Winschoten/Simmerath - Marion und Wolfgang Braun: 34 Jahre Ehe und jetzt gemeinsam Weltmeister

Marion und Wolfgang Braun: 34 Jahre Ehe und jetzt gemeinsam Weltmeister

Von: Christoph Classen
Letzte Aktualisierung:
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Das Ehepaar Braun, Marion und Wolfgang, aus Simmerath-Eicherscheid: Seit 34 Jahren verheiratet und seit neuestem Weltmeister über die Laufdistanz von 100 Kilometern. Foto: Thomas Rubel

Winschoten/Simmerath. Was das Laufen Wolfgang Braun bedeutet wird am Montagabend klar, da ist er nämlich nicht erreichbar. Seine Frau Marion sagt, der Wolfgang sei beim Lauftreff, aber lange würde das wohl nicht dauern. Und dass ihr Mann heute nur hinterherdackeln werde, sagt Marion Braun auch. Dann lacht sie ein bisschen.

Wenn Wolfgang Braun, 61, läuft, dauert das lange. Wenn Wolfgang Braun läuft, dackelt er nicht hinterher. Normalerweise. Am Montagabend aber ist alles ein bisschen anders, was daran liegt, dass Braun zwei Tage vorher Weltmeister geworden ist. In seiner Altersklasse. Über die Distanz von 100 Kilometern. In einer Zeit von acht Stunden, sieben Minuten, 42 Sekunden. Braun hat sich einen Traum erfüllt. Er spürte danach jeden einzelnen Muskeln in seinem Körper, vielleicht spürte er sogar Muskeln, von denen er vorher nicht wusste, dass er sie hat. Das war auch noch am Montagabend so, aber er ist dann trotzdem hingegangen, zum Lauftreff. Das Laufen bedeutet Wolfgang Braun ziemlich viel.

Die Bedeutung verstehen

Marion Braun, 58, weiß das. Natürlich. Die beiden sind verheiratet, seit 34 Jahren. Aber Marion Braun kann auch verstehen, was das Laufen für ihren Mann bedeutet. Es ist wohl sogar so, dass es niemanden auf der Welt gibt, der das ähnlich gut nachvollziehen kann wie sie. Marion Braun ist vor zwei Tagen Weltmeisterin geworden. In ihrer Altersklasse. Über die Distanz von 100 Kilometern. In einer Zeit von acht Stunden, 55 Minuten, 52 Sekunden.

Weltmeister zu werden, ist per se etwas Besonderes. Auch für Marion Braun, obwohl sie es zum zweiten Mal geschafft hat, mit der deutschen Mannschaft hatte sie den Titel bereits zuvor geholt. Aber dass sie es nun gleichzeitig geworden sind, ihr Mann und sie, beide im Ziel, beide als Weltmeister: Das, sagt Marion Braun, sei für sie eigentlich das Schönste an der ganzen Sache. Vielleicht weil es sich anfühlt, als seien sie am Ende eines langen gemeinsamen Weges am gleichen Ziel angekommen.

Weltmeister geworden sind die Brauns in den Niederlanden, in Winschoten. Ultraläufer kennen die Stadt, sie ist in der Szene ein Begriff. Winschoten steht für perfekte Organisation und ausgelassene Stimmung gleichermaßen. Zu absolvieren ist zehn Mal eine zehn Kilometer lange Runde. Sie führt durch die Stadt. Durch Parks, am Kanal vorbei. Und durch die Wohngebiete. Dort haben die Menschen ihre Häuser in Fahnen gehüllt, nicht nur in niederländische. Man orientiert sich an der Internationalität des Starterfeldes, in Windschoten gehen 374 Athleten aus 35 Ländern auf die Strecke. Und in den Wohngebieten laufen sie auch an qualmenden Grills und geselligkeitsfördernden Pavillons vorbei. 100 Kilometer Laufen in Winschoten, da geht es auch um Atmosphäre. Und für Marion Braun ist sie ein entscheidendes Kriterium. Sie sagt: „Ein Lauf muss schön sein.“

Marion und Wolfgang Braun machen diesen Sport seit Jahrzehnten, sie sind fast immer gemeinsam auf der Strecke, im Training, bei Wettkämpfen. Sie laufen in die gleiche Richtung, aber sie sind durchaus unterschiedlich unterwegs, in Winschoten war es wieder so.

