Olympia: Wenn weniger als ein Wimpernschlag entscheidet

Von: Annika Kasties
Letzte Aktualisierung:
12593289.jpg
Eine exakte Wissenschaft: Bei den olympischen Spielen richtet sich das Augenmerk auf rund 10.000 Athleten. Im Hintergrund sorgen Zeitmesser dafür, dass die Medaillengewinner auch wirklich die schnellsten waren, zum Beispiel anhand von Zielfotos . Foto: Omega, Annika Kasties (3), dpa
12593291.jpg
Eine exakte Wissenschaft: Bei den olympischen Spielen richtet sich das Augenmerk auf rund 10 000 Athleten. Im Hintergrund sorgen Zeitmesser dafür, dass die Medaillengewinner auch wirklich die schnellsten waren, zum Beispiel anhand von Zielfotos. Foto: Omega, Annika Kasties (3), dpa
12593285.jpg
Eine exakte Wissenschaft: Bei den olympischen Spielen richtet sich das Augenmerk auf rund 10.000 Athleten. Im Hintergrund sorgen Zeitmesser dafür, dass die Medaillengewinner auch wirklich die schnellsten waren.
12593175.jpg
Timekeeping-Chef Alain Zobrist: Für den gelernten Ökonom sind die Olympischen Spiele Routine geworden.
12593348.jpg
Lange erinnerten die Startpistolen an Revolver aus alten Western. Das Problem: Läufer, die weitab von der Pistole starteten, bekamen den Knall erst später mit als ihre Konkurrenten. Deshalb wurde die Pistole 2010 durch eine elektronische ersetzt (siehe Infobox) – die am Flughafen auch für weniger Irritationen sorgt.
12601474.jpg
Die ersten Daten, die den Zeitmessern beim 100-Meter-Lauf vorliegen, sind die Reaktionszeiten der Sportler. Diese wird durch Sensoren im elektronischen Startblock gemessen. Das System signalisiert einen Fehlstart, sobald es eine Reaktionszeit von weniger als 100 Millisekunden misst.
12601315.jpg
Die Schwimmer sind die einzigen Sportler bei den Olympischen Spielen, die ihre Leistung selbst messen. Indem sie mit der Hand gegen ein Touchpad drücken, das am Beckenrand angebracht ist, stoppen sie die Zeit. Benötigt wird eine Kraft von 1,5 bis 2,5 Kilogramm.
12593357.jpg
In der Leichtathletik gibt das Zielfoto die offizielle Zeit an. Zwei Fotofinish-Kameras sind an jeder Seite der Ziellinie positioniert. Sie nehmen von den ersten fünf Millimetern hinter der Ziellinie jeweils 10 000 Bilder pro Sekunde auf. Ein Rennen, das nur durch die Zielfotografie ermittelt werden kann, wird Fotofinish genannt.
12593358.jpg
Die Glocke gehört zu den traditionellen Hilfsmitteln, die auch heute noch bei den Olympischen Spielen genutzt werden. Sie läutet die letzte Runde bei Wettkämpfen ein. Sie werden für alle Spiele gesondert hergestellt, mit dem Namen des Austragungsortes. Für Rio existieren 20 Glocken.

Corgémont. Die Aufnahme wirkt etwas unscharf, die Arme stehen nach hinten vom Körper ab wie bei einem Skispringer und ein freundliches Lächeln sieht auch anders aus. Es ist kein Bild, mit dem man sich auf eine neue Stelle bewerben würde, es ist fast schon gespenstisch. Und doch gehört es vermutlich zu den wertvollsten Aufnahmen, die der englische Sprinter Mark Lewis-Francis von sich besitzt, weil das Foto nämlich den Beweis dafür liefert, dass er vor sechs Jahren bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Barcelona beim Finale über 100 Meter als zweitschnellster Sprinter ins Ziel lief.

Ein eindeutiges Rennen sei das ganz und gar nicht gewesen, zumindest nicht für das bloße Auge, betont Alain Zobrist, Geschäftsführer von Swiss Timing und damit nicht nur verantwortlich für die Zeitmessung bei den Leichtathletik-Europameisterschaften, sondern auch bei den Olympischen Spielen.

Leichtathletik-Fans dürften sich an das dramatische Rennen in Barcelona erinnern: Hinter Europameister Christophe Lemaitre hatten vier Männer scheinbar zur gleichen Zeit die Ziellinie überquert. Die Zeitangabe durch die Lichtschranke an der Ziellinie bewies, was das Auge suggerierte. Nach 10,18 Sekunden überquerten die Männer das Ziel, auf die Hundertstelsekunde zur gleichen Zeit. Dass am Ende Lewis-Francis und Martial Mbandjock das Siegertreppchen mit dem Franzosen Lemaitre teilen durften, ist der unvorteilhaften Aufnahme an der Ziellinie zu verdanken, dem Zielfoto.

Es war ein knappes Rennen. Das konnten die Zuschauer vor Ort und vor dem Fernseher beobachten. Was sie nicht sahen, war, wie zwei Männer – ein Zeitmesser und ein Kampfrichter – unmittelbar nach dem Zieleinlauf der Sprinter an einem Computer saßen und am Bildschirm senkrechte Linien auf Fotos zogen. Die Linien markieren, wann die Athleten, genauer gesagt der vorderste Punkt ihres Torsos, die Ziellinie überqueren.

480 sogenannte Zeitmesser sind vor Ort, wenn am 5. August die Olympischen Spiele in Rio eröffnet werden. 450 Tonnen Materialien transportieren sie von der Schweiz über den Atlantik, darunter 200 Kilometer Kabel und Lichtleitfaser. Unterstützt werden die Experten in Brasilien von 850 ausgebildeten Freiwilligen.

