Idrissou und die Kölner Kopfschmerzen

Von: Michael Krämer
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„Gegen Köln treff‘ ich immer!“ Kaiserslauterns Torjäger Mohamadou Idrissou. Foto: Rainer Dahmen
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Wenn der „Betze“ bebt: Am Freitag wird es mit Sicherheit beim Duell des heimischen FCK gegen den 1. FC Köln wieder einmal der Fall sein. Foto: imago/Ulmer

Kaiserslautern. Mitchell Weiser ist ein Künstler der Verwandlung. Als letzter Spieler erreicht der 18-Jährige in seinem schwarzen Kleinwagen das Trainingsgelände des 1. FC Kaiserslautern, doch Minuten später betritt er rechtzeitig mit seinen Teamkollegen den Rasen neben dem Fritz-Walter-Stadion. Weiser schleppt die Getränke auf den Platz.

In Kaiserslautern ist er Hoffnungs- und Wasserträger in Personalunion. In Köln löste er vor einem Jahr Stephan Engels als jüngsten Profi in der Geschichte des 1.FC Köln ab.In beiden Städten sehnen die Fans seit Wochen das Duell um den Relegationsplatz der Zweiten Bundesliga herbei. Am Freitag um 18 Uhr wird das Verlangen gestillt, Fußball-Deutschland richtet den Blick mal wieder auf den Betzenberg. Und Weiser steht im Fokus, nachdem er sich auch sportlich verwandelt hat: Der Dreieckswechsel vom Geißbockheim über den FC Bayern München zum FCK ließ ihn vom Kölner Zukunftstrumpf zum potenziellen Schrecken in einem ohnehin von Furcht geprägten Duell werden.

 

 

 

Die bloße Spielansetzung „Kaiserslautern gegen Köln“ lässt FC-Fans seit Jahrzehnten erschaudern. Gegen kaum eine andere Mannschaft – Borussia Mönchengladbach einmal ausgenommen – haben die Kölner so viele und vor allem so schmerzhafte Pleiten einstecken müssen. In 96 Vergleichen siegte der FC bloß 26-mal, vom Betzenberg kehrten die Kölner meist schwer verprügelt und bloß fünfmal siegreich zurück. Neu ist aber, dass auch der FC Angst in der Pfalz verbreitet. Durch die jüngste Erfolgsserie hat die Mannschaft von Holger Stanislawski die „Roten Teufel“ von Rang drei verdrängt. Eine ganze Region zittert plötzlich wieder um die Relegationsteilnahme des FCK – selbst der seit Urzeiten als zyklisches Ereignis eingeplante Heimsieg gegen den FC erscheint nicht mehr als eine Art Naturgesetz.

„Wirklich immer“

Von jeglichen Sorgen befreit scheint bloß Mohamadou Idrissou. Der Stürmer hat den Kölner Fans durch seine Tore auf ganz andere Weise ganz ähnliche Schmerzen zugefügt wie Weiser durch seinen plötzlichen Abschied vom FC.

Im Gegensatz zu Weiser, der sich aufgrund der besonderen Umstände mit Äußerungen zurückhält, kann sich Idrissou kaum zügeln. Wie ein verknallter Teenager lässt er seinen Gefühlen freien Lauf: „Ich freue mich wahnsinnig auf Köln. Sie wissen genau, was sie hier oben erwartet. Gegen den FC habe ich immer getroffen. Mit Freiburg, Duisburg, Frankfurt, Hannover und Mönchengladbach beim 5:1 doppelt – wie beim 3:3 im Hinspiel. Wenn die Kölner mich sehen, bekommen Sie Kopfschmerzen“, sagt er und stellt – bevor er auf seinen kraftvollen, aber beinahe streichholzdünnen Beinen auf den Trainingsplatz stelzt – noch einmal klar: „Gegen Köln treffe ich wirklich immer.“

In der Tat scheint die Kombination aus Kölner Niederlagen am Betzenberg und Idrissous gegen den FC geschossenen Toren eine recht gute Basis für die Euphorie des Torjägers. Im Trainingsspiel zeigt er auch ohne großen Aufwand seine Qualitäten. Der 31-Jährige ist der konstanteste Spieler im seit Wochen etwas aus der Statik geratenen FCK-Gebildes. Acht Punkte Vorsprung auf den FC hat Kaiserslautern in der Rückrunde bereits verspielt. Trainer Franco Foda genießt dennoch hohe Wertschätzung. Marius, ein Zuschauer mit polnischem Akzent und großer Emotionalität, verpasst kaum eine Einheit. Sein Urteil ist klar. „Foda ist wie Mourinho.“ Ähnlich wie der dann doch etwas erfolgreichere Star-Trainer von Real Madrid pflegt auch Foda einen engen Kontakt zur Mannschaft, ohne sich vor klaren Worten zu scheuen.

Auf dem Weg von der Kabine zum Trainingsplatz plaudert er entspannt mit Mimoun Azouagh über dessen Luxus-Auto-Kauf-Pläne. Nur Minuten später verfliegt jegliche Lockerheit. Es gibt Ärger statt Ratschläge, die Leistung des gelben Teams im angesetzten Vierer-Turnier nötigt ihn vor 24 Zuschauern zu deutlicher Kritik. „Was ist das für ein Scheiß, den ihr da zusammenspielt? Schlecht war das, ganz schlecht. Nicht zu fassen.“ Zumindest muntert er die nächsten beiden aufs Feld kommenden Mannschaften auf. „Schlechter geht es nicht mehr“, raunzt Foda.

Ordentliche Stimmung

Obwohl die Spieler weiterhin Probleme mit den Vorgaben („Ein Stürmer kommt entgegen, lässt klatschen, dann in die Tiefe spielen“) ihres Trainers offenbaren, ist die Stimmung ordentlich. Und die fußballerische Klasse des nicht unbedingten pflegeleichten Ensembles imposant. Stürmer Erwin Hoffer grätscht gefühlte 96 Bälle über die Linie, Azouagh scheint unsichtbar mit dem Ball verbunden und Alexander Baumjohann niemals die Ruhe zu verlieren. Dazu kommen Idrissou, Kapitän Albert Bunjaku und Weisers Konkurrent Benjamin Köhler.

Noch immer grämen sich viele Kölner Anhänger über jenes von heftigen Ausschreitungen begleitete Spiel im Mai 2008, als der FC an gleicher Stelle die Gelegenheit verpasste, den hoch verschuldeten Rivalen am letzten Spieltag der Zweitliga-Saison in die Drittklassigkeit zu befördern. Und wohl auf ewig aus dem Profifußball zu verbannen. Doch das bereits als Aufsteiger feststehende Team von Christoph Daum unterlag mit 0:3. Kaiserslautern rettete sich wundersamerweise, zehrte ein Jahr vom nervenaufreibenden Sieg und zog sportlich und wirtschaftlich wieder am 1. FC Köln vorbei. Zumindest sportlich kann der FC den alten Wegbegleiter nun wieder einmal distanzieren.

Für Foda spielen die Emotionen der Vergangenheit keine Rolle, auf forsche Töne verzichtete er aber. „Wir haben 2013 erst einmal verloren. Es wird spannend bleiben“, sagt er. Der FC ist jedenfalls gewarnt – trotz der Serie von 15 ungeschlagenen Spielen und nur einem FCK-Erfolg aus den letzten sechs Partien. Um Dinge richtigzustellen, kamen für Kaiserslautern gerade im angeschlagenen Zustand Spiele gegen Köln stets gelegen.

Und für Mo Idrissou sowieso.

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