Aachen - Nationenpreis: Deutschland siegt im Soerser Abendrot

Nationenpreis: Deutschland siegt im Soerser Abendrot

Von: Helga Raue und Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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So „explodiert“ ein Westfale: Marcus Ehning bejubelt seine Doppel-Null-Leistung, die Teil des Nationenpreis-Sieges wurde. Foto: Birkenstock

Aachen. Zuweilen ist das größte Reitstadion der Welt ein Ort der Ruhe. Die Zuschauer halten gebannt den Atem an, fiebern mit dem Reiter, und wer die Stille kurz durchbricht, wird sofort ermahnt: „Psssst.“ Es wirkt wie ein Experiment: Wie ruhig und diszipliniert können sich etwa 40000 Fans verhalten?

Solche Abendverstanstaltungen in der Soers haben nicht nur ihr eigenes Flair, sondern auch ihr eigenes Drehbuch. Vorhersagen sind beim Mercedes-Benz-Nationenpreis schwierig, außer: Deutschland steht am Ende nicht auf dem Siegertreppchen ganz oben seitdem Otto Becker das Amt des Bundestrainers 2009 übernommen hat. Bislang.

Am Donnerstagabend lief in der Soers wieder so Experiment, was es in dieser Form in der Reitsportszene nur in Aachen gibt. Und als dann alle Emotionen wieder zugelassen waren, wurde Beckers Team bejubelt. Deutschland gewann ohne Fehler die Generalprobe für die Olympischen Spiele in Rio, wo am 17. August die Medaillen in der Nationenwertung vergeben werden. Die USA und Frankreich (je 4) landeten gemeinsam auf dem zweiten Platz. „Wir waren mal wieder dran“, jubelte Marcus Ehing, der zwei Mal Null geritten war. „Das war eine super konstante Mannschaftsleistung.“

Parcourschef Frank Rothenberger hatte einen fairen, aber unspektakulären Kurs ausgetüftelt, den die Hälfte aller 32 Reiter fehlerfrei im ersten Durchgang absolvieren. Die Fehler verteilten sich ziemlich gleichmäßig auf die 15 Sprünge. Als zur Halbzeit bilanziert wurde, war entschieden: Nichts! Die Spannungsregler wurde hochgezogen.

Schweiz früh abgeschlagen

Nur drei der acht Teams mussten nach dem ersten Umlauf ihre Hoffnungen dimmen. Die Schweiz um Olympiasieger Steve Guerdat und die Nachbarn aus den Niederlanden waren mit ihren 13 Fehlerpunkten bereits abgeschlagen, und auch die Chancen der Kanadier waren mit acht Fehlerpunkten deutlich gesunken.

Vorne lagen die USA und Deutschland makellos nach dem ersten Akt. McLain Ward, Lucy Davis und Laura Kraut legten so souveräne Runden vor, dass Elizabeth Madden ihren Cortes erst gar nicht satteln musste.

Die deutsche Equipe musste mehr kämpfen. Christian Ahlmann auf Epleaser unterlief als Startreiter ein Flüchtigkeitsfehler in der dreifachen Kombination. „Man kann in Aachen einen großen Teil dazu beitragen, sich einen Platz im Team zu sichern – oder ihn zu verlieren. Deswegen ist es extrem wichtig, hier gut zu sein“, hatte er vorher gesagt.

Die drei Teamkollegen sorgten dafür, dass der Auftaktritt gestrichen werden konnte. Ehning auf Pret A Tout, Meredith Michaels-Beerbaum auf Fibonacci und am Ende Altmeister Ludger Beerbaum auf Casello verließen den Parcours strahlend – und fehlerfrei. „Wir sind auf einem guten Weg, haben uns als Team stark präsentiert“, bilanzierte Otto Becker. Den gemeinsamen dritten Platz teilten sich die Teams von Großbritannien, Belgien und Frankreich mit je vier Strafpunkten nach dem ersten Durchgang.

Der Himmel ballte einen Haufen Wolken zusammen, aber es blieb bei der Drohgebärde, im herrlichen Abendrot ging der Wettkampf weiter. Rothenberger erhöhte im zweiten Durchgang fast die Hälfte der Oxer und Steilsprünge, mit den Hindernissen stieg die Spannung. Das deutsch-amerikanische Duell spitzte sich zu. MacLain Ward sammelte die ersten zwölf Fehler für seine Equipe ein, während die Kollegin Lucy Davis partout keinen Fehler an diesem Abend machen wollte.

Die Deutschen beendeten jeweils die Durchgänge, und sie machten das auf ausgesuchte Art. Christian Ahlmann ließ die Stange am letzten Hindernis ein bisschen tanzen, Marcus Ehning touchierte das Begrenzungsband am Wassergraben – sie hatten Glück. Beide Reiter beendeten ihre Runden ohne Fehler, der langersehnte deutsche Sieg rückte näher.

Laura Kraut hielt dagegen, die US-Amazone blieb ohne Abwurf. Der Konter von Michaels-Beerbaum war eindrucksvoll. An diesem Abend konnte das Paar niemand aufhalten. Der sechste fehlerfreie Ritt der Deutschen in Folge. Der Druck auf Madden nahm zu. Die Amerikanerin durfte sich nicht den kleinsten Zeitfehler erlauben, die Hoffnungen fielen ins Wasser, und hinten am Abreiteplatz fielen sie Becker um den Hals. Ludger Beerbaum gönnte sich als Letzter noch einen kleinen Ausritt an einem großen deutschen Abend. Natürlich fehlerfrei.

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