Die Zuschauer bekommen von dem Gewusel abseits der großen Rekorde und sportlichen Höhepunkte kaum etwas mit. Sie sehen auf Leinwänden und im Fernsehen Zwischenstände, Rangfolgen und Bestzeiten, wo Zeitmesser Fotozellen, Touchpads und Fehlstart-Sensoren sehen. Und das individuell zugeschnitten auf jede einzelne Sportart und Disziplin.

So ist es in Rio und so war es auch schon in Barcelona. Wenn die Leichtathleten ab dem 12. August bei den Olympischen Sommerspielen an den Start gehen, dann nehmen Fotofinish-Kameras von den ersten fünf Millimetern der Ziellinie 10.000 Fotos pro Sekunde auf. Die Bilder erscheinen auf dem Bildschirm der Zeitmesser. Anhand dieser Aufnahme ermittelt der Zeitmesser unter Aufsicht eines Kampfrichters, in welcher Reihenfolge die Sprinter das Ziel erreichen. In Barcelona waren es dann schließlich nur Tausendstelsekunden, die den Unterschied zwischen Silber und Bronze ausmachten. Weniger als ein Wimpernschlag.

Für ungeübte Hände ist das manuelle Setzen der Linien eine ganz schöne Frickelsarbeit. Für geübte Zeitmesser ist es Routine im Schnellverfahren. Die schnellsten drei Athleten versuchen sie innerhalb von 15 Sekunden zu ermitteln, erklärt Zobrist. „Stellen Sie sich vor, dass Millionen Zuschauer auf das Ergebnis warten, und Sie wissen: Sobald Sie auf der Tastatur auf Enter drücken, gibt es kein Zurück mehr. Denn dann gehen die Daten sofort in die ganze Welt.“ Ganz schön viel Druck. Doch damit kennt sich Zobrist aus.

Seit November 2014 steht der 33-Jährige an der Spitze von Swiss Timing, und ist somit für den Schweizer Uhrenhersteller Omega in Rio de Janeiro bei den Olympischen Sommerspielen im Einsatz. Seine Aufgabe: dafür sorgen, dass die Sportler, die am Ende des Tages stolz ihre Medaille hochhalten, in ihren Disziplinen auch wirklich die besten waren. Vor zehn Jahren begleitete Zobrist seine ersten Olympischen Spiele, wenn auch damals noch nicht als Timekeeping-Chef. Er weiß also, wie hektisch es hinter den Kulissen des Großevents zugeht, wenn sich gut 10.000 Athleten aus 206 Ländern innerhalb von zwei Wochen miteinander messen.

1932 war Omega erstmals für die Zeitmessung bei den Olympischen Spielen verantwortlich. Damals reiste ein Zeitmesser nach Los Angeles, mit dem Schiff und 30 Stoppuhren im Gepäck. Gemessen wurde noch per Hand, mit sanftem Druck auf den Stoppknopf. Seitdem hat sich viel verändert.

Das Unternehmen mit Sitz in Corgémont, etwa zehn Kilometer nordwestlich von Biel, misst in Rio die Wettkämpfe in 28 Disziplinen. Das entspricht 28 unterschiedlichen Systemen. „Für jede Sportart brauchen wir personalisierte Geräte, die sich nach den spezifischen Eigenarten des Sports richten“, erklärt Zobrist. „Das ist so, als würde man 28 Weltmeisterschaften innerhalb von zwei Wochen organisieren.“

Entsprechend aufwendig ist die Vorbereitung. Seit drei Jahren befindet sich ein Team von 15 Zeitmessern in Rio. Sie waren schon beim Bau der Stadien involviert. Die lange Saison der Generalproben begann bereits ein Jahr vor der Eröffnungsfeier. Dabei wurde jede Sportart in jedem Stadion getestet.

Das letzte Testevent – Leichtathletik – fand vor knapp einem Monat statt. Und während die ganze Welt auf Rio blickt, ist das Team von Zobrist schon einen Schritt weiter. Drei Zeitmesser sind bereits jetzt im südkoreanischen Pyeongchang, wo 2018 die Olympischen Winterspiele stattfinden.

In Rio ist dieses Mal auch Golf im Programm, das erstmals seit 112 Jahren wieder olympisch ist. Dafür entwickelte Omega neue Anzeigetafeln, auf denen die Zuschauer in Echtzeit unter anderem Informationen über den Abschlag der Golfer – zum Beispiel über den Winkel und die Länge des Schlages – sehen können. „Das Besondere daran ist, dass alles live ist. Das ist beim Golf erstmals so“, sagt Zobrist.

Der Stellenwert der Liveübertragung hat in den vergangenen Jahren bei den Olympischen Spielen zugenommen. „Der Zuschauer will nicht nur wissen, was passiert, sondern auch, wie es dazu gekommen ist.“ Die komplexeste Sportart im Sinne der Zeitmessung sei laut dem Timekeeping-Chef übrigens die Leichtathletik. Wenn Athleten Kugeln stoßen, Runden laufen und über Hürden springen, sind die Experten besonders gefordert, denn dann findet vieles gleichzeitig statt. „Mit 40 Personen ist das deshalb auch unser größtes Team“, so Zobrist.

Und welche Sportart verfolgt Zobrist am liebsten bei den Olympischen Spielen? Auf eine einzelne Disziplin möchte sich der gelernte Ökonom lieber nicht festlegen. Als Chef der Zeitmessung bleibt er diplomatisch. Das Gesamterlebnis zähle, schließlich sind die Zeitmesser besonders nah an den Teilnehmern dran, an ihren sportlichen Erfolgen und ihren Misserfolgen. „Das Schönste sind immer die Emotionen der Athleten.“

Und um diese Emotionen technisch erfassen zu können, gibt es bislang auch bei Omega noch kein entsprechendes System.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert