Jülicherin knetet beim Radteam Bora-Argon 18 die Muskeln der Sportler

Von: Helmut Schiffer
Letzte Aktualisierung:
9633139.jpg
Bevor es zu den Frühjahrsklassikern geht, muss die 32-Jährige den Team-Wohnwagen beladen, den sie selbst fährt. Foto: Helmut Schiffer

Jülich. Mit ihren 32 Jahren ist Jenny Wuppermann aus Jülich beruflich noch nicht am Ziel ihrer Wünsche angelangt. Und das, obwohl viele sie sicherlich um ihren derzeitigen Job beneiden dürften. Als Physiotherapeutin arbeitet die junge Frau beim bayrischen Radrennteam Bora-Argon 18, einem der wenigen Profi-Rennställe, die es in Deutschland gibt.

180 Tage im Jahr ist sie in Europa unterwegs – und kümmert sich dabei um das Wohl und Wehe von bis zu 20 Rennfahrern. „Doch, ab und an schlaucht der Job ganz schön“, sagt Wuppermann. „Ich bin jetzt über 40 Stunden unterwegs gewesen.“ Gut gelaunt ist sie trotzdem, plaudert aus dem Arbeitsleben in einer reinen Männerdomäne. Gerade ist sie mit dem Team von der Tour of Oman zurückgekehrt, davor stand ein zweiwöchiges Trainingslager auf Mallorca auf dem Programm. Aus der Sonne ging‘s ins winterliche München, anschließend ging es mit dem ICE nach Erfurt. Dort war der Team-Wohnwagen neu mit Logo und den Sponsorennamen beklebt worden. Dieses Gefährt stand für wenige Stunden in Jülich, denn die zierliche Blondine hat den großen Wohnwagen selbst abgeholt und in ihre Heimat gefahren. Jetzt wird er bepackt: Kisten mit Getränken müssen ebenso geschleppt werden wie Lebensmittel oder Obst. Viel Zeit bleibt nicht, der Wagen muss nach Belgien.

„Ja, das gehört ebenso zu meinem Job wie Frühstück machen, auf der Rennstrecke stehen und Getränke reichen oder für Essen sorgen.“ Jenny Wuppermann lacht, wenn man den Begriff „Mädchen für alles“ in den Mund nimmt. Denn schließlich fehlt in der Aufzählung ihrer Aufgabenbereiche noch die Physiotherapie. „Meine Tätigkeit beginnt immer nach den Rennen, wenn die Fahrer müde und erschöpft von ihren Räder gestiegen sind.“ Dann wird geknetet, den Knochen und Muskeln wieder „Leben“ eingehaucht.

Seit 2000 im Rennzirkus

Dabei ist Jenny Wuppermann auch eine gute Zuhörerin. Mit dem Erreichen des Zielstrichs ist das Rennen zwar beendet. „Aber die Fahrer wollen ja dann noch Frust abbauen, lassen die vielen Kilometer auf der Strecke nochmals Revue passieren. Sie brauchen dann einen zum Reden.“ Für die Jülicherin ist das kein Problem, denn seit 2000 hat sie der Rennzirkus gepackt. Dabei, so gesteht sie, hat sie früher immer den Fernsehkanal gewechselt, wenn über Radrennen berichtet wurde. Viel zu langweilig sei ihr dies alles gewesen.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie in der Jülicher Firma SRM Radsporttechnik Schoberer ihre Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation begann. „Dann sah ich mich plötzlich bei der Tour de France so Sportgrößen wie Lance Armstrong oder Jan Ullrich gegenüber.“ Aber nicht nur mit denen machte sie Bekanntschaft. „Vor jeder Etappe wurde festgelegt, wer von den Rennfahrern die Technik von SRM tragen sollte.“ Eine Aufgabe, die Wuppermann übertragen wurde. Mit dieser Technik wurde den Fernsehzuschauern dann Wattleistung, Trittfrequenz, Herzschlag oder der Puls der Radprofis via Satellit eingeblendet. Und natürlich auch die Geschwindigkeit, mit denen die Berge erklommen, die Abfahrten genommen wurden. Abends erfolgte die Auswertung.

Dieses pulsierende Leben an und neben der Rennstrecke machte der jungen Frau Spaß, kurz entschlossen absolvierte sie eine zweite Ausbildung und ließ sich zur Physiotherapeutin ausbilden. Ihre erste Anstellung erhielt sie beim Team Bora-Argon 18, zuerst als Halbtagsjob. „Da war ich 50 Tage im Jahr unterwegs, jetzt mit der Festanstellung sind es mindestens 180 Tage, die ich mit dem Team verbringe.“

Was sagt die Familie, was sagt der Freund zu diesem Wanderleben? Letzterer hat Verständnis. „Er ist selbst Radprofi gewesen, er kennt das Geschäft“, sagt die Jülicherin und lacht. Die meiste Arbeit steht ihr im Juli bevor. Denn am 4. des Monats erfolgt der Startschuss zur Tour de France, zu der ihr Team eine Wildcard bekommen hat. Auf der vierwöchigen Tour will das Team alles geben, denn man betrachtet es als Ehre, zum zweiten Mal in der noch jungen Teamgeschichte dabei zu sein.

Bis zum Saisonhöhepunkt hat sich das Team-Leben eingependelt, in den kommenden Wochen stehen die berühmten und berüchtigten Frühjahrsklassiker in Belgien an. Während der Auftakt nicht optimal verlief – „Meine Jungs hatten nicht den besten Tag, konnten ihre Leistung nicht zu einhundert Prozent abrufen“ –, sah es beim Rennen Kuurne-Brüssel-Kuurne schon anders aus: Da gehörte Jenny Wuppermann zu den ersten, die Kapitän Sam Bennett zum 19. Platz im Gesamtklassement gratulierte.

Gedanklich ist Wuppermann schon beim Rennen Paris-Roubaix am 12. April, dem berühmten Eintagesrennen durch die „Hölle des Nordens“. Dort musste schon so manche Hoffnung auf den Sieg aufgegeben werden, viele Stürze auf den Kopfsteinpflaster-Abschnitten beim Rennen über 253 Kilometer ließen vermeintliche Sieger verzweifeln. „Ich hoffe, dass unsere Fahrer von Verletzungen verschont bleiben“, sagte die Physiotherapeutin, der der Mythos dieses Rennens Respekt und Anerkennung für die Fahrer einflößt.

Neben Mailand-San Remo, der Flandern-Rundfahrt und Il Lombardia, um nur die ganz großen Rennen zu nennen, steht im Juli das Highlight in Frankreich an. Dann werden 22 Rennteams versuchen, ihre Fahrer über 21 Etappen und mehr als 4200 Kilometer über die Ziellinie zu bringen.

Jenny Wuppermann wird mitfiebern und zum Beispiel in den Pyrenäen wieder Wasserflaschen und „Silberlinge“ (Brötchen) reichen. Oder am Galibier-Pass mit der berühmten Zielankunft im Skigebiet L‘Alpe d‘Huez mit den Fahrern, je nach Wetterlage, mitfrieren. Oder sich freuen, wenn am Schlusstag auf den Champs-Élysées in Paris die Tour ohne Komplikationen für ihr Bora-Argon 18-Team beendet ist.

Selbstständigkeit als Ziel

Sicherlich wird sie sich keine Gedanken machen, was sie denn nach dem „Rennzirkus“ machen wird. Obwohl der Entschluss eigentlich schon feststeht. „Ich möchte mich irgendwann einmal selbstständig machen und meinem Beruf als Physiotherapeutin nachgehen,“ verrät sie.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert