Aachen - Sam Kendricks: Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur perfekten Saison?

Sam Kendricks: Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur perfekten Saison?

Von: Benjamin Jansen
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Sam Kendricks
Der Aachener Katschhof aus einer etwas anderen Perspektive: Stabhochsprung-Weltmeister Sam Kendricks freut sich auf das Domspringen. Der Hauptwettkampf beginnt am mittwoch um 18.30 Uhr. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Sollte Sam Kendricks in 20 Jahren auf seine Karriere als Stabhochspringer zurückblicken, das Jahr 2017 dürfte eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Bei den US-Meisterschaften in Sacramento katapultierte sich Kendricks, 24, Ende Juni in den Klub der „Sechs-Meter-Männer“.

Sechs Wochen später, bei der Leichtathletik-WM in London, ging es nicht ganz so hoch hinaus, immer noch stolze 5,95 Meter reichten dem Weltklassespringer aber, um die Konkurrenz abzuhängen und sich die Goldmedaille umhängen zu lassen. 15 Wettkämpfe hat Kendricks in dieser Saison bestritten, trotz namhafter Konkurrenz hat er alle für sich entschieden. Diese imposante Serie soll in Aachen nicht reißen, sagt Kendricks. Unser Redakteur Benjamin Jansen sprach mit ihm über die 13. Auflage des Domspringens, Rituale und die Konkurrenz in der eigenen Familie.

Sind Sie abergläubisch?

Kendricks (lacht): Früher war ich es. Jeder junge Athlet denkt, dass er etwas Besonderes machen muss, um zu gewinnen. Dabei geht es um viele kleine Dinge: das richtige Frühstück, die richtigen Socken, der richtige Haarschnitt. Wenn man älter wird, geht es weniger um Aberglaube, sondern mehr um Rituale. Jeder Athlet hat so etwas.

Welches Ritual haben Sie?

Kendricks: Wenn ich mich auf einen wichtigen Wettbewerb vorbereite, verbringe ich gerne ein paar Wochen zuvor in der Heimat, in Mississippi. Das gibt mir die Kraft, die ich brauche. Alles andere ist nicht wichtig für mich. Ob meine Fingernägel oder meine Haare zu lang sind, spielt keine Rolle.

Also sehen Sie es nicht als schlechtes Omen, dass das Domspringen zum 13. Mal stattfindet?

Kendricks: Wenn irgendwer anders es als schlechtes Omen betrachtet, ist das ein gutes Omen für mich (schmunzelt). Dann hilft mir das für meinen Wettkampf. So ist das zum Beispiel auch mit dem Regen: Alle Athleten hassen Regen. Aber ich bin meistens besser, weil ich keine Angst habe, bei Regen zu springen.

Im vergangenen Jahr mussten Sie Ihren Start beim Domspringen absagen..

Kendricks: Ich hatte bereits den Weg von Berlin nach Aachen angetreten. Das Problem war, dass ich mir in Berlin eine Fraktur  im unteren Beckenbereich zugezogen habe. Bis zu diesem Zeitpunkt musste ich noch nie einen Wettkampf absagen – und ich hoffe, dass das auch nie wieder passiert.

Die 12. Auflage ist auf Ihren 24. Geburtstag gefallen. In diesem Jahr haben Sie einen Tag nach dem Domspringen Geburtstag. Feiern Sie mit den anderen Springern? Wie sehen Ihre Pläne aus?

Kendricks: Die sind geheim (schmunzelt). Es ist auf jeden Fall cool, dass ich in diesem Jahr als Athlet zurückkomme.

Mit Ihren Leistungen haben Sie sich in den vergangenen Monaten ins Rampenlicht gesprungen. Was hat einen höheren Stellenwert für Sie: Der Sieg bei der WM oder die übersprungenen sechs Meter?

Kendricks: Über sechs Meter zu springen, hat mir das Gefühl gegeben, dass ich mich wie ein Weltmeister fühle. Es hat mir einen großen Schub gegeben, weil es mich bestätigt hat: Du machst es richtig. Viel kann man nämlich nicht falsch machen, wenn man sechs Meter hoch springt. Sechs Wochen später war ich dann auch offiziell Weltmeister.

2015 kannten viele Aachener Sie noch nicht, als Sie zum ersten Mal am Domspringen teilgenommen haben. Und bei 5,30 Meter war dann auch Endstation...

Kendricks: Das war meine schlechteste Leistung im Jahr 2015 (lacht). Diesmal will ich höher hinaus.

Die anderen Stabhochspringer schieben Ihnen fast zwangsläufig die Favoritenrolle zu.

Kendricks: Viele sehr gute Athleten sind beim Domspringen in diesem Jahr am Start – zum Beispiel mein Freund Paweł Wojciechowski. Ich weiß, dass es nicht mein Privileg ist, zu gewinnen. Deshalb bin ich auch nicht nervös. Wenn ich nervös werden würde, bedeutet das, dass ich denke, dass ich es verdient habe. Aber das ist nicht der Fall. Man muss sich Erfolg hart erarbeiten.

