Istanbul: Die Tage, als der alte Hass vergessen war

Von: Alexander Barth
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„Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“: Der Schlachtruf der Demonstranten erreichte im Frühsommer 2013 auch die Stadien der großen Istanbuler Fußballklubs. Spontan solidarisierten sich die Fans und Ultras mit den Protestlern rund um den Taksim-Platz. Foto: Port-Au-Prince Filmverleih
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„Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“: Der Schlachtruf der Demonstranten erreichte im Frühsommer 2013 auch die Stadien der großen Istanbuler Fußballklubs. Foto: Port-Au-Prince Filmverleih
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Gegensätze vereint: Drei Männer in Trikots der verfeindeten Fußballklubs Fenerbace, Galatasaray und Besiktas demonstrieren Ende Mai 2013 in Istanbul gegen das System von Staatschef Erdogan. Foto: Screenshot

Istanbul/Köln. Am Anfang der Geschichte steht ein Foto, das Olli Waldhauer im Internet entdeckte. Das Bild zeigt drei junge Männer, Arm in Arm während einer Demonstration in Istanbul. An sich nichts Besonderes im aufgewühlten Frühsommer 2013 in einer der größten Stadt Europas.

Was den Kölner Filmemacher und seinen Kollegen Farid Eslam allerdings geradezu elektrisierte, war die Tatsache, dass die drei jeweils eines der Trikots der Istanbuler Fußballklubs Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas trugen. Der Schulterschluss der ansonsten bis aufs Blut verfeindeten Fans war der Aufhänger für den Dokumentarfilm „Istanbul United“, der jetzt in den deutschen Kinos angelaufen ist.

„Seit Tagen hatten wir beobachtet, was in der Stadt los war, wie das Erdogan-Regime und seine Erfüllungsorgane die Demonstranten mit Gewalt drangsalierten. Wir haben gesagt: Da müssen wir hin, und zwar mit der Kamera. Das Foto war die Initialzündung“, sagt Regisseur Waldhauer. „Mir war klar: Wenn die verfeindeten Fans dieser drei Vereine sich zusammentun, muss etwas Besonderes passiert sein. Seit dem 30. Mai 2013 hatten wir den Aufhänger für unseren Film.“ Der heißt wie das Phänomen: „Istanbul United“ – der Slogan verbreitete sich via Internet, T-Shirts wurden gedruckt, irgendwo in den Tiefen des Internet tauchte ein Logo auf, das die Wappen der drei Klubs in sich vereinte.

Eslam und Waldhauer haben die Fußballfans und ihre Beteiligung an den Protesten begleitet und dabei eindringliche Bilder, Stimmen und Stimmungen eingefangen. Herausgekommen ist ein dichtes Porträt über die Überwindung von tiefen persönlichen Abneigungen vor dem Hintergrund der Proteste in Istanbul. „Sofort nach unserer Ankunft sind wir in einen Strudel aus Revolution, Verzweiflung, Unzufriedenheit und Gewalt geraten“, erinnert sich der Enddreißiger drastisch. „Vor allem die ersten Tage waren intensiv, eigentlich ein Nonstop-Adrenalinrausch“, erinnert sich Waldhauer.

Der Schulterschluss der verfeindeten Fangruppen von Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas geschah, als es schon nicht mehr um den Erhalt des kleinen Gezi-Parks am Rande des belebten Taksim-Platzes im Istanbuler Zentrum ging. „Am Tag, als wir ankamen, wurde der Park geräumt. Die Proteste richteten sich längst gegen die autoritäre und rückwärtsgewandte Regierung Erdogan“, sagt Waldhauer über die Stimmung in den ersten Drehtagen. „Jeden Abend eskalierten die Demonstrationen, und wir waren mittendrin.“

Während der Film zunächst den abgrundtiefen Hass unter den Istanbuler Fangruppen anhand von Gesprächen, Schmähgesängen und drastischen Prügelbildern skizziert, richten die Macher in der Folge ihren Blick zusehends auf die Proteste – ganz so, wie es auch bei den Fußballfans der Fall war. „Wie aus heiterem Himmel tauchten immer mehr Menschen in Trikots auf dem Taksim-Platz auf“, erzählt Waldhauer. Ein türkischer Journalist beschreibt die Präsenz der Fans als ein „Auftauchen der Kavallerie“. Vor allem Mitglieder der Ul-tra-Gruppe „Carsi“ von Besiktas Istanbul, neben der Gewaltbereitschaft gegen andere Fußballfans auch für ihr soziales Engagement bekannt, solidarisierten sich mit den Demonstranten.

Gegen die Übermacht

Es gab Applaus für die hartgesottenen Männer, die plötzlich Seite an Seite mit Politaktivisten, Normalos und nicht zuletzt ihren „natürlichen Feinden“ auftraten. Der Unmut über die Gewalt gegen Demonstranten habe sie angetrieben, vermutet der Filmemacher – ausgeübt durch die verhasste und vor allem übermächtige Istanbuler Polizei, von denen sich die Fußballfans ohnehin ständig drangsaliert fühlen.

