Baku/Düren - Matthias Pompe und sein 3,75-m-Schock

Matthias Pompe und sein 3,75-m-Schock

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
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Konzentrierte Annahme: Dürens Routinier Matthias Pompe will seine Chance in der deutschen Nationalmannschaft nutzen. Foto: Conny Kurt

Baku/Düren. Wenn man der Routinier in einem Volleyball-Bundesliga-Team ist und seit zehn Jahren auf Top-Niveau spielt, dann hat man viel gesehen in der Welt des Volleyballs. Matthias Pompe (31) ist der „Oldie“ im Team der Dürener Powervolleys.

Einer, der Verantwortung übernimmt und noch einen Gang höher schalten kann, wenn die wichtigen Entscheidungen der Saison anstehen. Auch Routiniers können dazulernen. Matthias Pompe durchläuft gerade einen Crash-Kurs voller neuer Eindrücke, seit er vor vier Wochen nach sechs Jahren Pause wieder in den Kader der Nationalmannschaft berufen wurde. Seit dem Wochenende spielen Pompe und die deutsche Auswahl in Baku/Aserbaidschan bei den ersten Europaspielen um wichtige Punkte für die Olympia-Qualifikation.

Welche Dimension die Europaspiele haben, die in der öffentlichen Wahrnehmung zu Hause aber trotzdem kaum stattfinden, aber an denen 267 deutsche Spitzensportler vom Badminton bis zum Wasserspringen teilnehmen, wurde Pompe bei der Eröffnungsfeier innerhalb weniger Meter klar. „Du stehst erst in einem Tunnel. Dann gehst du ins Stadion und findest dich plötzlich in einem Meer aus vielen Lichtern und 80.000 Menschen wieder. Das war ein unvergesslicher Moment.“

Stellenwert-Indikator Nummer zwei für die neu geschaffenen Spiele: Es gibt für die Volleyballer genauso viele Punkte in Baku zu gewinnen wie bei der Weltliga. Viele große europäische Volleyball-Nationen schicken ihr A-Team trotzdem auf den wochenlangen Weltliga-Zirkus und sind in Baku mit der zweiten Garde angetreten. Bundestrainer Vital Heynen hat eine andere Rechnung aufgemacht. Keine Weltliga, volle Konzentration auf Baku, um am Ende möglichst viele Punkte für die Olympia-Qualifikation zu sammeln. Gelingt das, dann steigt Deutschland in der Rangliste und die Gegner für das Olympia-Qualifikationsturnier im kommenden Jahr im Berlin werden vermeintlich einfacher.

Im Auftaktspiel gegen die Russen ist die Rechnung nicht aufgegangen. Denn die vermeintliche zweite Garde aus dem Land des Olympiasiegers von London 2012 ist immer noch so stark, dass sie gegen jedes andere Team der Welt gewinnen könnte, die eigene A-Formation inklusive. 1:3 haben die Deutschen das hart umkämpfte Spiel verloren. „Ich habe noch nie gegen einen Spieler gespielt, der aus einer Höhe von 3,75 Meter abschlägt“, beschreibt Pompe seine erste Begegnung mit dem russischen Blocker Ilia Vlasov. 3,30 Meter sind ein guter Wert in der Bundesliga, 3,50 Meter sind international stark. „Aber 3,75 Meter; oh Mann, oh Mann.“

Überhaupt sei das Niveau höher als in der Bundesliga. „Der Großteil des deutschen Teams hat im vergangenen Jahr Bronze bei der Weltmeisterschaft gewonnen. Mit Jochen Schöps haben wir den Mann in unseren Reihen, der in der vergangenen Saison zum besten Spieler in Polen gewählt wurde, im Land des Weltmeisters. Von solchen Spielern kann man auch in meinem Alter noch was lernen.“

Die Auftakt-Niederlage gegen Russland hat Konsequenzen. „Für uns ist jetzt jedes Spiel ein Endspiel“, sagte Pompe. Und prompt gewann sein Team am Dienstag gegen die Slowakei mit 3:0. Die Deutschen sind diesen Druck gewohnt. Schon aus dem Training. Dass Vital Heynen sehr viele Übungseinheiten in Form von Spielen gestaltet, kennt Dürens Routinier schon aus der Bundesliga.

Allerdings baue der Bundestrainer schon im Training Drucksituationen auf. So ließ der Belgier einzelne Spielzüge so oft üben, bis sie fünfmal in Folge exakt gelungen waren: Training als beinahe unendlicher Stress-Test. „Vital hat als Trainer eine ganz andere Herangehensweise als alle, die ich bisher kennengelernt habe. Ich werde davon sicher etwas mitnehmen“, sagt Matthias Pompe.

In Sachen Trainer bleibt es für den 31-Jährigen spannend. Denn nach dem Sommer mit der Nationalmannschaft wartet ein neuer Trainer in Düren auf ihn. Anton Brams, derzeit noch als Co-Trainer mit dem US-Team in der Weltliga unterwegs, hat angekündigt, Trainingsmethoden anzuwenden, die in Deutschland noch nicht bekannt sind.

Für Matthias Pompe ebenfalls neu ist der Rhythmus bei den Europaspielen. Alle zwei Tage tritt das deutsche Team an, das nächste Mal morgen um 6 Uhr deutscher Zeit (9 Uhr in Baku) gegen Bulgarien. „Der Rhythmus ist gut als Vorbereitung auf die Olympischen Spiele. Da ist es ähnlich“, sagt Pompe. Gleichwohl werden die Uhrzeiten nicht ganz so extrem sein. „Wenn wir um 9 Uhr spielen, dann fährt der Bus im Athletendorf um 6 Uhr los. Dann kann man sich mal ausrechnen, zu welcher Uhrzeit wir frühstücken“, schildert der Dürener eine für Profisportler äußert ungewöhnliche Erfahrung.

Eine Erfahrung, die Matthias Pompe trotzdem keinesfalls missen will. „Ich habe mich in der Vorbereitung drei Wochen lang dafür gequält, um den Sprung zu schaffen. Jetzt bin ich stolz, dass ich dabei bin und werde hier jeden Moment genießen“, sagt er. Denn absehen kann er nicht, ob Vital Heynen auch für die Europameisterschaft im Herbst oder gar die Olympischen Spiele im kommenden Jahr mit ihm plant. In Düren ist Pompe als Eckpfeiler gesetzt. In der Nationalmannschaft ist er einer von 14, die jetzt alles dafür geben müssen, um beim nächsten Mal eine Chance zu haben. Auch das ist Teil des Systems von Vital Heynen.

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