Die Chance wird zum Druck

Marion Braun war am Start derart nervös, dass sie zu ihrem Mann sagte: „Ich würde am liebsten weglaufen.“ Weil sie sich so sehr gewünscht hat, dass sie beide an diesem Tag Weltmeister werden. Eine große Chance, die es wahrscheinlich nur ein Mal gibt, bei Marion Braun wurde daraus Druck. Nach 80 Kilometern fing Marion Brauns Nacken furchtbar an zu schmerzen, und dass sie sich letztendlich durchbeißen konnte, lag daran, dass sie sich mit allem Möglichen ablenkte, den Fahnen an den Häusern, den Pavillons und den Grills davor, den Menschen, die ihr dies und das zuriefen. Marion Braun lief mit offenen Augen durch Winschoten, bei ihr ist das immer so, im Training und im Wettkampf. Deswegen muss für sie ein Lauf schön sein, deswegen würde sie nie den Spartathlon laufen, von Athen nach Sparta, 246 Kilometer. Weil das Interessanteste, an dem die Strecke vorbeiführe, vielleicht noch die Autobahnen seien. Marion Braun findet das ein bisschen mau.

Wolfgang Braun sieht das anders. Deswegen ist er den Spartathlon ja mal gelaufen. Weil er ohnehin keine Augen für die Landschaft hat, zumindest, wenn er im Wettkampf unterwegs ist, wenn es um Medaillen geht und um Zeiten. Wolfgang Braun sagt, dass er nach den 100 Kilometern so ziemlich jeden Stein im Pflaster von Winschoten kenne und die Drempels, mit denen die Niederländer Autofahrer bremsen, sowieso. Soll heißen: Wolfgang Braun hat auf dem Weg zum Weltmeistertitel ziemlich viel auf den Boden geguckt. Und als sein Betreuer ihm in der vorletzten Runde sagte, dass das Ding in trockenen Tüchern war, da lief er noch ein bisschen schneller. Es ging ihm jetzt um eine gute Zeit.

Es gibt Menschen, die nennen die Brauns verrückt, weil sie so viel laufen. „Manche sagen das aus Hochachtung und manche meinen das ernst“, sagt Wolfgang Braun. Letztendlich ist es ihm und seiner Frau aber egal, sie laufen weiter, zehn Stunden in der Woche, in intensiven Trainingsphasen bis zu 110 Kilometer.

Dabei haben sie mal mit lockerem Joggen angefangen, fünf, sechs Kilometer, mehr nicht. Vor 22 Jahren ist das gewesen. Aber seitdem ist es immer mehr geworden, irgendwann der erste Marathon, Sechs-Stunden-Läufe, Zwölf-Stunden-Läufe, Vierundzwanzig-Stunden-Läufe. Das sei eben ihr Ding, und weil sie die meiste Zeit gemeinsam unterwegs sind, sei es ja nicht so, dass der Sport dem anderen den Partner wegnehme, sagt Marion Braun.

Über den Rollator nachdenken

Wenn etwas derart viel Platz im Leben eines Menschen einnimmt, stellt sich zwangsläufig die Frage, was geschieht, wenn es wegfällt, und beim Laufen ist ein Ende absehbar. Irgendwann wird es nicht mehr gehen.

Marion Braun sagt, dass sie sich dessen sehr bewusst sei und dass sie es als großes Glück empfinde, dass sie und ihr Mann in ihrem Alter noch gut unterwegs seien. Sie sagt auch: „Wenn wir mal nicht mehr laufen können, finden wir etwas anderes. Vielleicht gehen wir dann spazieren. Mit dem Rollator.“

Die Brauns sind vor einem Dreivierteljahr in ein Haus gezogen, das komplett altersgerecht gebaut ist, es gab Menschen, die haben sie auch dafür für verrückt erklärt. Die Brauns sind ja noch ziemlich fit. Marion und Wolfgang Braun werden wohl so lange weiter laufen, wie es eben geht. Aber angekommen sind sie schon längst.

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