Mit 28 ein Urgestein des Blindenfußballs

Von: Lukas Weinberger
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Hoß liegt sehr viel daran, seinen Sport Kindern näherzubringen, er sagt: „Das baut Hemnisse auf beiden Seiten ab.“ Foto: Andreas Steind
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Daniel Hoß ist von Geburt an blind. „Ich wollte immer Fußballspielen, und ich war traurig, dass das lange nicht geklappt hat“, sagt er. Foto: Andreas Steindl
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Beim Blindenfußball kommt es auf eine enge Ballführung an, und die hat Daniel Hoß ziemlich gut drauf. Die jungen Fußballer von Hertha Walheim staunen da nicht schlecht. Foto: Andreas Steindl

Düren/Köln. Wenn man Daniel Hoß mit einem berühmten Fußballer vergleichen möchte, und solche Vergleiche sind ja beliebt, könnte man vielleicht Benedikt Höwedes nennen. Hoß, 28, würde das sicher freuen, er ist ein ziemlich großer Schalke 04-Fan, und Höwedes ist ja ein Königsblauer.

Und da sind tatsächlich ein paar kleine Dinge, die die beiden gemeinsam haben; sie sind Fußballer, sie sind Verteidiger, sie sind Spielführer. Aber natürlich hinkt dieser Vergleich, Höwedes ist Profi, der viel Geld mit seinem Sport verdient; Hoß ist Amateur, der viel Spaß an seinem Sport hat.

Und dann gibt es da noch diesen viel, viel größeren Unterschied: Daniel Hoß kann nicht sehen.

Der junge Fußballer ist von Geburt an blind, er konnte nie sehen. In seinem Alltag kommt er zurecht, aber dass es da trotzdem ein paar Hindernisse gibt, liegt auf der Hand, und lange Zeit war auch das mit dem Fußballspielen ein Problem. „Ich wollte immer Fußballspielen, und ich war traurig, dass das lange nicht geklappt hat“, sagt er.

Mittlerweile hat es geklappt, Hoß spielt seit sieben Jahren in der Blindenfußball-Bundesliga, er ist schon jetzt so etwas wie ein Urgestein – weil er seit dem ersten Tag dabei ist. Seine Schuhe schnürt Hoß für den PSV Köln, er trainiert auf der Anlage des Dürener Berufsförderungswerk (BFW).

Es sollte allerdings ein bisschen dauern, bis es so weit gekommen ist. 2006, Hoß war 19, da begann sich sein Traum langsam zu erfüllen. In Brasilien ist der Blindenfußball schon sehr lange in einer Liga organisiert, und mit der Weltmeisterschaft der Sehenden im Jahr 2006 kam er auch nach Deutschland. „Es gab einen Lehrgang in Berlin“, erinnert sich Hoß, er selbst konnte damals nicht dabei sein, „weil ich auf Klassenfahrt war“.

Der gebürtige Wuppertaler besuchte da gerade ein Blindengymnasium in Marburg, und das war dann auch sein Glück. Kurz nach dem Lehrgang in Berlin fand er auch an Hoß‘ Schule statt. „Und seitdem bin ich dabei“, sagt er und grinst. Fußball, das ist seine Leidenschaft, und daran lässt er keinen Zweifel.

Sein erster Klub war die SSG Blista Marburg, sie ist eng mit der dortigen Blindenstudienanstalt verbunden. Und als 2008 die vom Deutschen Behindertensportverband (DBS), dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und der Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) organisierte Blindenfußball-Bundesliga in ihre erste Saison ging, da waren die Marburger als eins von acht Teams dabei.

Hoß ist damit nicht nur einer der ersten blinden Bundesliga-Kicker, er ist am Ende der Spielzeit mit seinen Teamkollegen auch der erste Deutsche Meister im Blindenfußball geworden. „Darauf bin ich schon stolz“, sagt er. „Das kann mir niemand mehr nehmen.“

2009 kehrte Hoß aus Marburg in seine Heimat nach Nordrhein-Westfalen zurück – beruflich und fußballerisch. Er machte eine Ausbildung als Industriekaufmann und arbeitet jetzt in Köln bei einem auf Bergbau spezialisierten Unternehmen. Er ist dort der erste und einzige Blinde. In seinem Klub ist er das natürlich nicht, Hoß spielt seit sechs Jahren in der Bundesliga für den PSV Köln.

