Köln/Aachen - Judokämpferin Sonja Wirth: Die Kuchenbäckerin

Judokämpferin Sonja Wirth: Die Kuchenbäckerin

Von: Heribert Förster
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Die gebürtige Metternicherin Sonja Wirth hat sich das Kreuzband im linken Knie gerissen. Foto: Heribert Förster

Köln/Aachen. Kuchen backen. Sonja wird mal wieder öfters Kuchen backen in den nächsten Wochen. Im Prinzip gibt es nur wenig schmackhaftere Hobbys. Allerdings auch nur wenig zweifelhaftere, wenn man aus beruflichen Gründen gezwungen ist, sein Gewicht zu halten und Süßes sauer aufstoßen kann. In Form von überflüssigen Pfunden, die man dann wieder mehr oder weniger strapaziös abkochen muss.

Sonja Wirth, die am 12. April 23 Jahre alt wird, wiegt im „normalen Leben“, 51, 52 oder 53 Kilogramm, je nach Tagesform. Wenn sie auf die Matte geht, darf Sonja nicht ein Gramm mehr als 48 Kilogramm auf die Waage bringen. Sonja Wirth ist Judokämpferin - nicht nur aus Leidenschaft. Sonja Wirth ist Profisportlerin, als Mitglied der Sportkompanie der Bundeswehr finanziell abgesichert. Nebenbei studiert die Kämpferin des Brander TV in Köln noch Psychologie. Ernsthaft, aber halt nebenbei, Judo spielt in ihrem Leben die Hauptrolle.

Man muss schreiben: spielt. Auch wenn sich die gebürtige Metternicherin das Kreuzband im linken Knie gerissen hat und erst einmal keine Matte betreten wird, Judo bleibt die Nummer eins im Leben der zierlichen Hauptgefreitin. Ohne Wenn und Aber. Die Gedanken kreisen um die anstehende Operation, welche Methode am besten für eine Judokämpferin ist, wie das Knie schnell wieder stabilisiert, wie die Zeit überbrückt werden kann bis zum Wiedereinstieg ins Training. Sonja lebt auf, wenn sie vom Judo erzählt. Wenn andere Profisportler vielleicht deprimiert über ihr Schicksal hadern würden, versprüht Sonja Wirth gute Laune und Tatendrang.

Klar, es hat ein paar Tage gedauert nach dem bitteren Auftritt beim Grand Prix im türkischen Samsun, als sich Sonja Wirth im Kampf gegen die Italienerin Valentina Moscatt die schwere Verletzung zugezogen hat. Doch längst lächelt sie, wenn sie sich auf Krücken über Kopfsteinpflaster quält, ein freundliches „prima“ schallt durch die Leitung, wenn man Sonja am Telefon fragt, wie es ihr geht. Und so wie Achtklässler sich auf die nahenden Osterferien freuen, so sehnt Sonja den 22. April herbei. „Dann stelle ich mich bei einem Operateur vor, der mich vielleicht schon am 23. April operiert.“ Immer nach dem Motto: Je früher ich unters Messer komme, desto früher kann ich wieder anfangen.

Man ahnt es: Geduld ist nicht die große Stärke einer der besten deutschen Kämpferinnen in der Klasse bis 48 Kilogramm. Ganz im Gegensatz zu der (immer) positiven Einstellung. Sonja Wirth sagt: „Besser so, als wenn ich die Qualifikation für die Olympischen Spiele hätte und dann nicht kämpfen könnte.“

Gut, die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sind „erst“ im Jahr 2016, die Verletzung bis dahin sicher überwunden. Aber bereits jetzt beginnt bei den Judokas die durchaus komplizierte Qualifikation für Rio, kann jeder Kämpfer und jede Kämpferin Punkte sammeln (über den genauen Modus informieren wir Sie in einer späteren Serien-Folge). Das wollte Sonja auch in Samsun, denn im Laufe des bisherigen Jahres hatte sich die 22-Jährige kontinuierlich gesteigert, war in der Weltrangliste nach Platz fünf beim Grand Prix in Düsseldorf und Rang drei bei den European Open in Warschau auf Platz 49 geklettert, war richtig gut in Form…

In Samsun konnte sie es nicht beweisen, der Kampf gegen Valentina Moscatt, Nummer 17 in der Welt, war schnell vorbei. Und Sonja Wirths wohl größter Fan war Ohrenzeuge der schlimmen Verletzung. Papa Peter saß zu Hause vor dem Computer, verfolgte via Livestream das Turniergeschehen in Samsun. Die Kamera war gerade zu einem anderen Kampf geschwenkt worden, da hörte Peter Wirth einen Schmerzensschrei von irgendwo aus der Halle und wusste sofort: Das ist Sonja! Er hatte seine Tochter am Schrei erkannt! Und sofort erhielt Sonja eine SMS vom Papa: „Was ist passiert?“

Dass das Innenband gerissen war, sagte ihr der türkische Mattenarzt sofort. Und jeder, der das Video von Sonjas Sturz gesehen hat, wusste: Da muss mehr kaputt sein. Sonja hat die Aufnahme noch nicht gesehen, jeder der sie kennt, rät ihr ab, sie anzuschauen. „Vielleicht später einmal“, sagt sie, und man ahnt: Eigentlich würde sie es gerne so schnell wie möglich sehen… Hätte sie es sich jedoch sofort anschauen dürfen, wäre auch Sonja Wirth wahrscheinlich nicht davon ausgegangen, dass nur das Innenband gerissen ist. Aber sie klammerte sich an diesen Gedanken („das hätte nur acht Wochen Pause bedeutet“), hegte die Hoffnung bis zur Kernspintomografie zwei Tage nach dem Unfall wieder daheim in Deutschland.

Die nur kurzfristig niederschmetternde Diagnose beschert Sonja für die kommenden Tage ein bisschen mehr Freizeit als gewohnt. Sie wird intensiver studieren, mal wieder ein Buch lesen - und Kuchen backen. Auch für die ganzen Kolleginnen und Kollegen im Leistungszentrum in Köln, die sich alle bei Sonja gemeldet und alles Gute gewünscht haben. Sonja sieht die Gruppe fast täglich, denn die Krankengymnastik findet dort statt. Bald wird sie dort niemanden antreffen, wenn sich die Gruppe andernorts auf die Europameisterschaften vorbereitet. Für dieses Turnier, das ab dem 24. April in Montpellier stattfinden wird, wäre Sonja vielleicht noch als Nachrückerin nominiert worden. Stattdessen wird sie vielleicht einen Tag zuvor auf dem OP-Tisch landen. Aber auch dort wird sich die Branderin nicht davon abbringen lassen, dass sie einen ganz bestimmten Weg eingeschlagen hat. Den zu den olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.

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