Aachen - In Sotschi wächst der nächste Formel-1-Kurs aus Aachen

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In Sotschi wächst der nächste Formel-1-Kurs aus Aachen

Von: Klaus Schmidt
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Und ab durch den Olympia-Park: Sauber-Testpilot Sergej Sirotkin bei einer Demonstrationsfahrt in Sotschi im September letzten Jahres. Foto: sport/Itar-Tass
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Anregungen willkommen: Hermann Tilke (links) und der vierfache Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel. Foto: sport/LAT Photographic

Aachen. Nach den Olympischen Winterspielen noch die Paralympics (bis 16. März), dann kann‘s weitergehen mit den Arbeiten für die Formel 1. Zum ersten Mal wird in diesem Jahr (12. Oktober) der Große Preis von Russland ausgefahren, auf dem „Sochi International Street Circuit“. Auch der Kurs durch den Olympia-Park wurde im Architekturbüro von Hermann Tilke gezeichnet.

Und auch diesmal ist der Aachener sicher: Alles wird rechtzeitig fertig zum 16. von 19 WM-Läufen.

Was war die besondere Herausforderung in Sotschi?

Tilke: Der Olympische Park, in den wir die Rennstrecke integrieren sollten, war schon entworfen und teilweise im Bau, als wir 2010 dazukamen. Die besondere Herausforderung ist, dass wir innerhalb einer Riesen-Baumaßnahme eine eigene Baumaßnahme hatten und haben. Sowohl in der Planung mit der ganzen Abstimmung als auch später im Bau. Wenn Sie sich vorstellen: Wir sind ja nur zehn Prozent des Gesamten, aber innerhalb des Gesamtbauwerks drin. Das gibt immer besondere Abstimmungsprobleme. Da muss man eine besondere Methodik entwickeln, damit man das auch wirklich hinkriegt mit den ganzen Schnittstellen.

Sotschi wird eine permanente Rennstrecke?

Tilke: Nein. Nur der Start-Zielbereich ist permanent mit einem kleinen Kurs von knapp zwei Kilometer. Der Rest von insgesamt 5,8, also 3,8, ist nicht permanent und wird jedes Jahr wieder neu aufgebaut. Wir benutzen die von uns modifizierten Straßen des Olympischen Parks.

Mit welcher Grundidee sind Sie an die Planung gegangen?

Tilke: Wir wollten die Atmosphäre erhalten. Es ist wirklich etwas Einzigartiges. Man fährt um die Stadien herum, teilweise ganz eng, man zeigt die Stadien, man zeigt dieses olympische Flair. Das hat’s noch nie gegeben. Das wollten wir durch die Streckenführung auch zeigen. Dass das die Kameras mitnehmen, die Atmosphäre entsprechend ist. Das wird außergewöhnlich.

Was sind – von der Streckencharakteristik her – die Alleinstellungsmerkmale gegenüber den anderen Kursen, die Sie entworfen haben?

Tilke: Da sind ein paar schnelle, sehr schnelle Kurven drin, eine Kurve, die es so noch nicht gab: Da wird reingefahren mit 130 und man kommt raus mit über 300. Eine ganz lang gezogene Linkskurve, die nicht aufhört, never-ending, wo man komplett durchbeschleunigt. Sehr aufregend.

Welche unvorhergesehenen Überraschungen mussten Sie meistern?

Tilke: Unvorhergesehenes kam immer wieder durch die Zusammenarbeit innerhalb des Gesamtprojekts. Weil wir ja eine separate Baustelle waren innerhalb der gesamten olympischen Baustelle. Da gab es und gibt es jeden Tag Überraschungen. Infrastrukturleitungen, ganze Leitungspakete, liefen da plötzlich bei uns durch, wo wir sie nicht gebrauchen konnten. Da musste man wieder reagieren, wieder umplanen. Es gab eine Menge Abstimmungsprobleme. In Teilbereichen hatten wir sehr schlechten Boden, den man plötzlich gefunden hatte, irgendwelche Nester, die man komplett bearbeiten musste, bevor man da überhaupt eine Straße drüber bauen konnte. Aber wir sind ja dafür da, um solche Probleme zu lösen, mit den anderen natürlich.

