Jens Voigt: „Ich war als Kind ein Troublemaker“

Von: Christoph Pauli
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„Wie schwer das Rennen ist, siehst du erst, wenn du die gezeichneten, abgemagerten Fahrer in den letzten Tagen siehst“, weiß Jens Voigt, hier im Juli 2014 während der Frankreich-Rundfahrt. Foto: imago/Belga
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Erntete nur Spott, als er in jungen Jahren sagte, er wolle die Tour fahren: Jens Voigt. Foto: imago/Sirotti

Mönchengladbach. Beim letzten Start einer Tour de France in Deutschland war Jens Voigt ausgesperrt, als der Tross 1987 in Westberlin startete. Voigt war damals fast 16 Jahre alt, als sich Pedro Delgado, Laurent Fignon oder Stephen Roche und ihre Kollegen aufmachten. Der junge Mann verfolgte das Spektakel „im verbotenen Westfernsehen“, das damals noch ausführlich übertrug. In den ostdeutschen Zeitungen fand sich nur eine kleine Notiz.

Der Pubertierende aus dem mecklenburgischen Grevesmühlen fuhr selbst ein bisschen Fahrrad, aber mehr um seinen Zorn zu bändigen. „Ich war als Kind ein Troublemaker, bei dem viele Defekte diagnostiziert wurden. Als Therapie wurde ich zum Sport geschickt.“ Der Ehrgeiz schlummerte in ihm, er wurde immer größer. „Ich will einmal bei der Tour de France starten und sie beenden“, sagte er kurz nach dem Mauerfall. Damals erntete er nur ein spöttisches Grinsen bei seinen Zuhörern.

Jetzt steht er etwas hemdsärmelig an einem Rednerpult, die rührige „Mönchengladbach Initiative“ hat ihn eingeladen. Es ist ein Abend im Frühjahr, Voigt war in diesem Jahr schon in Australien, USA und Brasilien bei Radrennen. Er hat die Fronten schnell gewechselt, berichtet nun für den amerikanischen Sender NBC über die Rennen dieser Welt.

Ein großer Anekdotenschatz

In ein paar Tagen rollt die Tour durch die Region, und einen besseren Experten kann man sich kaum vorstellen. 17 Mal ging Voigt seit den Tagen des verbotenen Westfernsehens an den Start, ist mit George Hincapie (USA) und Stuart O’Grady (Australien) der Rekordteilnehmer der Rundfahrt. An diesem Abend will Voigt ein bisschen mehr Lust auf das Ereignis machen. Er legt vier handgeschriebene Zettel auf sein Pult, an die er sich erst spät erinnert, als er auf die Uhr guckt. Dann überfliegt er die Notizen – irgendetwas Wichtiges vergessen? – und legt sie zufrieden wieder auf die Seite. Er lässt es rollen, wer so oft dabei war, verfügt über einen großen Anekdotenschatz über das „größte jährlich stattfindende Sportereignis auf dieser Erde“. Und er muss sich nicht mehr an eine Teamstrategie halten. Er kann ein Solo starten wie an diesem Abend.

Die Begeisterung steigt mit jeder Pointe wieder hoch, obwohl er die Karriere längst beendet hat nach 17 Jahren bei der Tour, 344 beendeten Etappen, nach schweren Krankheiten unterwegs und „etwa 20 bis 30“ Stürzen. 2009 stürzte er schwer bei einer Abfahrt in den Vogesen. Er wurde mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen, zog sich ein bedrohliches Blutgerinsel im Kopf zu, musste drei Monate pausieren. Gedanken ans Aufhören kamen ihm nicht. „Meine Idee vom Leben: Jeder hat es selbst in der Hand, soll das Beste daraus machen.“ Er war noch nicht fertig.

Fast ein Jahr seines Lebens verbrachte er bei der Tour de France. Insgesamt, so hat er mal ausgerechnet, hat er etwa 850.000 Kilometer im Rennsattel verbracht, seitdem er 1997 zum Berufsfahrer wurde. Bei der Tour de France 2001 trug er für einen Tag das Gelbe Trikot, nachdem er auf der siebten Etappe durch die Vogesen hinter Laurent Jalabert den zweiten Platz errungen hatte. Ein paar Tage später gelang Voigt im französischen Zentralmassiv schließlich sein erster Etappensieg nach langer Flucht, die er dieses eine Mal erfolgreich abschloss.

