Aachen/Wegberg - Regionalliga-Derby: Die Ferngläser sind längst verteilt

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Regionalliga-Derby: Die Ferngläser sind längst verteilt

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Derby-Zeit: Fuat Kilic ist überzeugt: „Wenn wir das nicht als Derby verinnerlichen, wird es schwer.“ Foto: sport/revierfoto
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Derby-Zeit: Friedel Henßen (SC Wegberg-Beeck) ist zuversichtlich. Foto: sport/revierfoto

Aachen/Wegberg. Am Sonntag treffen zwei Vereine aufeinander, bei denen schon die Ferngläser verteilt werden. Beim FC Wegberg-Beeck ist das rettende Regionalliga-Ufer schon weit entfernt, bei Alemannia Aachen ist die Tabellenspitze mit bloßem Auge schon kaum mehr zu erkennen – und das, obwohl das letzte Viertel der Saison noch gespielt werden muss.

Vor dem Derby unterhielt sich mit den Trainern Friedel Henßen und Fuat Kilic unser Redakteur Christoph Pauli.

Herr Henßen, wie überrascht sind Sie, dass Ihre Mannschaft doch von der ersten Sekunde an weitgehend chancenlos in der neuen Umgebung ist?

Henßen: Wir hatten uns schon mehr vorgestellt als sechs Punkte nach 29 Spieltagen. In der Hinrunde haben wir viel Lehrgeld gezahlt, weil wir viel Fußball spielen wollten. In der Regionalliga sind andere Eigenschaften gefordert. Bis wir das verinnerlicht hatten, war die Hälfte der Saison bereits beendet.

Herr Kilic, nach guter Vorbereitung haben Sie im Winter nach Ihrer Amtsübernahme gesagt, dass „Alemannia definitiv die Überraschung der Rückrunde werden könnte“. Warum ist es ganz anders gekommen?

Kilic: Definitiv, ich hatte nach der Vorbereitung ein gutes Gefühl. Das wurde durch die ersten beiden guten Spiele gegen Gladbach II und Oberhausen verstärkt. Was sich dann ereignet hat, war wirklich sehr überraschend. In dieser Form habe ich es auch noch nie erlebt. Einige Spieler sind in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, obwohl sie gesehen haben, dass wir mit einer anderen, offensiveren Art erfolgreich waren. Wir waren nicht mehr so einheitlich unterwegs wie ich es mir gewünscht habe. Es erstaunt mich immer noch, weil es weder der Vorbereitung noch der Trainingsleistung entsprach.

Im Alltag wirkt Ihr Team nicht sonderlich wetterfest. Haben Sie die Qualität falsch eingeschätzt?

Kilic: Die mentale Stärke würde ich heute anders einschätzen. Der eine oder andere ist zu schwankend in seinen Leistungen.

Herr Henßen, gibt es trotzdem positive Entwicklungen in der Mannschaft in den letzten Monaten?

Henßen: Wir haben uns in der Rückrunde deutlich gesteigert. Bis auf die Partie gegen Mönchengladbach waren wir immer gleichwertig, auch wenn sich das in den Ergebnissen nicht widerspiegelt. Wir hätten noch häufiger punkten können, während es in der Hinrunde noch deutliche Niederlagen gab.

Demnach war der Ausflug in der Regionalliga kein überflüssiges Abenteuer?

Henßen: Auf keinen Fall. Der Verein, die Sportler, die Trainer haben viel lernen dürfen. Wir bereuen den Schritt auf keinen Fall.

Für die Mannschaft ist die Klasse eine Nummer zu groß, aber gibt es Spieler, die aus Ihrer Sicht in der 4. Liga mithalten können?

Henßen: Die Spieler gibt es ganz sicher, es muss dann auch in der Mannschaft zusammenpassen. Patrick Nettekoven hat in Oberhausen Regionalliga, Johannes Walbaum in Düsseldorf 3. Liga gespielt. Andere wie Danny Richter haben sich aus der Kreisliga B einen Stammplatz erarbeitet. Fazit: Es gibt schon ein paar Spieler, die in der Regionalliga Fuß fassen könnten.

Herr Kilic, für höhere Ansprüche ist Alemannia aktuell nicht gut genug, gibt es Spieler, die die Qualität für ein Spitzenteam haben?

Kilic: Ganz sicher. Max Rossmann entwickelt sich gut. Jannik Löhden muss noch mehr Verantwortung übernehmen. Tobias Mohr ist auf einem sehr guten Weg, wenn er die Hilfen weiterhin annimmt. Daniel Engelbrecht hat verstanden, was ihm und uns hilft. Das muss er verinnerlichen. Auch Timo Staffeldt und Dennis Dowidat können mehr aus ihren Möglichkeiten herausholen und uns mit ihrer professionellen Einstellung weiterhelfen.

Wachsen die Selbstzweifel auch bei den Trainern, wenn die Erfolge dann ausbleiben? Oder hätte auch Pep Guardiola die Klasse nicht halten können?

Henßen: Wir haben schon gesehen, dass bei vielen Gegnern die Qualität noch höher ist. Aber wir sind zusammen aufgestiegen und jetzt verlieren wir zusammen. Wie auch einzelne Spieler auf dem Platz Fehler machen, hat auch der Trainer Fehler gemacht. Ich würde trotzdem bezweifeln, dass Pep Guardiola die Klasse gehalten hätte (lacht).