Wie ist der Stand in Sachen Zeitplan?

Tilke: Es läuft alles. Wir haben Anfang Dezember aufgehört und jetzt Pause bis April, wenn die Paralympics beendet sind. Wir können leicht was im Innenausbau machen, im Boxengebäude zum Beispiel. Dann müssen wir einiges wieder wegräumen von Olympia. Am Anfang hinkte der Zeitplan ziemlich hinterher. Wir hatten eine Zeit lang richtig schlechtes Wetter, sehr viel Regen – wir waren gerade im Erdbau, da versumpft natürlich alles, da kann kein Lkw mehr fahren. Ein Grund war auch, dass die ganze Maschinerie erst mal anlaufen musste – die Bauarbeiten für Olympia hatten ja längst begonnen, das musste abgestimmt werden. Die Verzögerungen sind aufgeholt, das wird alles rechtzeitig fertig. Es gibt immer Leute, die aus ‘ner Mücke ‘nen Elefanten und daraus eine Nachricht machen wollen.

Wie war und ist denn die Zusammenarbeit mit den Russen? Haben Sie sich mit Themen wie Korruption, Arbeitsbedingungen und Enteignungen auseinandergesetzt, oder spielt das keine Rolle, wenn ein Auftrag erteilt wird?

Tilke: Grundsätzlich bauen wir überall. Und in Russland haben wir ja schon Erfahrung, haben eine Rennstrecke bei Moskau gebaut und andere Dinge an verschiedenen Orten. Russland hat eine relativ große Bürokratie, darauf muss man sich einstellen. Von allen anderen Dingen haben wir eigentlich nichts mitgekriegt. Von Enteignungen zum Beispiel habe ich auch nur gelesen. Das war ja alles schon Jahre vorher gelaufen, bevor wir überhaupt ins Spiel kamen – wenn da so was war. Man muss ja auch immer vorsichtig sein in den Aussagen, aus vielem wird ‘ne Nachricht gemacht. Ich weiß es nicht. Ich kann nicht sagen: Es ist passiert. Ich kann aber auch nicht sagen: Es ist nicht passiert.

Warum findet man auf der Tilke-Homepage nichts über das Sotschi-Projekt?

Tilke: Es gab am Anfang viele Gerüchte. Es wird nicht fertig und so weiter, was auch immer. Da war es ein Wunsch unserer Auftraggeber, Formula Sochi, das noch nicht auf die Homepage zu stellen. Aber wir werden es jetzt machen, nach den Spielen.

Es heißt, die Baukosten seien aus dem Ruder gelaufen, 250 Millionen Euro statt 160 Millionen.

Tilke: Es ist sehr schwierig, überhaupt etwas zu den Kosten zu sagen. Weil ja viele Dinge doppelt genutzt werden, von Olympia und von der Formel 1. Gebäude zum Beispiel wie teilweise das Boxengebäude. Oder die Straßen: Wir haben sie modifiziert und letztendlich gebaut, sie wären aber auch gebaut worden – vielleicht ein bisschen anders – ohne uns, nur für Olympia. Es gibt so viele Verzahnungen, dass man das gar nicht wirklich sagen kann: Das kostet die Formel 1 – und das nicht. Wie die ihre Budgets intern auseinanderrechnen, wissen wir gar nicht.

Nach Istanbul sind jetzt auch Südkorea und Indien aus dem Grand-Prix-Kalender verschwunden. Tut Ihnen das weh, wenn Tilke-Kurse schon in relativ kurzer Zeit wieder Formel-1-Brachland sind? Was passiert nun auf den Strecken?

