Aachen - Mehr Sicherheit: „Jeder schwere Sturz ist einer zu viel“

Mehr Sicherheit: „Jeder schwere Sturz ist einer zu viel“

Von: Ute Steinbusch und Wilhelm Peters
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Der britische Vielseitigkeitsreiter Oliver Townend stürzt mit seinem Pferd Neo du Breuil in Aachen beim CHIO 2011 an einem Naturhindernis. Der Unfall verläuft glimpflich. Foto: Uwe Anspach
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„Wir haben durch Ben Winters Tod die Uhren auf null gestellt“: Dr. Dennis Peiler. Foto: M. von Fisenne

Aachen. Sybille Winter macht in diesem Jahr einen Bogen um den CHIO. Zu frisch ist die Erinnerung, zu groß die Trauer um ihren Sohn. Benjamin starb 25-jährig Mitte Juni bei den Deutschen Meisterschaften im Vielseitigkeitsreiten – natürlich im Gelände. Natürlich?

„Der tragische Unfall, der uns allen nahe gegangen ist, wird im Nachhinein unheimlich aufgebauscht. Wer so viele Unfälle in der Vielseitigkeit reklamiert, sollte sich anschauen, wie viele Unfälle im Freizeitbereich passieren, weil einer eine Kappe nicht trägt oder ein Pferd ausschlägt“, sagt Spitzensportlerin Ingrid Klimke bestimmt.

„Ich bin zweifache Mutter, ich nehme doch keine Stürze einfach so in Kauf.“ Sie unterstreicht, wie viel sicherer die Vielseitigkeit bereits geworden ist. Zwischen 2002 und 2003 wurde das Reglement geändert, die Bestandteile Rennbahn und Wegestrecke aus dem Geländeparcours gestrichen, die die Pferde früher viel Kraft und Ausdauer gekostet hatten.

„Die Disziplin ist verändert worden, Dressur und Springen haben nun mehr Gewicht als früher, und auf der Geländestrecke wird mehr technisches Können abgefragt.“ Rüdiger Schwarz muss es wissen, er baut seit 2006 die Aachener Geländestrecke. Vieles ist hier und anderswo besser geworden, aber der Tod von Ben Winter zeigt, es ist noch nicht gut genug. Dr. Dennis Peiler ist Geschäftsführer Sport der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR). Er leitet außerdem die Task Force Sicherheit im Vielseitigkeits-Sport der FN, die im vergangenen Jahr gegründet wurde.

„Durch den Tod von Ben Winter haben wir die Uhren noch mal auf null gestellt. Jeder schwere Sturz ist einer zu viel.“ Deshalb treffen sich in der Task Force nun Trainer, Richter, Parcoursbauer, Ausbilder, Veranstalter, Aktive, Tierärzte, Humanmediziner und Sportwissenschaftler. Im nächsten Frühjahr möchte die FN ein neues Gesamtpaket Sicherheit präsentieren.

Auch der internationale Verband FEI soll in die laufende Arbeit eingebunden werden. Gespräche während des CHIO laufen bereits. Sybille Winter, Bens Mutter, ist auch Mitglied der Task Force. „Es ist ihr eine Herzensangelegenheit, die Vielseitigkeit sicherer zu machen, denn sie liebt diesen Sport, wie ihr Sohn ihn geliebt hat“, erklärt Peiler.

Radikale Veränderungen in der Vielseitigkeit fordert PferdesportIkone Paul Schockemöhle. Er plädiert für die Nutzung flexibler Hindernisse. „Die können genauso aussehen wie die bisherigen, aber sie fallen um, wenn das Pferd da-rauf stürzt.“ Als Beleg führt er ein Turnier im englischen Hickstead heran, das er in der Vergangenheit mitveranstaltet hat. „Es besteht aus einem Springparcours und direkt im Anschluss aus einem Geländestück, auf dem wahre Telegrafenmasten stehen. Aber sie fallen eben, wenn etwas passiert, das haben wir schon Mitte der 90er Jahre eingeführt.“

Ingrid Klimke kontert, dass fallende und rollende Stangen für ein schnell galoppierendes Pferd weitere Unfallursachen sein können, und auch Bundestrainer Hans Melzer wehrt sich gegen ein reines „Springreiten im Gelände“. „Was sinnvoll ist, ist Einfluss zu nehmen auf den Anreiteweg. Es ist doch wie in der Formel 1, da habe ich auch eine Rennstrecke, auf der ich 300 Stundenkilometer fahren kann, und dann kommt eine Schikane, bei der ich in den dritten Gang schalten muss.“

Das ist Wasser auf die Mühlen von Rüdiger Schwarz. Der Parcoursbauer ist sich bewusst, wie sehr es auf die richtige Linienführung im Gelände ankommt. „Nach technischen Anforderungen, bei denen Rittigkeit und Balance gefragt sind, muss ich Erholungsphasen einbauen, auf denen die Reiter verlorenen Rhythmus und Balance im Zweifelsfall wiederherstellen können. So etwas gebe ich durch die Linienführung preis.“

Schwarz sieht mehrere Ansatzpunkte, wie allein der Parcoursbauer zu noch mehr Sicherheit beitragen kann: zum Beispiel das Profil der Hindernisse so zu verändern, dass sie im oberen Drittel abgeschrägt sind. „So vermeidet man den Prellbock-Effekt.“ Auch Peiler sagt: „Das Hindernis muss im richtigen Moment das Richtige tun. Und daran arbeiten wir derzeit intensiv unter anderem mit Ingenieuren.“

Schwarz sieht eine neue Ära des Vielseitigkeitssports heraufziehen, genauso wie es zwischen 2002 und 2003 der Fall war. „Es wird Skeptiker geben, aber solange die Vielseitigkeit bei allen Neuerungen eine eigene Disziplin bleibt, wird es für unseren Sport zum Vorteil sein.“

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