„Müssen die besseren Lösungen haben”

Von: Franz Sistemich
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Dürens Routinier Ilja Wiederschein hört auf. Foto: imago/mika

Düren. Seit dem radikalen Umbruch nach der vergangenen Saison ist Ilja Wiederschein der dienstälteste Akteur: Seit sechs Jahren zieht der Zuspieler das Angriffsspiel des Volleyball-Bundesligisten Evivo Düren auf. Am Sonntag bestreitet der 32-Jährige im Gerry-Weber-Stadion im westfälischen Halle gegen Titelverteidiger Generali Haching sein fünftes Pokalfinale.

Wann haben Sie am Abend des 30. Dezembers an einen Sieg im Halbfinale über den VfB Friedrichshafen geglaubt? Erst nach dem letzten Ballwechsel, der zum 3:1 und dem Einzug ins Finale führte?

Wiederschein: Nein. Nachdem wir den zweiten Satz mit 12:25 mehr als deutlich verloren hatten, sind wir eindrucksvoll im dritten Abschnitt zurückgekommen. Im vierten Abschnitt haben wir dem Druck des Rekordpokalsiegers auf hohem Niveau stand gehalten. Je mehr wir gegenhielten, um so mehr glaubten wir an unseren Finaleinzug. Und beim VfB schwand eben dieser Glaube, zumal die Mannschaft von Stelian Moculescu genau ein Jahr zuvor ebenfalls mit 1:3 an Generali Haching gescheitert war.

Zuvor hatte Evivo den SCC Berlin ausgeschaltet. Wer diese beiden Teams aus dem Pokal wirft, ist auch gegen Haching Favorit?

Wiederschein: Gegen Berlin haben wir in der Vergangenheit oft gut ausgesehen. Und den VfB schlägst du nur ein- oder zweimal im Jahr, wenn alles passt. Wir stehen zwar zurecht im Finale, das haben wir uns verdient, aber wir sind keineswegs der Favorit.

Hätten Sie Ihrem neuen Team diesen Finaleinzug zugetraut?

Wiederschein: Mit ein wenig Losglück kannst du ja im Pokal immer weit kommen. 2008 hatten wir eben dieses Glück. Interessanter ist die Frage nach dem Zutrauen mit Blick auf die Meisterschaft. Und da sage ich: Ich traue unserer Mannschaft den Halbfinaleinzug zu.

Warum?

Wiederschein: Die Luft war raus bei der alten Mannschaft, weil die Spieler schon zu lange zusammen waren, weil nach den drei Vizemeisterschaften zwischen 2005 und 2007 klar war: Der große Wurf gelingt nicht. Der zweite Platz im Pokalwettbewerb 2008 übertünchte einiges. Platz 6 in der vergangenen Saison kam nicht überraschend. Deshalb musste der Umbruch erfolgen. Und Evivo verpflichtete Spieler, deren Namen nicht nur Qualität versprach, sonder auch hielt, Spieler, die charakterlich einwandfrei sind.

Und die Spieler, die blieben...

Wiederschein: ...wollten zeigen, dass sie besser sind, als die vergangene Saison vermuten ließ.

Aufmerksame Beobachter sagen, dass der Routinier Wiederschein wieder sichtlich Spaß an seiner Sportart hat.

Wiederschein: Ja, es macht wieder Spaß. Irgendwann habe ich mir in der vergangenen Saison die Frage gestellt: Du bist verheiratet, bist Vater, arbeitest 30 Stunden in der Woche als Informatikkaufmann, trainierst sechsmal, spielst an den Wochenenden. Willst du überhaupt weiterspielen? Als die Verantwortlichen von Evivo Düren mich über ihre Pläne informierten, war mir klar: Ich bin dabei! Und die Saison hat sich doch bisher gut angelassen.

Wie würden Sie das neue Evivo-Team denn charakterisieren?

Wiederschein: Es ist jung und hungrig nach Erfolg und besitzt einen sehr starken Willen.

Könnte die Jugend Evivos ein Nachteil sein gegenüber dem mit deutschen Nationalspielern gespickten Team des Titelverteidigers?

Wiederschein: Das glaube ich nicht. Wir haben einige sehr junge Spieler im Team. Da kann ein Ausrutscher wie in Bottrop passieren. Auch haben noch nicht so viele unserer Jungs in einem Finale gestanden, aber am Sonntag entscheiden ganz andere Faktoren über Sieg und Niederlage.

Ein Beispiel bitte!

Wiederschein: Haching ist ein kompaktes Team. Das darfst du nicht ins Spiel kommen lassen. Also musst du es mit den Aufschlägen unter Druck setzen, ihm konsequent Paroli bieten. Wenn wir das hundertprozentig umsetzen können, wenn die Block- und Feldabwehr greift, wenn wir an diesem Tag die besseren Lösungen haben, dann können wir Evivos ersten Titel gewinnen.

Im Gegensatz zu Evivo spielt der Pokalsieger aus Oberbayern aber eine konstantere Saison, erlaubt es sich keine Ausreißer wie Düren bei Aufsteiger Bottrop.

Wiederschein: Das stimmt schon, aber wir haben immer wieder gezeigt, dass wir uns im Spiel aus einem Tal herausarbeiten können.

Dass Ihr Team Haching in der Meisterschaft zweimal besiegt hat, könnte psychologisch von Vorteil sein?

Wiederschein: Vielleicht im fünften Satz. Denn wir habenja zweimal in diesem entscheidenden Abschnitt gesiegt. Ansonsten gilt mein Satz von der besseren Tagesform und den besseren Lösungen.

Es wäre Ihr sechster Erfolg nach ein einer Deutschen Meisterschaft und vier Pokalsiegen mit dem VfB bzw. SCC Berlin...

Wiederschein: Ja, und da muss ich schmunzeln, denn als sich vor sechs Jahren von Friedrichshafen nach Düren wechselte, war mein Ziel, mit Evivo einen Titel zu gewinnen. Vielleicht ist es ja meine letzte Chance. Aber wir dürfen uns nicht zu sehr auf den Titelgewinn fokussieren, sonst stehen wir wie 2008 nur als Zweiter da.

Halle/Westfalen hat sich zum Berlin der Volleyballer entwickelt. Stört Sie dieser Vergleich mit dem Pokalfinale der Fußballer?

Wiederschein: Nein, 11.000 Volleyball-Fans sind ja mit 80.000 Fans der Sportart Nummer 1 zu vergleichen. In diesem beeindruckenden Gerry-Weber-Stadion herrscht eine sensationelle Gänsehaut-Atmosphäre, die man nicht oft genug erleben kann. An den Fußballern stört mich nur, dass sie jammern, wenn sie nach einem Donnerstagspiel samstags wieder antreten müssen. Ich würde freitags arbeiten und in der Nacht noch meinen Sohn füttern.
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