„Ich schwöre mir immer: Das machst du nie mehr!”

Von: Jan Schlegelmilch
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Der durch die Hölle geht: André Collet sucht immer wieder die Schmerzgrenze - und den Bereich weit darüber hinaus.

Aachen. Irgendwann setzt der Moment ein, in dem der Schmerz jede andere Sinneswahrnehmung überdeckt. André Collet geht von diesem Zeitpunkt an durch die Hölle. Die Muskeln brennen, der Kopf will nicht mehr. „Ich schwöre mir währenddessen immer: Das machst du nie mehr”, sagt Collet. Und er machts doch immer wieder.

Die meisten Leute runzeln mit der Stirn oder ziehen die Augenbrauen hoch, wenn sie hören, was Collet seinem Körper zumutet. Strecken, die viele nicht mit dem Fahrrad fahren wollten, Strecken, die viele nicht einmal mit dem Fahrrad zurücklegen könnten, läuft der Aachener zu Fuß: 100 Kilometer. In unter sieben Stunden. Ohne Pause. „Der Ultramarathon schreckt selbst erfahrene Marathonläufer ab”, weiß Collet um die Beliebtheit seines Hobbys. Auch für ihn ist der Ul­tramarathon, zu dem grundsätzlich jede Distanz über 42,2 Kilometer zählt, Fluch und Segen zugleich.

„Nichts mehr schönreden”

„Während des Wettkampfes kann man sich nichts mehr schönreden. Nach 50 bis 60 Kilometern ist man so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sich jeder ablenkende Gedanke innerhalb von Sekunden verflüchtigt”, beschreibt der Ex­tremsportler die Tortur, die den Körper immer wieder an die äußersten Grenzen seiner Leistungsfähigkeit bringt. „Man wird ständig von dem Gedanken überwältigt: Das schaffst du nicht mehr, hör auf. Da kommt es im Ernstfall auch schon mal vor, dass man betet.” Ernstfall hin oder her: Collet hört nicht auf, wehrt sich gegen die Signale, die sein Körper sendet, nimmt all diese Qualen in Kauf, beißt sich durch.

Schon fünfmal hat der 40-Jährige bis jetzt an einem Ultramarathon über 100 Kilometer teilgenommen, seit 2009 gehört er zum Nationalkader der Deutschen Ul­tramarathon-Vereinigung. Zuletzt ging Collet bei den Welt- und Europameisterschaften im niederländischen Winschoten an den Start, bei denen er mit einer Zeit von 7:05:35 Stunden WM-Neunter und EM-Vierter wurde.

Der Lauf bei Temperaturen um 30 Grad strapazierte seinen Körper so sehr, dass Collet anschließend zwei Tage mit Fieber im Bett lag. Aufstehen konnte er ohnehin nicht. Ein Jahr zuvor war Collet bei der WM und EM in Gibraltar mit 6:51:54 Stunden gar persönliche Bestzeit gelaufen, holte damit die Bronzemedaille bei den Europameisterschaften und belegte Platz sechs im weltweiten Vergleich.

Das Gefühl, nach 100 Kilometern endlich ins Ziel zu kommen, den Kampf gewonnen zu haben, ist unabhängig von Zeit und Platzierung aber jedes Mal gleich: „Das ist einfach überwältigend, man kann das gar nicht glauben. In der letzten Runde fließen dann bei mir auch schon mal ein paar Tränen”, gesteht Collet. „Mehrere Stunden so am Limit zu laufen, macht ja auch keinen Spaß. Aber die Anerkennung durch den Erfolg ist einfach toll. Man hat einfach diesen Drang zu kämpfen, will es sich selbst beweisen.”

In der Aachener Laufszene muss Collet niemandem mehr etwas beweisen, im August gewann das Laufwunder bereits zum sechsten mal in Folge den Monschau-Marathon. Auch international zählt Collet zu den Top-Ten-Athleten unter den Ultramarathon-Läufern. Und dabei hat Collet gerade einmal vor elf Jahren damit begonnen, sich intensiver mit dem Laufsport zu beschäftigen. „Wichtig ist, dass man vom Kopf her gerne läuft”, verrät Collet sein einfaches Erfolgsrezept. „Mir hat das Laufen immer Spaß gemacht, und ich habe stets schon dazu geneigt, einfach immer weiterzulaufen. Mein Laufstil ist sicherlich nicht optimal, aber vom Kopf und vom Geist her bin ich einfach der geborene Läufer.”

Beim Winterlauf der Aachener Turn-Gemeinde, für die Collet heute noch startet, entdeckte der Extremsportler damals seine Leidenschaft für die Wettkampfläufe. Wenn Collet am 11. Dezember beim 49. Winterlauf an den Start geht, schließt sich der Kreis einmal mehr. Der Verein hat ihm die Startnummer 1 gegeben. „Da möchte ich natürlich etwas zeigen”, meint Collet. „Ein Platz in den Top Ten ist mein Ziel. Aber da sind schon einige Raketen am Start.”

Die Vorbereitung für den Winterlauf hat Collet mittlerweile aufgenommen, aber 150 bis 180 Kilometer in der Woche, die Collet während der Vorbereitung auf einen Ultramarathon durchschnittlich zurücklegt, läuft er selbstverständlich nicht. Doch die Zeit, in der sich Collet wieder quält und innerlich flucht: Sie wird wieder kommen.

Wüste Pläne

Dabei schwirren Collet auch noch ganz andere Gedanken durch den Kopf, und sie zeigen, dass er das Laufen einfach nicht lassen kann: „Mir schwebt die Fabel vor, einmal einen Etappenmarathon in der Wüste zu laufen. Und ein Lauf durchs Death Valley, das wäre schon der absolute Wahnsinn.”

Nur noch fünf Startnummern für 49. Winterlauf

Innerhalb von zwei Wochen waren bereits alle 2500 Startplätze für den Aachener Winterlauf am 11. Dezember vergeben. Fünf der begehrten Startnummern werden bis Ende Oktober durch Hinterlassen eines Kommentars in der Event-Gruppe auf der Internetseite www.laufen.de verlost.

Die Strecke aus der Voreifel zum Chorusberg fordert die Läufer über eine Distanz von 18 Kilometern. An den Start geht auch Ultramarathonläufer André Collet, der siet dem Beginn seiner Karriere für die ausrichtende Aachener Turn-Gemeinde ins Rennen geht.

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