Nur Gladbachs allerletzte Pointe misslingt

Von: Bernd Schneiders
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Kopfball ins Glück: Patrick Herrmann rettet Borussia einen Punkt gegen Bayer Leverkusen. Foto: Dieter Wiechmann

Mönchengladbach. Natürlich ist das nicht wirklich so passiert: Am Sonntagmorgen schlichen Luuk de Jong und Juan Arango mit hängenden Köpfen zur Trainerkabine, klopften und entschuldigten sich nach dem „Entrée!“ bei Lucien Favre. Nicht dafür, dass die Mönchengladbacher am Tag zuvor nur 3:3 gegen Bayer Leverkusen gespielt hatten. Sie bereuten ihre Co-Produktion beim 2:1 (58.). Der Venezolaner hatte eine gefühlvolle Flanke geschlagen, der Niederländer nonchalant eingeköpft – so einfach kann Fußball sein. Und effektiv.

Doch Mönchengladbachs Trainer goutiert solche unpreziösen Treffer nur halbherzig. „Wir können nicht immer durch Flanken Tore machen“, lautete der Einwand des Schweizers. Aber auch die Wiederholung der zwei weiteren Tore dürfte nicht sonderlich leicht fallen. Spätestens ab Aschermittwoch. Denn selbst Lucien Favre umschrieb die 93 Minuten im Borussia-Park als „Karneval“. Bei dieser sportlichen Sitzung sorgten seine Spieler dabei für zwei Pointen. Den größten Lacher bei den meisten der 46 010 Zuschauer gab es kurz vor der Pause. Borussia hatte es geschafft, nicht einmal gefährlich vors Leverkusener Tor zu kommen, stattdessen über Gebühr aber ungestraft ihr Glück strapaziert. Acht Bayer-Eckstöße, ein nicht geahndetes Foul von Martin Stranzl im 16er an Stefan Kießling, ein zu Unrecht wegen Abseits annulliertes Tor von André Schürrle und etliche Großchancen, die Torhüter Marc-André ter Stegen zunichte gemacht hatte: Das war die Quelle, aus der sich die anschwellende Heiterkeit des Publikums speiste, als Phillip Wollscheid unbedrängt und recht nahe der Mittellinie den Ball ins Toraus köpfte.

Stranzl als Regel-Vollstrecker

Es steckte aber nicht nur Ironie hinter diesem lauten Humor. Zigtausend Beobachter hatten wenige Sekunden vor dem Halbzeitpfiff eine Ahnung: Der Ball würde bei Gladbachs erster Ecke reingehen. Martin Stranzl hieß der Vollstrecker dieser Fußball-Weisheit. „Einleiter“ Wollscheid durfte erneut die Opferrolle spielen, er wurde beim Kopf-Schulter-Ball Stranzls vom Österreicher weggewuchtet – 1:0 für die offensiven „Nichtsnutze“ aus Mönchengladbach.

Pointe Nummer zwei kam ebenfalls spät, in der 86. Minute einer nach der Pause turbulenteren Halbzeit. Fast schien es, als würde die immer noch bessere Mannschaft Versöhnung feiern mit der Fußball-Gerechtigkeit. Nach dem zweifachen Ausgleich, erst durch Sidney Sam (52.), dann nach der erneuten Gladbacher Führung (de Jong/58.) durch Kießling (60.) hatte Schürrle das 3:2 für das Bayer-Ensemble besorgt. Doch als die Borussen-Fans sich schon fast damit abgefunden hatten, dass die verbesserten Hausherren zu einem letzten Aufbäumen nicht mehr fähig waren, gelang doch noch der erneute Ausgleich: Roel Brouwers köpfte einen Arango-Freistoß Richtung Torlinie, Patrick Herrmann drückte den Ball mit der Stirn endgültig in die Maschen. Die finale Pointe verdarb eine Verletzung des eingewechselten Branimir Hrgota. Der Schwede musste draußen bleiben, Favres Einwechselkontigent aber war erschöpft. Mit zehn Mann mussten sich die Gladbacher Narren den 4:3-Tusch verkneifen.

„Das Verteidigen der hohen Bälle war schlecht bei uns“, kritisierte Bayer-Coach Sascha Lewandowski. Drei Kopfball-Gegentore versalzten die fußballerische Gala der Gäste. „Es macht Spaß, unserer Mannschaft zuzuschauen – auch wenn es weh tut“, urteilte Sportchef Rudi Völler. Das Spiel der Gladbacher kann Lucien Favre keinen Spaß machen. Gegen den ersten spielstarken Gegner des Jahres 2013 schafften seine Spieler es in der ersten Halbzeit nicht einmal, sich bis in den gegnerischen Strafraum durchzukombinieren. „Wenn du nicht beim Gegner bist und die Bälle verlierst“, beschrieb der Schweizer Trainer die Diskrepanz zwischen Plan und Wirklichkeit. Doch die gebetsmühlenartig vorgetragene Kritik an der Ballan- und -mitnahme seiner Schüler greift zu kurz. Borussias defensive Stabilität und offensive Harmlosigkeit manifestiert sich in zwei Symptomen: hinten immer in Überzahl, vorne (fast) immer in Unterzahl. Damit fehlen in der Vorwärtsbewegung die Anspielstationen, das Tiki-Taka läuft leer und bewegt sich sinnentleert immer mehr in die falsche Richtung. Und wird die Kombinationskette hier vom Gegner unterbrochen, ist der Weg bis zum Borussen-Tor nur noch gefährlich kurz. „Es wird oft gesagt, wir stecken in einem Lernprozess. Aber wir müssen auch mal einen Schritt vorwärts kommen“, fordert Martin Stranzl. „Wenn man sich die Spielanlage unserer Mannschaft anguckt, dann muss man das besser machen.“

„Wenn wir nicht top-verteidigen, haben wir Probleme“, sagt Favre. Wenn der Spielstand allerdings strukturiertes Offensivspiel erzwingt, wie in Halbzeit 2, stoßen die Gladbacher gegen Kaliber wie Bayer Leverkusen auch an ihre taktischen Grenzen. Da helfen zur Zeit nur Standards, ungeliebte Flanken oder – Karneval.

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