Aachen - Paralympics: Für Janina Breuer geht es nach Rio

Paralympics: Für Janina Breuer geht es nach Rio

Von: Annika Kasties
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Bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Paralympischen Schwimmen erreichte Janina Breuer zwei erste, drei zweite Plätze und einen dritten Platz – und damit das Ticket für Rio. Foto: Nora Erdmann
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Ein Traum geht in Erfüllung: Janina Breuer fliegt heute nach Rio.

Aachen. Der Moment, als Janina Breuer ihre Leidenschaft fürs Schwimmen entdeckte, hätte bei den meisten Eltern für Schnappatmung und einen kurzen Aussetzer des Herzschlags gesorgt.

Angela Breuer hingegen, Janinas Mutter, muss lachen, wenn sie daran zurückdenkt. An diesen Moment nämlich, als „Nina“, wie sie ihre Tochter nennt, mit gerade einmal drei Jahren das Planschbecken im Spanienurlaub nicht mehr ausreichte und sie kurzerhand in den Pool für Erwachsene sprang – ohne jedoch vorher Schwimmen gelernt zu haben.

Doch das Gefühl fürs Wasser sei ihr wohl angeboren gewesen. Instinktiv habe sie – unter den wachsamen Augen der Eltern – ihre ganz eigene Art gefunden, sich über Wasser zu halten. Janinas „starker Wille“, der sei eben schon mit drei Jahren vorhanden gewesen, sagt ihre Mutter: „Sie war schon damals erst dann glücklich, wenn sie das konnte, was die anderen konnten.“

Die Schwimmtechnik der „anderen“ – im konkreten Fall die des älteren Bruders und der älteren Schwester – hat Janina längst hinter sich gelassen und perfektioniert. Die heute 17-Jährige nimmt als jüngste deutsche Teilnehmerin an den Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro teil. Sie tritt in der Klasse S 14 und damit in der Klasse für Schwimmer mit einer geistigen Behinderung an ( Infokasten).

Wer den Grundstein für Janinas sportliche Karriere sucht, wird im Becken des Aachener Schwimmvereins 06 (ASV) fündig. Als Janina ihre ersten Schwimmversuche im Spanienurlaub machte, war zufälligerweise auch ein Mitglied des ASV dort.

Die Frau überzeugte die Breuers, dass sie die Tochter unbedingt im Schwimmverein anmelden müsse. Beim ASV lernte Janina, wie man sich nicht nur irgendwie über Wasser hält, sondern wie man richtig schwimmt. Das Seepferdchen absolvierte sie in Rückenlage.

Auch wenn Janinas Erinnerungen an ihre ersten Schwimmkurse in Aachen verblasst sind, ist ihre Mutter überzeugt: „Wenn die Trainer in Aachen nicht so geduldig mit ihr gewesen wären, dann würde sie jetzt bestimmt nicht bei den Paralympischen Spielen antreten.“

Wegen ihrer intellektuellen Beeinträchtigung lernt Janina nicht so schnell wie ihre Altersgenossen, sie ist leichter abzulenken. Dass sie irgendwie anders war, hätten einige Kinder sie schon spüren lassen, räumt Angela Breuer ein: „Janina hat immer auch mit Gegenwind zu kämpfen gehabt.“

Von Gegenwind lässt sich Janina jedoch nicht ausbremsen, damals nicht, und heute schon gar nicht. Als die Familie berufsbedingt 2006 von Aachen zunächst nach Berlin, dann nach Karlsruhe zog, zog Janina fleißig weiter ihre Bahnen. Mit Erfolg.

2013 wurde sie in den C-Kader des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) berufen. Schon vor drei Jahren stand für Janina ihr persönliches Ziel fest: die Paralympischen Spiele in Rio. Dafür wechselte sie im vergangenen Herbst zum Berliner Schwimmteam. In der Haupstadt trainiert sie am Olympiastützpunkt und besucht das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin. Janina ist die erste Sportlerin mit geistiger Behinderung in diesem Internat.

Mit dem Wechsel nach Berlin wurde das Ziel Rio für Janina greifbar. „Seit ich nach Berlin umgezogen bin, habe ich gehofft, dass es klappt“, sagt die junge Sportlerin. Vier Jahre länger auf die Paralympischen Spiele in Tokio warten? Das sei ihr zu lang gewesen.

Der Umzug nach Berlin machte sich schnell bezahlt. Ihren bislang größten Erfolg verbuchte Janina bei den diesjährigen Europameisterschaften der Schwimmer mit Handicap im portugiesischen Funchal. Dort sicherte sie sich im Mai die Bronzemedaille über 100 Meter Rücken. Bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften im Paralympischen Schwimmen erreichte sie zwei erste, drei zweite Plätze und einen dritten Platz und löste somit das Ticket für die Paralympischen Spiele in Rio.

Dass ihr Traum nun tatsächlich in Erfüllung geht, konnte Janina lange gar nicht glauben. Wirklich bewusst sei ihr dies erst geworden, als sie mit ihrer Mutter Kleidung für die Paralympics gekauft habe. „Das Schlafen funktioniert nicht so gut“, beschreibt Janina die zunehmende Aufregung kurz vor den Paralympics.

Wirklich ernst wird es am Mittwoch, wenn die 148 deutschen Athleten samt Trainer und Betreuer ins Flugzeug nach Rio steigen. Der Flieger geht am Abend, vorher verabschiedet Bundespräsident Joachim Gauck die deutschen Starter.

Bei Janina gibt es allerdings schon jetzt einen kleinen Wermutstropfen, das räumt sie ein. Die Eröffnungsfeier der Paralympischen Spiele am 7. September werde sie leider verpassen, sagt sie. Weil sie tags darauf bereits über 100 Meter Rücken startet. Und fit dafür sein muss. Insgesamt stehen für Janina vier Starts auf dem Programm. Auch über 200 Meter Freistil, über 100 Brust und über 200 Meter Lagen wird sie antreten.

Chancen auf eine Medaille rechnet sie sich nicht aus. Dafür sei insbesondere die Konkurrenz aus den Niederlanden, Großbritannien und Australien zu groß. Zudem sei ihre Vorbereitung nicht ganz optimal gewesen, da sie krankheitsbedingt einige Pausen im Training gehabt habe.

„Mein Ziel ist es, meine Bestzeiten zu schwimmen und mindestens ein Mal ins Finale zu kommen“, sagt Janina. Über 100 Meter Rücken könne dies gelingen. Da dies jedoch auch ihr erstes Rennen sein wird, müsse man sehen, wie stark sich die Aufregung auf ihre sportliche Leistung auswirke. „Dabei sein ist auch schon toll“, sagt die 17-Jährige. Und außerdem gebe es ja immer noch Tokio in vier Jahren.

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