Ostbelgiens Stolz: Ein kommender Weltmeister?

Von: Klaus Schmidt
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„Ich fühle mich mental ziemlich stark“: Thierry Neuville kennt keine Angst vor großen Namen. Foto: imago/PanoramiC

St.Vith. Eis wie bei der „Monte“. Schnee wie in Schweden. Asphalt vor allem wie in Deutschland, Frankreich, Spanien, da fühlt er sich am wohlsten. Auf Schotter, da könnte es was besser gehen – und nun das: Dritter bei der Rallye Mexiko, erstmals auf dem Podium in der Weltmeisterschaft, der vorläufige Höhepunkt der Karriere nach Rang vier vor einem Jahr in Frankreich.

Thierry Neuville hatte vielleicht darauf gehofft, aber zu erwarten war dieser Paukenschlag am vergangenen Wochenende in Mittelamerika nicht. „Ich bin sehr glücklich, es ist ein fantastisches Resultat“, und wenn man den Worten des 24-Jährigen lauscht, dann ist er gerade im Begriff, die Fahnenstange hochzuklettern. Mit dem logischen Ende, Weltmeister zu werden. „Das ist das Ziel.“

Neuville lebt noch heute dort, wo er aufgewachsen ist, im ostbelgischen St. Vith. Nach Spa-Francorchamps sind es gerade mal zehn Minuten, doch die Rundstrecke „war nie ein Thema. Rallyes haben mich immer mehr interessiert, die Abwechslung, die Variationen.“ Nicht die großen, legendären Fahrer wie Björn Waldegard, Walter Röhrl, Carlos Sainz oder Tommi Mäkinen, „ich kenne deren Geschichte nicht. Ich habe Poster von den Fahrzeugen gesammelt.“ Auffallend oft hingen Opel an der Wand, der Vater hatte seine Vorliebe für die Marke vererbt und die Begeisterung für Autocross und Rallye weitergegeben.

Vielleicht wäre aus Thierry auch ein passabler Fußballer geworden, „da war ich gar nicht so schlecht“, doch mit 14 war wegen Knieproblemen Schluss. Freunde nahmen ihn mit zum Autocross, als 17-Jähriger fuhr Neuville seine ersten Rennen in der südwestdeutschen Meisterschaft, „hier und da gab es ein paar Erfolge. Ich habe mich gut amüsiert und viel gelernt.“ Auf eigene Rechnung, Ende 2007 kaufte er sein erstes Rallye-Auto, einen Opel Corsa. Und gewann einen Sichtungswettbewerb von belgischem Motorsportverband und Ford unter 120 Jugendlichen.

2008 fuhr Thierry Neuville in einem Ford Fiesta die belgische Meisterschaft und wurde am Ende Dritter. 2009 ging es dann „richtig nach vorne“ mit dem WM-Debüt in einem Citroën C2 bei der Rallye Katalonien. Im Oktober gab der gelernte CNC-Dreher und -Fräser seine Arbeit in Luxemburg auf, seitdem ist er als Rallye-Profi unterwegs.

Nach einer schwierigen Saison 2010 mit gleich zwei internationalen Programmen – Junioren-WM im Citroën und IRC (Intercontinental Rally Challenge, Unterbau der WRC/World Rally Championship) im Peugeot 207 – konzen-trierte sich Neuville auf die IRC. Und schrieb mit seinem neuen Beifahrer Nicolas Gilsoul, der aus der Nähe von Verviers stammt, Geschichte: Sieg bei der Korsika-Rallye und jüngster Gewinner eines IRC-Laufs. Das Duo triumphierte bei einem zweiten Klassiker, der San Remo. „Meine beste Saison“, mit Titelchancen bis zum Schluss, bevor auf Zypern die Lichtmaschine den Dienst quittierte.