Tilke: Das tut mir leid, klar. Das ist nicht so prickelnd. Aber da stecken wir nicht drin. Das sind entweder politische oder finanzielle Entscheidungen oder beides. Wir haben immer noch guten Kontakt zu allen Rennstrecken, die wir gebaut haben. Da passiert schon einiges, auf den meisten Strecken zumindest. Die werden schon sehr häufig genutzt, für kleine Rennen, für nationale Rennen, für internationale Rennen außerhalb der Formel 1, für Incentive-Veranstaltungen, Tests, Fahrer-Lehrgänge.

Wie reagieren Sie auf die Kritik, dass die Auslaufzonen auf Tilke-Strecken mit ihren riesigen Asphaltflächen eher Parkflächen gleichen und dass zu viele Randsteine verbaut würden?

Tilke: Randsteine verstehe ich jetzt gar nicht. Curbs wurden immer verbaut und immer genauso viel, der Ideallinie entsprechend. Wenn die Ideallinie nach außen geht, muss da ein curb hin. Was die Auslaufzonen betrifft: Die sind in der Größe reduziert worden durch den Einsatz von Asphalt – eine Idee von Bernie Ecclestone. Die Verzögerung ist größer, das Auto kommt schneller zum Stehen bei einem Unfall oder Dreher oder Ausrutscher als im Kies. Man sieht das in Zeitlupen sehr gut: Wenn einer im Kies rausfährt, dann verliert das Auto den Bodenkontakt. Und in der Luft verzögert man nicht. Deshalb ist das schlechter. Natürlich haben die alten Rennstrecken weniger Auslaufzonen, weil sie Bestandsschutz genießen. Aber bei den neuen Strecken werden die Auslaufzonen nach einer Formel bemessen, die die FIA herausgibt.

In New Jersey, dem ersten Stadtkurs aus dem Tilke-Büro, soll nun endlich im dritten Anlauf 2015 gefahren werden. Würden Sie darauf Wetten abschließen? Sind Sie langsam genervt von den ständigen Verschiebungen?

Tilke: Ich weiß nicht, was passiert. Ich habe keine Ahnung, was da im Hintergrund läuft, ob es wird oder nicht wird. Von unserer Seite aus wäre es möglich, dort nächstes Jahr zu fahren.

Wie ist der Stand bezüglich einer möglichen zweiten Formel-1-Strecke in Malaysia?

Tilke: Davon ist nie die Rede gewesen. Es ist eine Strecke bei uns in der Planung, aber keine Formel-1-Strecke, sondern eine Formel-1-taugliche Strecke – vom Layout her, den Sicherheitszonen und so weiter. Sie wird am Stadtrand von Singapur, auf der malaysischen Seite, gebaut. Das wird eine Strecke, die hauptsächlich für Incentives, für Veranstaltungen genutzt wird. Der Auftraggeber hat gesagt, er möchte einen Sicherheitsstandard haben wie in der Formel 1.

Warum ist aus dem Stadtrennen in Rom bislang nichts geworden?

Tilke: Aus politischen und finanziellen Gründen. Die Stadtregierung wollte das irgendwann nicht mehr.

Welche Rolle spielt Sebastian Vettel für Ihre Arbeit?

Tilke: Ich frag‘ ihn schon mal nach Details. Über Sotschi haben wir aber nicht geredet. Das war ja schon 2010 in der Planung, da hatten wir noch nicht den Kontakt. Aber Sebastian war schon mal da in Sotschi. Ich rede auch mit anderen Fahrern, mit Adrian Sutil, damals mit Michael Schumacher viel. Da fließen schon Anregungen mit ein.

Welchen Traum von einer Strecke möchten Sie sich noch erfüllen?

Tilke: Es gibt immer interessante Städte, interessante Locations, in die man das einbetten könnte. Alles, was extrem ist, ist interessant zu designen und reizt besonders. Extreme Höhenunterschiede, extreme Städte. Aber ein spezielles Bild habe ich da nicht vor Augen.

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