Marathonläuferin Eva Offermann: Die Sehnsucht nach den Flatterbändern

Von: Bernd Schneiders
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Rollesbroich. Liebe ist oft flatterhaft. Bei Eva Offermann ist dies besonders ausgeprägt. Noch mehr als Bestzeiten oder „nackte“ Siege mag die Marathonläuferin aus Rollesbroich den Kontakt mit Plastik, einem speziellen allerdings. „Das Flatterband zu durchlaufen im Ziel – das ist das Größte.“

Dazu ist es nötig, dass man den Lauf gewinnt. Und nicht mal das ist eine Garantie. „Häufig wird es nur für die Männer aufgespannt“, ärgert sich die Athletin, die für das Sportteam Peters startet.

Womöglich ist durch diese Ungleichbehandlung und die dadurch ausgelöste Seltenheit der Reiz noch erhöht. Bei Eva Offermann ist das so. Fragt man sie nach einem Saisonfazit, kommt sie schnell auf eben diese raren Momente zu sprechen. Manchmal steht sie sich auf der Suche nach diesem Glücksmoment auch selbst im Weg.

Wie etwa im August, beim 40. Monschau-Marathon. Ihr Lebensgefährte Sascha Jansen wartete auf sie am Ziel in Konzen. Und mahnte die Flatterband-Bevollmächtigten eindringlich: „Sie kommt gleich.“ Seine Worte stießen auf Unglauben und auf Untätigkeit. „Mensch, die läuft keine 3,15!!!!“, wurde Jansen noch eindringlicher.

Nee, die lief 3:08 Stunden, persönlicher Rekord und zu schnell für die Vorstellungswelt der Flatterbandfraktion. Als die 33-Jährige ins Ziel lief, lag das rot-weiße Erfolgssymbol noch auf dem Boden. „Dabei hatte ich mich ab Kilometer 38 so sehr darauf fokussiert und gefreut.“

Zum Glück wurde ihr „wertvollster“ Sieg nur zwei Monate danach mit dem entsprechenden Beiwerk garniert. Diesmal ließen sich die Ziel-Mitarbeiter nicht überraschen. Beim Marathon in Essen stimmte nicht nur Offermanns Timing. Die Athletin aus der Eifel krönte ihre Saison mit Platz eins und einem perfekten Zieleinlauf. Das pinke Flatterband in die Essener Luft gereckt überlief sie die Ziellinie.

Nur um zehn Sekunden verpasste sie die Einstellung ihrer persönlichen Bestmarke, die sie an gleicher Stelle ein Jahr zuvor aufgestellt hatte (2:51): Direkt im Ziel wurde die überglückliche, aber vollkommen erschöpfte Siegerin mit der Interviewfrage gequält: „Was machen Sie heute noch?“ Die matte Antwort: „Nur noch aufs Podium klettern – und dann nichts mehr.“

Wenn dort mehr Platz gewesen wäre, hätte sie gerne ihren „Hasen“ mitgenommen. Womöglich hätte der sie auch beim letzten „Aufstieg“ so gut unterstützt wie auf den 42 Kilometern zuvor. Christian Niessen, letztjähriger Monschau-Sieger und diesjähriger -Zweiter, spielte erneut den Schrittmacher für Offermann.

Eine Kombination, die sich schon bei anderen Läufen zuvor bewährt hatte. „Das haben wir dieses Jahr zum ersten Mal gemacht, und es hat mir richtig geholfen“, sagt die Läuferin. „Schade, dass ich mich nicht revanchieren kann.“ Doch dazu ist der Feuerwehrmann, der ebenfalls für das Sportteam Peters startet, einfach zu schnell.

Eva Offermann ist „sehr ehrgeizig“, doch bei ihrem Saisonfazit spielen auch kleinere Erfolge eine große Rolle. Der Sieg beispielsweise im Frühjahr beim 10-Kilometer-Rennen in Leverkusen „Rund ums Bayerkreuz“. Mit 36:24 Minuten verbesserte sie ihren eigenen Kursrekord gleich um eine halbe Minute.

„Damit war es fast mein Highlight des Jahres“, sagt sie. Relativ kurzfristig hatte sie sich zu einer Teilnahme entschieden und ging ohne große Erwartungen ins Rennen. Das machte Offermann offensichtlich Beine. „Ich laufe mit Gelassenheit viel besser als mit einem bestimmten Ziel.“ Diese Entspanntheit verhindert lähmende Gedanken wie „Was passiert, wenn ich scheitere?“

Zugmaschine Christian Nießen

Wohl auch deshalb arbeitet und trainiert sie anders als ihre Zugmaschine Christian Niessen. „Er konzentriert sich auf zwei wichtige Rennen pro Saison.“ Eva Offermann aber macht lieber mehr, streut die Läufe breiter, pflegt ihre Spontaneität und Kreativität und geht einige Kurse mehr im Spaß an. „Wenn bei Lauf X etwas schiefgeht, habe ich immer noch Lauf Y oder Z. Ich starte lieber öfter, auch wenn ich dadurch mitunter langsamer bin.“

Nicht so beim Monschau-Marathon 2016, der eigentlich gar nicht auf ihrer Liste stand. „Ich habe mich über den Sieg tierisch gefreut – weil er so unerwartet war.“ Und auch der Erfolg in Leverkusen war mehr als ein simpler Sieg. „Von vielen Seiten musste ich mir anhören: Kurzstrecken sind nichts für Dich, ab Halbmarathon bist Du gut.“ Das Gegenteil bewiesen zu haben, erfüllt sie immer noch mit Genugtuung.

Die Eifelfrau läuft auch gerne gegen den Strich. Und so hält sich ihr Ärger in Grenzen, dass etliche Konkurrentinnen im Oktober beim Frankfurt-Marathon, der auch die Deutsche Meisterschaft war, in der deutschen Bestenliste an ihr vorbeizogen. Statt der erhofften Top 20 blieb Platz 24 übrig. Das schmälert nicht ihre Motivation für die kommende Saison, sie spürt bereits das Kribbeln: Die Vorbereitung steht an. Bergsprints, Techniktraining, Stabi-Übungen und Laufbandeinheiten im Rollesbroicher Gym des ehemaligen Bodybuilding-Weltmeisters Michael Anders.

Laufen ist für Eva Offermann niemals eine Quälzeit. Wenn die Sozialpädagogin gegen 19 Uhr von der Arbeit zurück in die Eifel kommt, sinkt sie nicht erschöpft aufs Sofa, sondern schnürt ihre Laufschuhe. Zwei, drei Stunden laufen – „dann ist mein Kopf wieder frei.“ Ohne jeden Zwang. „Das ist für mich Leidenschaft, kein Muss. Ich brauche keinen Schweinehund zu überwinden. Ich liebe das Laufen einfach.“ Und die Flatterbänder . . .

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