Im vergangenen Jahr bestritt Neuville für Citroën seine erste komplette WM-Saison, 13 Läufe, beachtlicher Siebter im Endklassement. „Hier und da haben mich eigene Fehler was gekostet“, er sei manchmal zu ungeduldig, wollte „zu schnell zu gut sein“. Ernsthafte Verletzungen hat Neuville noch nicht davongetragen, er klopft auf Holz. Die an der Felge verbrannten Finger, beim Versuch, den auf Sardinien havarierten Wagen wieder auf die Räder zu stellen, sind kaum der Rede wert. „Wenn man die Videos sieht – das ist spektakulär, bekommt man im Auto aber gar nicht so mit.“

Zwei Rallyes mit schlechtem Ende sind dennoch haften geblieben. „Finnland war der Tiefpunkt. Da musst du richtig Erfahrung haben, um vorne mitzufahren.“ In einer Haarnadel rechts war Schluss: Die Kardanwelle gab Geräusche von sich, so laut, dass sie den Bordfunk übertönten. „Ich konnte meinen Co-Piloten nicht verstehen. Als er die Ansage wiederholte, war es zu spät – wir überschlugen uns und landeten im Graben.“

Eine Rechts, aber nicht 150 voll . . .

Nie geklärt wurde, wie der Aufschrieb ins „Gebetbuch“ der Deutschland-Rallye gelangen konnte. Neuville und Gilsoul lagen bei der Jagd, die teilweise mit 200 Sachen durch Weinberge führt, auf dem zweiten Platz hinter dem neunmaligen Rekord-Weltmeister Sébastien Loeb, eine „Rechts 150 voll“ war angekündigt. „Rechts“ stimmte wohl, „150 voll“ nicht. „Wir sind in die Bäume gefahren. Bäume sind das Schlimmste, sie bewegen sich nun mal nicht. Du wirst im Bruchteil einer Sekunde auf Null gebremst.“

Dass dieser junge Mann, den man nicht unbedingt auf Anhieb für einen Rallye-Fahrer halten würde, das Zeug zu Höherem mitbringt, hatten sie bei Citroën schnell erkannt. Thierry Neuville sollte im DS3 als Loeb-Nachfolger aufgebaut werden, „das war der Plan“. Der Franzose zieht sich auf Raten zurück und bestreitet in diesem Jahr nur noch vier Läufe. Allerdings hätte Neuville nicht die komplette Saison fahren sollen, sieben, vielleicht neun Mal. „Ich wollte aber perfekte Bedingungen“. Die bot ihm das Qatar M-Sport-Team, Dakar-Sieger Nasser Al-Attiyah war der Fürsprecher, und so steuert Neuville nun einen Ford Fiesta RS WRC. 1,6 Liter, Vierzylinder-Turbo, gut 300 PS stark, 1200 Kilo schwer. Ford ist zwar werksseitig ausgestiegen, „doch ehrlich gesagt merkt man das kaum“. Die früheren „Monster“ wie Audi quattro, die allenfalls 1000 Kilo wogen, doch mehr als 600 PS entwickelten, „würde ich heute gerne mal fahren – aber nur, um einen Vergleich zu haben. Diese Autos waren gefährlich, deshalb sind sie ja auch verboten worden.“

Beim Saisonauftakt in Monte Carlo legte Thierry Neuville im Shakedown die Bestzeit hin, schied mit defekter Radaufhängung aus. In Schweden wurde er Fünfter, sein bestes Ergebnis bei einer Schnee-Rallye samt Auszeichnung: Mit 35 Metern legte er den weitesten Sprung hin und nahm den „Colin’s Crest Award“ mit nach Hause, benannt nach Colin McRae. Der schottische Weltmeister von 1995 hatte die Kuppe als Erster unter Vollgas bewältigt.

In Mexiko, wo Neuville vor einem Jahr seine erste Bestzeit in einer Wertungsprüfung gefahren war, hat er nun eine neue Marke gesetzt. Er denkt, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft „schon stolz auf mich ist“, sein Fanclub hat sogar Thierry-Neuville-Pralinen im Angebot. In der WM-Gesamtwertung ist der 24-Jährige aktuell Sechster, er arbeitet daran, seine Ungeduld zu zähmen, konstanter zu werden und sichere Punkte mitzunehmen, statt zu viel aufs Spiel zu setzen. „Ich fühle mich mental ziemlich stark. Jetzt hängt’s an mir.“ Das mit dem Weltmeister.

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