Bedrückende Sequenzen, gedreht in tränengasgeschwängerter Umgebung, zeigen im Verlauf des Films die Sicht der Demonstranten, die sich allabendlich einem massiven Polizeiaufgebot gegenüber sahen. „Damit bilden wir einen Kontrapunkt zu den meisten Reporterbildern“, rühmt sich Waldhauer, „die haben sich meistens hinter den Polizeiketten postiert und von dort draufgehalten.“ Dabei sei es eben auch immer wieder zu „besagten Adrenalin-Momenten“ gekommen. „Du verlierst innerhalb von Sekunden alle Leute, die kurz zuvor noch bei dir waren. In vielen Situationen habe ich erst hinterher begriffen, was wir da gerade miterlebt haben“, sagt der Filmemacher. „Alles schreit durcheinander, neben dir haut der Wasserwerfer jemanden von den Füßen, und dann noch das Tränengas.“

Auch die Männer mit der Kamera passten sich den Umständen an, die im Frühsommer 2013 auf der zur Kampfzone mutierten Istanbuler Einkaufsmeile Istiklal herrschten. „Gasmaske und Mundschutz, das musste einfach sein.“ Waldhauer spricht von „emotionalen und gefährlichen Momenten“, die über ihn und sein kleines Team hereinbrachen. „Erst Wochen später, beim Sichten des Materials, habe ich richtig begriffen, dass tausende Menschen wochenlang ihre Gesundheit und ihr Leben riskiert haben, wenn sie zum Taksim-Platz gekommen sind. Ich kannte ja vorher auch nur die Fernsehbilder, wie jeder andere, der aus der Ferne zuschaut.“ Nun standen Waldhauer und Eslam mittendrin und fingen für ihren Film die Dramatik und gleichzeitig die Ohnmacht der Demonstranten ein: Eine Frau, die in einer Tränengaswolke von Panik erfasst wird. Ein Kind, das sich übergeben muss. Ein alter Mann, der verzweifelt auf Polizisten einredet. Auf Kommentierung verzichten die Regisseure, lassen die Bilder für sich sprechen.

Was genau die Fans der drei größten Fußballklubs der Türkei ihre Abneigungen überwinden ließ, um zum gemeinsamen Protest überzugehen, mag auch der Augenzeuge Waldhauer nur vermuten. Die Wut auf Staatschef Erdogan, der die Protestierenden als Räuber und Plünderer beschimpfte, das extrem harte Vorgehen der Polizei bei der gewaltsamen Räumung des friedlich besetzten Gezi-Parks, die Fernsehbilder mit dem wiederkehrenden Szenario des rücksichtslosen Niederknüppelns von Demonstranten durch die Staatsorgane in den folgenden Tagen und Wochen – für Olli Waldhauer mögliche Auslöser zur Entstehung der ungewöhnlichen Allianz: „All das hat wohl die Mauern bröckeln lassen, die schon ewig bestehen“. Dabei legt der Kölner Regisseur Wert auf die Tatsache, dass „Istanbul United“ keine geplante Aktion gewesen sei. „Da haben sich nicht etwa die Chefs der großen Ultra-Gruppen der drei Klubs an einen Tisch gesetzt. Das Auftreten bei den Demos war völlig spontan.“

Was folgte, war eine Wechselwirkung aus Mechanismen, die der Protest in die Metropole am Bosporus getragen hatte. Der längst in den Straßen etablierte Schlachtruf „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“ hallte plötzlich durch die Stadien, während die Ultras sich in den Dienst der Bewegung und der Polizei entgegen stellten.

Um das Phänomen „Istanbul United“ zu verstehen, müsse man kein Fußballfan sein, findet der Kölner Waldhauer, selbst glühender Anhänger des dort heimischen FC. „Es genügt, sich bewusst zu machen, dass hier plötzlich Menschen miteinander ausgekommen sind, die sich ansonsten nichts zu sagen haben, sich viel eher sogar noch richtig auf die Mappe hauen würden. Rivalität beschreibt das Verhältnis zwischen den Klubs nicht ausreichend. Feindschaft ist das einzige Wort.“ Die Annäherung habe dem System nicht geschmeckt. „Erdogan hat Angst vor Fußballfans, die sich organisieren und einmischen“, sagt Olli Waldhauer. Die späte Rache des Staatsoberhaupts droht jetzt mit Prozessen (siehe Box).

Am Ende eine Randerscheinung

In einer vom Protest bewegten Türkei sei „Istanbul United“ letztlich eine Randerscheinung gewesen, glaubt Waldhauer. „Viele Interessengruppen sind im Land auf die Straße gegangen, die Fußballfans waren eine, wenn auch die vielleicht bemerkenswerteste.“ Die Frage, was von den Gezi-Protesten geblieben ist, stellt sich spätestens, seitdem Recep Tayyip Erdogan kürzlich zum Staatspräsidenten gewählt wurde und seine Macht weiter stärken konnte. „Bei vielen Leuten, mit denen wir gesprochen haben, herrscht Ernüchterung“, sagt Olli Waldhauer, „von politischen Verbesserungen keine Spur, und Erdogan kann als Quasi-Kalif seine Rückwärtspolitik fortführen.“

Eine Gesprächspartnerin für den Film habe ihre Stimmungslage so geschildert: „Die Politik hat sich nicht geändert. Aber wir haben uns verändert. Wir achten mehr aufeinander.“ Auch die Fan-Allianz hielt nicht lange. Im Herbst 2013 gehörten Gewalt und Hass wieder zum Alltag im Istanbuler Fußball. Das belegt auch „Istanbul United“, der Film zum Phänomen. Bis heute hallt der „Überall ist Taksim“-Ruf noch vereinzelt durch die Stadien. „Viel ist nicht geblieben. Immerhin ist seitdem niemand mehr gestorben. Das klingt zynisch, ist aber ein Unterschied zur Vergangenheit.“ Olli Waldhauer findet blumige Worte der Hoffnung: „Da gibt es ein zartes Pflänzchen, das kurz, aber heftig blühte, und jetzt umsorgt werden muss.“

Am Sonntag, 21. September, um 20.15 Uhr ist „Istanbul United“ im Aachener Apollo-Kino zu sehen. Olli Waldhauer wird nach der Vorführung Fragen zum Film und seiner Entstehung beantworten. Infos unter www.apollo-aachen.de.

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