Weil dem Verein allerdings die In­frastruktur fehlt, trainiert die Mannschaft in Düren; dort, am Berufsförderungswerk für blinde und sehbehinderte Menschen gebe es „ideale Bedingungen“, sagt Hoß. Weil der Rheinische Blinden- und Sehbehindertensportverein in Düren, der eng mit dem BFW koopiert, keine Mannschaft stellt ( Nachgefragt), können die Kölner die Anlage nutzen.

Hoß ist Kapitän, und er ist ein ziemlich kompromissloser Verteidiger. „Wenn ein Stürmer das erste Mal kommt, muss es knallen, so schnell kommt er dann nicht wieder“, sagt er und lacht. 2013 ist er zum besten Abwehrspieler der Liga gewählt worden. „Wer austeilt, muss aber auch einstecken können“, ein dickes Knie oder ein Pferdekuss, das bleibt auch Hoß manchmal nicht erspart. Beim Blindenfußball kann es zur Sache gehen, es gibt Freistöße und Elfmeter, Gelbe und Rote Karten, so wie beim Fußball der Sehenden. Gewinnen will jeder, das ist eben so.

Diese Saison läuft es für Hoß und seinen PSV Köln aber nicht ganz so rund, Platz sechs in der neun Teams starken Liga. „Auch im Blindenfußball hat es eine Entwicklung gegeben“, sagt Hoß. „Die Liga ist ausgeglichen, die Mannschaften sind zusammengerückt.“ Der Modus der Liga sieht so aus, dass sich die einzelnen Teams immer in einer Stadt in ganz Deutschland zum Spieltag treffen, dort haben die Teams mindestens eine oder zwei Partien; am Ende der Saison haben die einzelnen Mannschaften zwei Mal gegen jedes der acht anderen Teams gespielt.

Zuletzt stand der Heimspieltag des PSV Köln in Düren an, dort hat Hoß mit seinem Klub 1:2 gegen seinen Ex-Klub Marburg verloren und 0:0 gegen den MTV Stuttgart gespielt – zu wenig, findet er. Am letzten Spieltag am nächsten Wochenende soll ein Sieg gegen Chemnitz her, besser als Sechster kann der PSV aber nicht mehr werden. Nächste Saison wollen die Kölner nach oben klettern, „unter die ersten Drei“, das wünscht sich Hoß für seinen Klub.

Und auch was den Blindenfußball im Ganzen angeht, hat Hoß ein paar Wünsche. Er will Menschen mit einem ähnlichen Schicksal Mut machen. „Sport ist für alle wichtig“, sagt er. „Und in so einer Teamsportart lernt man zusammenzuarbeiten.“ Hoß hofft deswegen, dass noch mehr Mannschaften entstehen, „und ich möchte, dass die Sportart noch bekannter wird, damit die Menschen sehen, was wir leisten können.“

Damit das klappt, legt er sich auch selbst ins Zeug. Er ist Teil des Projekts „Neue Sporterfahrung“ der Deutschen Telekom, das es Vereinen in Deutschland ermöglicht, ihre Jugendfußballer einmal blind trainieren zu lassen. Hoß war 2013 bei Germania Dürwiß, vor ein paar Tagen war er mit dem Projekt-Tross in Walheim bei jungen Kickern der Hertha und des SV Eilendorf. Das Projekt liege ihm sehr am Herzen, sagt er, es sei wichtig, den Sport gerade Kindern näherzubringen, „das baut Hemnisse auf beiden Seiten ab“.

Was seine sportlichen Ziele angeht, hat Hoß noch einiges vor. Er ist 2014 zwei Mal für die deutsche Blindenfußball-Nationalmannschaft aufgelaufen, zwei Freundschaftsspiele gegen Rumänien waren das. Bei der EM im August, als Deutschland Sechster wurde, war er nicht nominiert, die Hoffnung ist aber noch da. „Wenn ich nochmal eingeladen werde, lehne ich sicher nicht ab“, sagt er. Vielleicht eine WM spielen, das wäre was. Mehr als nur eine weitere Gemeinsamkeit mit Benedikt Höwedes.

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