Voigt war beliebt für seine offensive Fahrweise, er attackierte gerne, schaffte tausende Kilometer als Ausreißer, ehe er meistens wieder eingeholt wurde und sich auf den letzten Kilometern flugs in den Dienst der Mannschaft stellte. Jahrelang wurde er zum „Radsportler des Jahres“ ausgerufen.

Die Tour ist nicht nur ein Radrennen, sie ist ein Abenteuer, findet er. „Es ist ein Familienausflug, Briten, Australier, Belgier, Iren, Franzosen, Luxemburger und Deutsche stehen nebeneinander, lernen sich kennen, die Kinder spielen zusammen.“ Tag für Tag wird eine Kleinstadt bewegt. Die Karawane zieht immer weiter. 2000 Journalisten, 100 TV-Stationen berichten über die Tour. Für die Fahrer bleibt es eine „Tor-Tour“. „Wie schwer das Rennen ist, siehst du erst, wenn du die gezeichneten, abgemagerten Fahrer in den letzten Tagen siehst.“ Ein Viertel der Teilnehmer kapituliert regelmäßig.

Viele Kollegen seines Teams CSC wurden in den verseuchten Jahren des jahrelangen Dopings überführt. Voigt erklärte immer wieder, dass er nie etwas vom Doping im Team bemerkt habe. Tyler Hamilton warf Voigt im Herbst 2012 vor, ihm bei der Dopingaufklärung in den Rücken zu fallen, und sagte, Voigts Erklärung sei das Lächerlichste, was er in seinem Leben erlebt habe. Diese Debatten gehören zur Tour wie der kilometerlange Begleittross. Aber an diesem Abend in Mönchengladbach wird das Thema nicht mal gestreift. Es hat niemand auf dem Zettel.

Die Zuhörer hier lassen sich lieber vom Charme Voigts einfangen.„Es wurde mal wieder Zeit, die Tour nach Deutschland zu holen“, findet er. Beim Tour-Auftakt 2014 in Yorkshire wurden 2,5 Millionen Zuschauer gezählt, in Düsseldorf werden Anfang Juli auch über eine Million Menschen erwartet. „Ich konnte mein Glück gar nicht in Worte fassen, als ich davon hörte, da stand ich fast wieder vor dem Comeback“, sagt der 45-Jährige grinsend.

Wie gemütlich werden die ersten Kilometer? „Die Zeiten, in denen die Sportler locker einrollten, sind vorbei.“ Es gibt nur zwei Zeitfahren, da kann man schon auf den ersten 14 Kilometern der Tour in Düsseldorf alle Ambitionen verlieren. Die Sprinter wollen möglichst wenig Zeit verlieren, Tony Martin kann sofort gewinnen, das wäre der Traum der Organisatoren. Deutschland hat gute Sprinter: Tony Martin, Marcel Kittel, John Degenkolb oder André Greipel kommen für Tagessiege bei den neun Flachetappen in Frage. Marcus Burghardt kann bei den „mittelschweren Profilen“ vorne mitmischen. „Aber bei den fünf Bergetappen und im Gesamtklassement spielen die Deutschen keine große Rolle.“

Am zweiten Tag in der Region gewinnt schon kein Sprinter mehr, denn vor dem Ziel in Lüttich auf dem Boulevard de la Sauvenière ist eine kleine Welle, sagt Voigt voraus. Ein schneller Wechsel des Gelben Trikots wäre keine Überraschung. Vor der zweiten Etappe werden die Fahrer sehr aufgeregt sein, nach fünf Kilometern gibt es am Düsseldorfer Grafenberg die erste Bergwertung (4. Kategorie) in diesem Jahr. Das Feld wird also schnell auf Touren kommen. Später könnte es auf den Flachstücken sehr windig zugehen, es wird Ausreißversuche geben, vermutet Voigt. In Mönchengladbach findet der erste Stresstest statt. Mit Tempo 70 jagen die besten Radler zur ersten Sprintwertung.

Diese Tour hat noch nie einen glücklichen Sieger gehabt, sagt Voigt. „Es gibt nur verdiente Gewinner auf den Champs-Élysées.“ Der „Radrentner“ muss zum Tourauftakt in Düsseldorf noch mal auf die Bühne. Angefangen hat er als heimlicher Zuhörer im Westradio, später ist er dann selbst zum Protagonisten geworden. An diesem Sommertag im Juli wird Voigt geehrt für seine Jahre bei der Tour mit der „Medaille der Treue“.

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