Monschau ist für Kanuten das Paris-Roubaix

Von: Guido Jansen
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Spektakulärer Ritt über die Stromschnellen: Das traditionelle Wildwasser-Rennen auf der Rur in Monschau bot Kanu-Sport der Extra-Klasse vor malerischer Kulisse. Foto: Guido Jansen
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Ole Schmetzer (links) und Philip Hamann präparieren ihr Boot mit einer Schutzschicht. Foto: Guido Jansen

Monschau. In Monschau kann man ziemlich heftig Schiffbruch erleiden. Auf der Rur, wenn man mit einem Zweier-Kanadier unterwegs ist. Das passiert selbst Deutschlands besten Wildwasser-Sportlern. Beispielsweise jetzt, bei der 59. Auflage des internationalen Rur-Wildwasser-Rennens.

Mathias Nies und Dominik Pesch, die Favoriten im Zweier-Kanadier, waren auf einem guten Weg. Schon auf den ersten Metern paddelten sie einem Vorsprung von drei Sekunden heraus. Das als Favoritentöter in Expertenkreisen bekannte Wehr am Ende von Monschau hatten die Wassersportler vom FFB Brühl heil überstanden. Direkt danach aber kam dieses Geräusch. Es klang so, als wäre der Kanadier an der Spitze einer Metallstange vorbei geschrammt. Und genau das war auch passiert. „Ich habe zu Dominik gesagt, dass Wasser ins Boot läuft“, sagte Matthias Nies nach dem Rennen.

Das Duo entschied sich, die Fahrt fortzusetzen. Aber nur für wenige Meter. Dann stand den beiden das Wasser zwar nicht bis zum Hals, aber immerhin bis zur Hüfte. Die Rur drang durch einen 30 Zentimeter langen Riss am Boden des Bootes ein. Die Folge: Das Duo, das Deutschland auch auf internationalen Gewässern vertritt, musste ohne Pokal, aber mit jeder Menge Arbeit im Gepäck zurück in Richtung Köln fahren. „Das wird jetzt schon fünf, sechs Stunden dauern“, sagte Nies.

Ramponiertes Testfahrzeug

Sie sägen den Riss dann sauber auf und verkleben ihn mit Glasfaser von außen und Kevlar von innen neu. Glücklicherweise aus Sicht der beiden waren sie in Monschau mit ihrem Vorfahrtsboot unterwegs. Das ist so etwas wie das Testfahrzeug in der Formel 1. Für das gute Boot, das Nies und Pesch bei internationalen Wettbewerben fahren, ist Monschau viel zu gefährlich. Bundestrainer Gregor Simon hatte das Metallstück noch gesehen und versucht, den Stein, in dem es eingelassen ist, zu entfernen. Das war dem fünfmaligen Weltmeister im Zweier-Kanadier nicht gelungen.

Monschau ist ein schwieriges Pflaster. „Das Wasser ist sehr dunkel, weil es kein Quellwasser aus einem hohen Gebirge ist. Und die Rur ist voll mit großen Steinen“, sagte Normen Weber, der nächste internationale Klasse-Fahrer, der am vergangenen Wochenende durch Monschau paddelte. Weber profitierte. Er gewann die Zweier-Kanadier-Konkurrenz im Boot mit Rene Brücker, auch im Einer siegte Weber, der Sprint-Weltmeister des vergangenen Jahres. Mit anderen Worten: Wer auf der Rur nicht aufpasst, wo er hinfährt, der stößt unangenehm an.

Das wilde Wasser aus Monschau hat in der langen Geschichte des Rennens so manches Boot auf dem Gewissen. „Ich erinnere mich da an das irische Nationalteam. Das hat hier mal ziemlich viel Material gelassen“, sagt Bundestrainer Simon. „Was Monschau für uns ist, dass ist Paris-Roubaix für die Radsportler.“ Der Vergleich passt, denn das gefürchtete Radrennen führt über weite Strecken über Kopfsteinpflaster. Und da bleibt ebenfalls viel Material auf der Strecke.

Viele Wildwasser-Experten schützen ihr Boot deshalb, wenn sie durch Monschau die Rur abwärts knapp sechs Kilometer lang unterwegs sind. So wie die beiden Nachwuchs-Fahrer Philip Hamann (17) und Ole Schmetzer (18), die extra aus Hamburg angereist sind, um in Monschau zu starten. Vor dem Rennen kleben sie ihre Boote an der Spitze und am Ende mit einer zusätzlichen Schicht Kevlar ab. Das ist das Material, aus dem beispielsweise auch schusssichere Westen sind. Kevlar und jede Menge Gewebeband bieten einen zusätzlichen Puffer für Hamann und Schmetzer. Die Hamburger haben nämlich kein Vorfahrtsboot. Denn auch Kanadier kosten Geld, ab 2500 Euro aufwärts.

Apropos Geld: Viel davon ist mit Wildwasser-Sport nicht zu machen. Selbst nicht für Weber, Nies und viele andere deutsche Spitzenfahrer, die in Monschau am Start waren. Sie fahren jedes Wochenende Rennen, haben aber einen Beruf oder sind Studenten.

Der Bundestrainer beobachtet sie jedes Mal, weil er so sein Team für die WM Anfang Juni in Italien zusammenstellen will. „In Monschau erkennt man, wer gute Technik hat“, sagt Simon. Beispielsweise am berüchtigten Favoritentöter. Wer gut ist, der setzt laut Simon auf dem ersten Meter der Abfahrt noch einen Paddelschlag. Nicht des Tempogewinns halber, sondern um in das Fahrtwasser zu geraten, das die Kanadier samt menschlichem Inhalt mit möglichst wenig Kraftaufwand möglichst schnell vorantreibt. Wer diesen letzten Paddelschlag am Favoritentöter verpasst, der hat eigentlich schon verloren. So wie ein Skispringer, der den Absprungpunkt am Schanzentisch nicht trifft.

Die, die gewinnen wollen, sind ohne zusätzlichen Kevlar-Schutz unterwegs. „Sonst ist man zu langsam“, sagt Mathias Nies. „Das muss man riskieren.“ Und wenn man dann nur ein wenig ungünstig aus dem Favoritentöter herausgeschossen kommt, dann könnte man das Geräusch hören, das so klingt, als würde der Kevlar-Rumpf an der Spitze einer Metallstange vorbeischrammen.

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