Metin Tolan: Plädoyer eines Ungerechtigkeits-Fanatikers

Von: Christoph Classen
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Ein Mann, eine (von vielen) Thesen: Metin Tolan. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Es gibt nur wenige Sportarten, die ungerechter sind als Fußball, aber weil er ungerecht ist, mögen die Menschen Fußball sehr. Metin Tolan behauptet das nicht nur, er kann das begründen, was recht unterhaltsam ist, Tolan steht deswegen meist auf einer Bühne, wenn er es erklärt. So wie jetzt im Hauptgebäude der RWTH Aachen, es geht um die Physik des Fußballs.

Tolan, 51, trägt feinkariertes Hemd, Fliege und das Haar weit in die Stirn. Er ist Experimentalphysiker und auf die Idee gekommen, seine Wissenschaft auf den Fußball anzuwenden. Herausgekommen sind dabei Thesen, die steiler sind als mancher Pass.

Eine davon: Fußball ist ungerecht. Tolan legt die Annahme zugrunde, dass eine Sportart umso gerechter ist, je häufiger der objektiv Bessere gewinnt, so definiert er Gerechtigkeit. Damit eine Mannschaft gewinnt, reicht im Fußball bereits ein Tor, ein großer Unterschied zu Basketball und Handball, bei denen der Ballbesitz einen Treffer quasi impliziert, er ist der Normalfall.

Weil im Fußball wenige Tore fallen – pro Spiel sind es durchschnittlich drei – hat jedes einzelne eine viel größere Bedeutung als etwa ein Korb im Basketball. Es gibt Partien, in denen die eine Mannschaft besser ist und die andere gewinnt. Tolan sagt: „Es reicht ein Glückstreffer.“

Der Fußball wäre eine gerechtere Angelegenheit, wenn mehr Tore fallen würden, aber bevor Fans eine entsprechenden Petition auf den Weg bringen, weist Tolan auf die Folgen hin. Gerechter heißt, dass die objektiv bessere Mannschaft mehr Spiele gewinnt. Tolan sagt: „Wenn Sie sich mehr Tore wünschen, dann wünschen Sie sich auch, dass Bayern München noch öfter Meister wird.“

Mit der großen Relevanz eines einzelnen Treffers geht einher, dass die Menschen, die im Zweifelsfall darüber entscheiden, ob er zählt oder nicht, eine sehr bedeutsame Aufgabe haben. Vor diesem Hintergrund empfindet Tolan eine fehleranfällige Regel wie das Abseits als ziemlichen Wahnsinn – und die Leistung der Linienrichter als beinahe übernatürlich.

Wegen Eigenheiten der Netzhaut, der Entfernung und dem Winkel, aus dem der Linienrichter eine Szene meist betrachtet, müsste er einen Spieler einen Meter im Abseits sehen, obwohl er sich dort faktisch nicht befindet. Dass die Unparteiischen dennoch in neun von zehn Fällen richtig liegen, kann sich Tolan nur damit erklären, dass sie sich mit den Jahren die Fähigkeit aneignen, ein Spiel zu lesen. Er sagt: „Schieds- und Linienrichter sind die einzigen auf dem Platz, die besser sind als es die Naturgesetze erlauben.“

Tolan will nicht bestreiten, dass weitere technische Hilfsmittel dazu führen würden, dass es weniger Fehlentscheidungen gibt. Er sagt aber auch: „Die braucht kein Mensch.“ Weil es den Fußball gerechter machen würde, uninteressanter also.

Nicht zufällig seien beinahe ausschließlich die großen Vereine wie etwa München, Dortmund, Schalke zunächst Befürworter der Tor-Kameras gewesen. Gut, die Braunschweiger auch, aber über die sagt Tolan: „Die haben es nicht verstanden.“ Denn eigentlich seien nur die starken Vereine stets bemüht, den Zufall auszuschalten. Fehlentscheidungen genau wie Fehlpässe, übrigens der Grund, warum viele erfolgreiche Mannschaften auf Kurzpassspiel setzten.

So wie der Brasilianer Ronny auf seinen linken Fuß. Mit dem soll er mal einen Freistoß auf 210,9 Stundenkilometer beschleunigt haben, wäre Weltrekord. Tolan hat nachgerechnet, es kam raus, dass Ronny mit 52 Stundenkilometern angelaufen sein müsste. Usain Bolt lief bei seinem Weltrekord über 100 Meter eine Spitzengeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern. Was zwei Schlüsse zulässt: Ronny ist seinen Rekord los. Oder er ist eindeutig in der falschen Sportart unterwegs.

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