Runter für den Angriff auf die Spitze

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:

Lammersdorf. Sportstudio „Fit for life” in Rollesbroich/Eifel, Ende 2008. Ein Jugendlicher betritt den Trainingsraum.

Er sieht stark aber massig aus, wirkt eher schüchtern. Der Gang nicht unbedingt elfengleich. Weit über 100 Kilo wollen erstmal elegant bewegt werden.

Ein Jahr später - der gleiche Besucher. Aber nicht derselbe: Lars Entgens ist nicht mehr der von 2008. Sein Gang ist federnd, elastisch, die Körperspannung sichtbar, das Selbstbewusstsein fühlbar: Nicht nur zwölf Monate liegen zwischen diesen beiden Auftritten. Viel wichtiger: 30 Kilo! Von 128 Kilo runter auf 98 - dieser „Abstieg” war für den jungen Judoka des TSV Hertha Walheim der erste Schritt zum Aufstieg. Ein Talent war der heute 17-Jährige auch schon zuvor. Aber für solche kommen entscheidende Abschnitte im Lebens- und Sportweg. Der von Entgens vollzog sich auf einer langen langen Rückfahrt des Bundesliga-Teams von einem Kampftag in Frankfurt/Oder. Zeit genug zum Grübeln, Zeit genug, ein Resümee zu ziehen; Zeit genug, einen Schnitt und einen Schritt nach vorn zu machen: „So Lars, ab jetzt ändert sich einiges”, versprach oder drohte gar Patrick Haas. Haas ist Bundesliga-Kämpfer, Trainer der Regionalliga-Mannschaft des TSV und eigentlich auch der „personal trainer” des jungen Judoka. Und derjenige, der ihn über die Linie hinüberschubst in Richtung „professionellen Leistungssport”. Trainiert, hart trainiert, geschunden hat der Lammersdorfer sich auch schon vorher.

Koordiniertes Training

Jetzt aber verordnet und verabreicht ihm Haas ein Gesamt-Paket, mit ungewöhnlicher Zielrichtung: „Normalerweise geht es im Judo rauf.” Das Gespann aber entschied sich für „runter”: Start in der Klasse unter statt über 100. Die Bestandteile des Rundum-austrainiert-Pakets schmeckten Lars Entgens nicht sonderlich gut: Die überwiegende Kraftbolzerei war Vergangenheit, jetzt gab es ein koordiniertes Training, mit Leistungsdiagnostik, Technik-Schwerpunkt, natürlich weiterhin Kraftübungen und vor allem mit einem Ernährungsplan. Selbst die Übungseinheiten im Rollesbroicher Fitnessstudio wurden zwischen seinem Judo-Trainer und Studiobesitzer und Cheftrainer Michael Anders abgestimmt.

Der Rat des mehrfachen Weltmeisters im Bodybuilding (Fitness­-Klasse) wog schwer, speziell was die Arbeit mit der Bein-Muskulatur betraf: „Da hat Patrick Haas gesagt: Davon verstehst Du viel mehr.” Sein Judo-Trainer aber hatte noch anderes im Hinterkopf beim Rat, das weniger auch mehr sein kann. Es ging um die außersportliche Zukunft des Jünglings. „Mit 150 Kilo führst du kein normales Leben mehr. Da interessiert sich kaum ein Mädchen für dich”, urteilt Haas.

Die Metamorphose des Lars Entgens: 30 Kilo runter - Beweglichkeit sowieso, aber auch die Kraft dabei rauf: „Heute bin ich sogar etwas stärker als vorher.” Ein Erlebnis, den Athleten nun bei der Königsübung in puncto Körper(gewichts)beherrschung zu beobachten: Sein Handtuch wirft er lässig über die Lattissimus-Stange und zieht am Handtuch seine 98 Kilo leicht und locker bis zu zehn Mal nach oben. Judoka-Klimmzüge, die den Griff und den Unterarm zusätzlich stärken und dafür sorgen, alle(s) länger im Griff zu haben.

Auch die Technik musste ans „Leichtgewicht” angepasst werden. Früher legte sich der 130-Kilo Koloss mit seinem ganzen Gewicht in den Gegner rein, Lars-Light muss jetzt viel mehr mit Technik arbeiten. Dazu musste sein Profil, die Art zu werfen, komplett geändert werden. „Mit dem Gewicht musst du ein ganz anderes Judo machen”, sagt Lars Entgen.

Zu seinem Sport-Glück musste der Nordeifler gezwungen werden. Bruder Christopher schleppte ihn vor sechs Jahren mit zum Training des Lammersdorfer JJC. „Ich wollte gar nicht.” Der Hunger auf mehr kam erst mit den Erfolgen, die natürlich seinem enormen Gewicht aber auch seinem Bewegungstalent geschuldet waren. Ein Jahr lang spielte er auch noch begleitend Fußball beim TuS Lammersdorf. Dann aber stellte sich mit den ersten Plätzen auch der Spaß ein beim Kämpfen. Mit 14 kam die erste Einladung zum Kader-Lehrgang, als man bei den Landesmeisterschaften auf ihn aufmerksam wurde. Endgens war ebenso verblüfft wie erfreut. Sein enormes Gewicht war „das Eingangstor” zum Judo. Doch dazu kam Bewegungstalent und die Feststellung von Kader-Trainer Stefan Küppers nach dem ersten Lehrgang: „Bei Dir ist Potenzial.”

Das sieht auch sein Trainer Pa­trick Haas so, der ihn kennt, seitdem er als Gelbgurt zu ihm kam. Und miterlebte, nach all den Erfolgen bis zur U 17, wie zäh sich der Einstieg in die U 20- und dann noch in der neuen Gewichtsklasse entwickelte. „Nächstes Jahr wird er Stammkämpfer in der Regionalliga-Mannschaft werden. Für die Bundesliga braucht er noch zwei, drei Jahre. Alles muss stetig entwickelt werden.”

Der Schritt von der U 20 zu den Männern gilt als der größte. Doch der Sprung in die Bundesliga-Mannschaft ist programmiert. Klimmzüge zu anderen, reicheren Vereinen sind ausgeschlossen. „Ich fühle mich unheimlich wohl beim TSV, ich hänge an meinem Klub. Ich bleibe, in welcher Liga auch immer.”

Und der Weg scheint der richtige gewesen zu sein: Beim Ranglistenturnier in Mannheim quittierte Bundestrainer Richard Trautmann seinen dritten Platz mit einem indirekten Lob: „Da hast Du dich ja zurückgemeldet, Lars.” Willkommen zurück in der Spitze!
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert