rein, und fortan dominierte und dominiert der Kampfsport ihr Leben. Ohne Wenn und Aber. Steht am Jahrestag mit Freund Thomas eine Trainingseinheit oder ein Turnier im Pflichtenheft, dann muss sie nicht lange überlegen, denn: „Judo ist die Nummer eins in meinem Leben.“ Gut, dass kaum jemand dafür mehr Verständnis haben könnte als Thomas Radermacher, der – natürlich – auch Judoka ist. Einst im Bundesliga-Team von Hertha Walheim, heute beim JSC Erkelenz in der Bezirksliga.

Kurzer Rückblick, Ende des Jahres 2013. „Ich bin echt froh, mal zu Hause zu sein“, sagt Sonja Wirth, was nicht gleichbedeutend ist mit Faulenzen. Natürlich hat sie ein bisschen über die Stränge geschlagen in der kampflosen Zeit, hat sich mit Freunden getroffen und geschlemmt, sich auch nicht Genüssen auf den Weihnachtsmärkten verweigert. Doch „zu Hause sein“ bedeutet in erster Linie: Zeit haben, um an den Grundlagen zu arbeiten, Kraft- und Technik-Training zu absolvieren, „das, wozu man das Jahr über keine Zeit hat“. Mindestens vier Stunden am Tag, fünf Mal in der Woche. Heute geht Sonja Wirth, die in Köln Psychologie studiert und dort auch mit ihrem Freund lebt, bei den Deutschen Meisterschaften in Ettlingen an den Start. Während sie in der Bundesliga für die TSG Backnang auf die Matte geht, tritt sie bei ihren Einzelstarts für den Brander Turnverein aus Aachen an.

Und wenn sich der große Traum von Sonja Wirth erfüllt, wird sie die Brander Farben auch bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro vertreten. Rio, die Olympia-Teilnahme, das ist ihr ganz großes Ziel, dem sie (fast) alles unterordnet. „Wenn ich nicht alles versuchen würde, mir den Traum von Olympia zu erfüllen, würde ich mich ein Leben lang fragen, warum ich es nicht versucht habe“, sagt die Dritte der Deutschen Meisterschaften des vergangenen Jahres und Vize-Weltmeisterin der Studenten 2013.

Unsere Zeitung wird Sonja Wirth auf dem Weg begleiten, ihren Versuch, sich den Traum von Olympia zu erfüllen. Wir werden berichten, wie Training und Kämpfe verlaufen, lassen Familienmitglieder, Trainer, Konkurrentinnen zu Wort kommen. In unregelmäßigen Abständen im Online-Bereich und natürlich auch in Ihrer Tageszeitung.

Zwei Konkurrentinnen

Ob am Ende dieses langen Weges tatsächlich die Olympia-Teilnahme stehen wird? Die Konkurrenz in der 48-kg-Klasse in Deutschland ist nicht gerade klein, neben Sonja Wirth sind Kay Kraus (23, TSV München-Großhadern) und Katharina Menz (23, TSG Backnang) derzeit Anwärterinnen auf einen möglichen Platz im Olympia-Team. Es wird kein erbitterter Kampf der drei fast gleichstarken Athletinnen, „wir haben ein Super-Verhältnis, unterstützen uns“, sagt Sonja Wirth, die man durchaus als Judo-Profi bezeichnen darf. Das Studium läuft ein bisschen nebenher: „Ich bin im fünften Semester, vom Stoff aber eher im dritten. Ich mach das, was ich schaffe.“ Als Sportsoldatin ist die Hauptgefreite, die seit dem 1. Juli 2012 bei der Bundeswehr ist, zudem finanziell ganz ordentlich abgesichert. Ihr Soldatinnen-Leben beschränkt sich derzeit auf einen Kasernen-Besuch im Monat in Köln-Longerich. Allerdings „droht“ noch ein Feldwebelanwärter-Lehrgang in diesem Jahr, dann müsste sie für acht Wochen nach Hannover „einrücken“. Acht lange Wochen, in denen ein fundiertes Training nicht möglich wäre.

Das intensive Training der letzten Wochen soll sich dagegen heute in Ettlingen niederschlagen. Mit einem guten Abschneiden kann und will Sonja Wirth den Wettlauf beginnen, der in 31 Monaten mit Kämpfen in der Olympic Hall in Rio de Janeiros Ortsteil Barra da Tijuca enden soll. Wir werden Sonja Wirth bei diesem spannenden Projekt begleiten. Bis sie vielleicht in den Flieger nach Rio steigt. Und nicht mehr in den Bus in Metternich, freitags um 18.44 Uhr.

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