Geben Sie mal eine Prognose ab: Welche Höhe müssen Sie überwinden, um beim Domspringen als Sieger vom Katschhof zu gehen?

Kendricks: Ich denke, dass man 5,80 Meter im ersten Versuch überspringen muss, um zu gewinnen. Das ist die Höhe, die ich in diesem Jahr immer springen musste, um Pawel zu schlagen. Deshalb habe ich mir 5,80 Meter auch fest vorgenommen.

Ist es eines Ihrer Fernziele, auch den Weltrekord zu knacken?

Kendricks: Ich weiß nicht, ob es mein Schicksal ist, Weltrekord zu springen. Ich bin nicht der Athlet, der Sergej Bubka war. Ich habe nicht die Erfahrung, die Renaud Lavillenie hat. 6,10 Meter sind mein Ziel. Nur zwei Menschen haben es jemals geschafft, diese Höhe zu meistern. Vielleicht werde ich eines Tages der Dritte sein.

Vielleicht schon hier in Aachen?

Kendricks (lacht): Dafür habe ich nicht die richtigen Stäbe mitgebracht. Ich muss in den nächsten Jahren noch stärker werden, um diese Höhe anpeilen zu können.

Welchen Stellenwert hätte ein Sieg beim Domspringen?

Kendricks: Ich würde meinem großen Ziel, die Saison ungeschlagen zu beenden, wieder einen großen Schritt näher kommen – und das haben bisher nicht viele Springer erreicht. Deshalb könnte das Domspringen ein wichtiger Teil einer unvergesslichen Saison werden.

Was ist das Besondere an diesem Meeting?

Kendricks: Das Tolle am Domspringen ist, dass dieses Event von Stabhochspringern für Stabhochspringer entwickelt wurde. Die Verantwortlichen wissen, was es bedeutet, hoch zu springen. Die Anlaufbahn ist perfekt, genauso wie die Landezone. Und so viele Zuschauer auf so kleinem Raum, die auch mal ein Bierchen trinken, findet man auch nicht so schnell: Das ist einfach außergewöhnlich.

Haben Sie schon mehr von Aachen zu sehen bekommen als Katschhof und Rathaus?

Kendricks: Auf jeden Fall. Aachen ist eine Stadt mit sehr viel Charakter. Sie erinnert mich ein bisschen an meine Heimatstadt. Oxford in Mississippi ist zwar nicht so groß wie Aachen, hat aber auch viel Geschichte zu bieten.

Sie interessieren sich für Geschichte?

Kendricks: Auf jeden Fall. Das liegt anscheinend in der Familie. Mein Vater war früher Geschichtslehrer.
Heute ist Ihr Vater Ihr Trainer. Wie wichtig ist er für Sie und Ihre Karriere?

Kendricks: Er ist mein Trainer, mein Berater, mein Bodyguard und mein Tutor. Er ist von unschätzbarem Wert für mich, weil er mir bei großen Wettkämpfen hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich bin ein besserer Springer, wenn er um mich herum ist. Natürlich bin ich auch schon ohne ihn hoch gesprungen, aber ich bin noch fokussierter, wenn er dabei ist.

Worauf freuen Sie sich beim diesjährigen Domspringen?

Kendricks: Das Domspringen ist eine große Show. Ob man einen Rekord aufstellt, ist nicht so wichtig. Als Athlet will man viel springen und den Zuschauern zeigen, was man drauf hat.

Das haben sie zuletzt regelmäßig gemacht. Fahrt aufgenommen hat Ihre Karriere nach den Olympischen Spielen in Rio 2016, als Sie die Bronzemedaille gewonnen haben. Was war das für ein Gefühl?

Kendricks: Es fühlt sich schon anders an, als eine nationale Meisterschaft zu gewinnen. Als Athlet steht man bei den Olympischen Spielen sehr unter Druck, weil es für manche die einzige Chance im Leben ist. Für junge Leute ist eine Bronzemedaille wie eine Goldmedaille – so war es auch für mich.

Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio haben Sie die Chance, ganz oben auf dem Treppchen zu stehen.

Kendricks: Mein Ziel ist es, drei oder vier mal an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Mein kleiner Bruder sagt, dass er mich bei den Olympischen Spielen 2024 schlagen will. Dann ist er 20.

Und Sie 31. Liegt es im Bereich des Möglichen, dass er Sie schlägt?

Kendricks: Er ist zwölf Jahre alt und in diesem Alter auf jeden Fall weiter als ich es war. Kein Wunder: Er hat mit meinem Vater einen tollen Trainer und mit mir einen sehr guten Trainingspartner (lacht).

Aber 2020 werden noch Ihre Olympischen Spiele, oder?

Kendricks: Formulieren wir es so: Ich denke, dass ich mit 27 auf meinem höchsten Level bin. Vielleicht habe ich meinen Höhepunkt dann erreicht, vielleicht aber auch jetzt schon. Wir werden sehen.

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