Kyudo: Die hohe Kunst des Bogenschießens

Von: Roman Sobierajski
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Bei aller Uniformität den eigenen Weg finden: Hinter Kyudo, der japanischen Kunst des Bogenschießens, steckt mehr als bloßer sportlicher Wettkampf. Foto: Wolfgang Birkenstock
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Die Gruppe trainiert montags und mittwochs ab 19 Uhr und freitags ab 19.30 Uhr im Dolo beim PTSV Eulersweg. Foto: Birkenstock

Aachen. Wer die „action“ sucht, das wilde Auspowern, der sollte früher abbiegen in den Gängen des Trainingsgeländes des PTSV Aachen am Eulersweg. Nach rechts vielleicht zum Spinning, oder nach links auf einen der Hallen-Tennisplätze.

Wer jedoch dem Weg weiter geradeaus folgt, der landet im Dojo der Kyudo-Abteilung des Sportvereins, und ein wenig fällt man schon aus der Zeit heraus, wenn man die Kyudoka beobachtet bei der Ausführung der Kunst des japanischen Bogenschießens. Erst werden die Bogen vorgespannt, die Pfeile aufgereiht und Hakama und Gi angezogen, bevor sich die Schützen auf die ersten beiden formal durchgeführten Schüsse über die 28 Meter Distanz vorbereiten. 36 Zentimeter Durchmesser hat das Ziel, doch nicht nur der Treffer zählt im Kyudo, auch der Weg dorthin hat eine große Bedeutung, die Manfred Speidel in einem Satz zusammenfasst: „Nicht jeder Treffer ist ein guter Schuss, aber jeder gute Schuss ist ein Treffer“, zitiert der Träger des 5. Dan eine Weisheit aus Fernost, die sich erst ganz erschließt, wenn man um die Tücken des Sportgeräts weiß.

Rund 500 Jahre gibt es diese Tradition des Schießens schon, und dass die Wurzeln aus einer früheren Zeit stammen, als dem Bambusbogen auf den Schlachtfeldern noch militärische Bedeutung zukam, zeigt die asymmetrische Form: Während der untere Wurfarm eher kurz daherkommt, um das Schießen vom Pferd oder kniend im Gefecht zu erleichtern und für eine Pfeilgeschwindigkeit von etwa 200 Stundenkilometern zu sorgen, ist der obere wesentlich länger, um einen größeren Auszug der Sehne zu ermöglichen.

Damit enden aber auch schon die Zugeständnisse, die das Treffen erleichtern könnten. Denn der Bogen hat keinerlei Vorrichtung, die das direkte Anvisieren möglich macht, und der Pfeil liegt einfach auf dem Daumen rechts neben der Bogenkante auf.

Das sind zwei der großen Hindernisse auf dem langen Weg, das Ziel zu treffen, denn mit dieser Technik folgt der abgeschossene Pfeil der Tendenz, schwanzflatternd irgendwo rechts oben im Nichts zu landen.

Um das zu verhindern, muss das linke Handgelenk, das den Bogen umspannt, zaubern. Muss im richtigen Moment zum Ausgleich eine nach schräg unten links gerichtete Drehbewegung vollführen, um den Pfeil ins Ziel zu führen. „Es dauert drei Hundertstel Sekunden, bis der Pfeil die Sehne verlässt“, macht Manfred Speidel, der auch den Nachwuchs unterrichtet, das Zeitfensterchen auf, das dem Schützen für den richtigen Bewegungsablauf bleibt, und das aus Kyudo mehr macht als einen bloßen westlichen Wettkampfsport. Körper, Geist und Technik müssen zu einer perfekten Einheit verschmelzen, damit der Pfeil im Ziel existiert, also die Aufgabe schon erfüllt ist, bevor sich der eigentliche Schuss gelöst hat.

So finden sich die Anfänger der rund 30 Mitglieder umfassenden Kyudo-Gruppe im PTSV erst einmal in kürzestem Abstand vor einem großen Übungsziel wieder, um den Bewegungsablauf zu trainieren, denn bei aller Spiritualität ist die möglichst tägliche Wiederholung eine der wichtigsten Voraussetzungen, um den perfekten Weg ins Ziel zu finden. „An unseren drei Trainingsabenden pro Woche verschießen wir jeweils 40 Pfeile“, zeigt Ulla Haede, die die Aachener Kyudo-Gruppe organisiert, das Pensum auf und fügt an: „In Japan üben vor allem Studenten an den Hochschulen täglich, 100 Pfeile, Tag für Tag.“

Dass die äußeren Bogenteile in Komposit-Bauweise heutzutage häufig auch aus modernen Materialien wie Aluminium oder Karbon gefertigt werden, ist weniger ein Zugeständnis an die Moderne als an die Tatsache, dass Flächen in Japan, wo der belastbare, langsam wachsende Bambus gedeiht, immer weniger werden und Bauland weichen müssen. Doch der innere Kern besteht weiterhin aus Bambusstäbchen: widerstehend, doch nicht brechend; biegsam, doch immer wieder die alte Form wiederfindend. Und damit sicher auch ein Vorbild auf dem langen Weg zum Ziel.

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