Kilic: Selbstzweifel habe ich nie, weil wir auch wissen, wie wir das Team einstellen und wie wir es vorbereiten. Ich weiß, was wir brauchen, wie die Liga funktioniert. Es reicht einfach nicht, nur fußballerisch gut zu sein. Alle Aufsteiger hatten einen großen Teamgeist und eine herausragende Mentalität. Sie funktionieren als Mannschaft, alle haben die gleiche Idee. Niemand schert aus, weil er zum Beispiel nicht pressen und jagen möchte.

Eine ähnliche Analyse hat auch Ihr Vorgänger getroffen. Kann es nicht sein, dass sich einige Spieler am Limit bewegen?

Kilic: Hundertprozentig. Dann muss man offen und ehrlich sagen, dass es nicht passt. Wir bewegen uns in einer Leistungsgesellschaft, in der wir alle liefern müssen. Wenn wir die Ergebnisse nicht bringen, mache ich mich dann irgendwann lächerlich mit zuversichtlichen Ankündigungen.

Wie gehen Sie die nächsten Spieltage an? Holen Sie den Experimentierkasten heraus, weil die Saison ja sportlich gelaufen ist?

Henßen: Derzeit versuchen wir schon die beste Elf aufzubieten. In den nächsten Wochen werden wir dann Spieler, die uns verlassen, gegen andere austauschen, die uns bleiben. Kilic: Wir brauchen noch ein paar Punkte, um uns von der gefährlichen Zone fernzuhalten. Das werden wir konsequent angehen.

Wie planen Sie die nächste Saison?

Henßen: Für die erste Mannschaft sind bereits 18 Spieler unter Vertrag. Die neuen Spieler stammen alle aus dem Verein: vier aus der U 19, einer aus der zweiten Mannschaft. Johannes Walbaum und Dominik Bischoff werden weggehen. Andere Gespräche laufen noch, wir werden sicher in der Mittelrheinliga nicht alle halten können.

Kilic: Ich weiß nicht, welchen finanziellen Rahmen wir in der nächsten Spielzeit haben werden. Davon hängt die Ausrichtung ab. Für mich steht aber fest, dass sich der eine oder andere mit seinem Auftreten bereits herauskatapultiert hat aus unseren Planungen. Wir brauchen definitiv in der nächsten Spielzeit noch mehr Jungens mit Gier und der Mentalität, nach oben zu wollen. Der Mannschaft fehlen einige Typen. Sie zu finden, ist unsere Aufgabe.

Haben Sie eine Fernsicht auf das, was bei Alemannia passiert?

Henßen: Mehr als das, ich bin öfter am Tivoli, bekomme schon einiges mit. Alemannia hat zuletzt eine unerwartet gute Saison gespielt, daraus resultierten dann neue, hohe Aufstiegs-Erwartungen. Wenn ich den Kader durchgehe, sehe ich keinen einzigen Spieler, der Regionalliga-Mittelmaß darstellt. Aber es hat nicht so wie in der letzten Spielzeit zusammengepasst. Und damit spielt man in dieser engen Liga nicht ganz vorne mit.

Wie nehmen Sie Wegberg-Beeck wahr?

Kilic: Sie lassen sich nicht mehr so einfach die Punkte im Vorbeigehen aus der Hand nehmen. Man sieht an den letzten Ergebnissen und Spielverläufen, dass sich die Gegner sehr schwer tun, um sie zu schlagen. Zudem wollen sich ja auch viele Spieler noch empfehlen.

Was passiert am Sonntag?

Henßen: Ich bin zuversichtlich. Unsere Mannschaft hat sich in 2016 gut weiterentwickelt, gerade erst haben wir gegen Lotte bis zur 77. Minute die Partie mindestens offengehalten. Das Team hat einen überragenden Charakter. Als Tabellenletzter ohne große Erfolgserlebnisse geht es Woche für Woche an die Leistungsgrenze.

Kilic: Für Wegberg steht das Spiel des Jahres an.  Wenn wir das nicht als Derby verinnerlichen, wird es schwer.

Wie erleben Sie die Stimmung im Umfeld?

Henßen: Alles ganz ruhig. Wir haben im Vorfeld viele Sachen besprochen, und daran haben sich die Beteiligten, allen voran der Vorsitzende Günter Stroinski auch erinnert, als es nicht lief. Sie alle sehen eine Mannschaft, die sich entwickelt, deswegen gibt es keinen Stress.

Kilic: Es ist sehr schade, dass unsere Fans ein bisschen den Glauben verloren haben. Das schmerzt mich, weil ich mit dem Team Anfang des Jahres viel Hoffnung verbreitet habe und selbst immer vorlebe, was ich von meinen Spielern erwarte. Es ist traurig, dass die Fans bisher zu wenig zurückbekommen haben.

Mögliche Aufstellung:

Wegberg-Beeck: Nettekoven - Simoes Ribeiro, Küppers, Wilms , Karamarko - Wirtz , Kumanini, Walbaum, Lambertz - Berkigt, Dagistan

Alemannia: Kleinheider - Ernst, Rossmann, Löhden, Lünenbach - Staffeldt, Propheter - Rüter , Dowidat, Mohr - Engelbrecht

Schiedsrichter: Jolk (Bergisch Gladbach) Bilanz: 1 Spiel/3:1 für Aachen

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